Neue Formen der Mobilität
Da bewegt sich was

Münster -

Das Thema Mobilität und Verkehr hat eine erstaunliche Wandlung durchgemacht. Viele Jahre steckte es in der Motz-Ecke fest. Au­tofahrer klagten über Staus, Zugfahrer über permanente Verspätungen: Sich darüber aufzuregen, gehörte zum guten Ton – und niemand hörte richtig hin. Das hat sich inzwischen verändert.

Freitag, 07.06.2019, 12:34 Uhr aktualisiert: 07.06.2019, 12:54 Uhr
Auto, Fahrrad, Zug – in den NRW-Regionen dreht sich derzeit alles um das Thema Mobilität. Foto: Colourbox.de

Wer heute über Mobilität spricht, besetzt ein Zukunftsthema, ei­nes das mo­­dern ist, hip und schick. Darum ist es inzwischen überall angekommen. Auch in der Politik.

Mittwoch, früher Abend, Düsseldorfer Landtag, Treffen von Vertretern der NRW-Regionen. Viele Menschen, ein The­ma: die Vernetzte Mobilität.

Was vor allem auffällt: Jeder Landstrich in NRW hat das Thema für sich entdeckt, arbeitet daran, will etwas verändern. Südwestfalen wird das autonome Fahren testen, der Raum Aachen ebenso. OWL wird im Rahmen der Regionale 2022 ganz mobil, das Münsterland ist von der Landesregierung zum Mobilitäts-Reallabor geadelt worden. Hier sollen modellhaft und wissenschaftlich begleitet neue Formen der Mobilität im ländlichen Raum entwickelt werden. Auch als Blaupause für andere ländliche Landstriche, die wie Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) es an diesem Abend sagt, „ähnlich suburban“ sind.

Viel passiert ist bisher nicht

Auf dem Land die Menschen mobil zu halten, „wird eine große Herausforderung für die Zukunft sein“, sagt Landtags-Vizepräsidentin Angela Freimuth (FDP). Mobilität sei mehr als nur Verkehr, ergänzt die münsterische Regierungspräsidentin Dorothee Feller. „Mobilität bedeutet Teilhabe.“

Doch auch wenn, so Feller, „die Verkehrswende in Ansätzen erkennbar ist“: Noch wird vor allem über vernetzte Mobilität gesprochen. Viel passiert ist bisher nicht.

Das soll aber bald kommen. Sagte jedenfalls der Fachminister. 50 Milliarden Euro verbuddelt das Land in der nächsten Zeit in die In­frastruktur. Straße, Schiene, Kanäle, Breitband: Letzteres ist für Wüst integraler Bestandteil des Verkehrsnetzes.

Die Menschen erklären uns für bekloppt, wenn wir das nicht koordiniert hinbekommen.

NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst

Der Ausbau braucht ein Gesamtkonzept als Fundament, betont der Minister. „Die Menschen erklären uns für bekloppt, wenn wir das nicht koordiniert hinbekommen.“ Ein wunder Punkt.

Digitale Revolution im Verkehr

Die Digitalisierung wird die Mobilität revolutionieren, meint Wüst. Car- und Bi­ke-Sharing, Bürgerbusse on demand, also auf Bestellung, Tickets kaufen, Fahrinfos abgreifen – alles online, alles anwenderfreundlich und alles auch auf dem Land und damit dort, „wo es nicht marktgetrieben funktioniert“. Das ist Wüsts erklärtes Ziel – und doch noch Zukunftsmusik. „Ein digitales Ticketsystem, landesweit und von der Haustür bis zum Ziel über alle Verkehrsträger hinweg funktionierend ist doch wohl das Mindeste“, sagt der Minister.

Ein digitales Ticketsystem, landesweit und von der Haustür bis zum Ziel über alle Verkehrsträger hinweg funktionierend ist doch wohl das Mindeste.

NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst

In NRW gibt’s das nicht. In den Niederlanden hingegen schon. Ansonsten, sagt Experte Prof. Hans Jeekel von der Eindhoven University of Technology, stünden die Nachbarn vor denselben Problemen wie NRW und alle anderen.

Kostenloser Nahverkehr?

Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) ist gegen einen komplett kostenlosen Nahverkehr . Man müsse die vorhandenen finanziellen Mittel in den Ausbau des Streckennetzes investieren statt in Gratis-Tickets, sagte Wüst am Donnerstag in Köln. «Kostenfreier ÖPNV bringt nur denen etwas, die schon eine Anbindung haben», sagte Wüst. Viele Kommunen in NRW seien bislang zu schlecht versorgt. «In meiner Heimatstadt Rhede ist seit 30 Jahren kein Zug gefahren, da hat man nichts von einem kostenlosen Ticket», sagte Wüst.

...

„In der Realität geht alles zu langsam“

Seine Kritik: Es wird viel geredet und zu wenig gemacht. „Große Erzählungen“, Pläne, Planspiele, Beratersprache. „In der Realität geht alles zu langsam.“ Es fehlt ein Masterplan, „es mangelt an inspirierendem Lea­dership“, moniert Jeekel. Kleine Projekte, hier ein Test, da ein Pilotvorhaben und die Konzentration allein auf die Elektromobilität als selig machendes Mobilitätswendewunder „bringen uns nicht weiter“.

Damit drehte der Niederländer am ganz großen Rad, das Prof. Peter Urban von der RWTH Aachen anschließend ein wenig zurückdreht. Die großen Herausforderungen der Mobilität lägen nicht in den Innenstädten, sondern auf dem Land sagt er – und greift den Freimuth-Gedanken vom Anfang auf. Um ländliche Räume auch künftig mobil zu halten, müssten natürlich alle Verkehrsträger intelligent verknüpft werden. „Aber für die Verbindung zwischen Stadt und Land gibt es derzeit wenig Alternativen zum Auto.“

Nachrichten-Ticker