Statt Urlaub arbeiten auf Bauernhöfen in der Schweiz
Landwirtschaft auf 2000 Metern

Havixbeck -

20 Mal höher als der Baumberg liegen die Bergbauernhöfe und Alpen in vielen Regionen der Schweiz. Frische Luft ist garantiert. Das Ankommen mit einem „Flachland“-Pkw mit Frontantrieb nicht unbedingt. Diese Erfahrung macht die Havixbeckerin Petra Focks einmal im Jahr, wenn sie Urlaub hat. Dann arbeitet sie in den Schweizer Bergen. Eine harte Beschäftigung als Ausgleich zum normalen Alltag zu Hause.

Samstag, 08.06.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 08.06.2019, 15:55 Uhr
20 Mal höher als der Baumberg liegen die Bergbauernhöfe und Alpen in vielen Regionen der Schweiz. Dort ist körperliche Arbeit in der Landwirtschaft ein großes Thema. Foto: Focks

Durch einen Arbeitskollegen hatte Petra Focks von der Möglichkeit der Freiwilligenhilfe auf einem Bergbauernhof in der Schweiz erfahren und einen „Einsatz“ in den Sommerferien vor drei Jahren ausprobiert. „Den habe ich nur mit Schmerztabletten und einer Packung Pflaster überstanden und gedacht – das machst du nie wieder“, lacht sie noch heute darüber.

Bis dann im nächsten Frühjahr ein Paket mit einem dicken Strauß frischer Alpenrosen aus der Schweiz in ihrem Wohnzimmer in Havixbeck landete. Dass sie diesem Wink gefolgt sei, bereue sie nicht. Fünf weitere Male habe sie bis jetzt in dieser Familie in Graubünden geholfen und auch in zwei weiteren Betrieben. „Ich bin beeindruckt vom Leben, von der Natürlichkeit, Herzlichkeit und Dankbarkeit dieser Menschen.“

Schon die normalen Arbeitsbedingungen lassen Familien der Bergbauernbetriebe gerade in Stoßzeiten, mehr noch in außerordentlichen Situationen, an ihre Belastungsgrenzen kommen. Viele Betriebe arbeiten ökologisch und biologisch. Weiden und Wiesen mit bis zu zehn Prozent Gefälle stellen eine Herausforderung vor allem bei der Heuernte dar.

Alle packen mit an

Neben dem Einsatz von Maschinen ist hier viel Handarbeit, „woman-power“, erforderlich. Großeltern, Tanten, Onkel, Kinder und freiwillige Helfer – alle packen mit an. Die Kleinsten helfen, indem sie kleine Heuhaufen mit dem Spielzeugtraktor zu den gelegten Maden fahren. Von außen betrachtet könnte der Spaßfaktor einem Familienausflug in einen Freizeitpark gleichen, wäre da nicht der beständige Kampf um die Existenz. Sommer wie Winter beginnt und endet der Tag mit der Arbeit im Stall. Um 4.30 Uhr herrscht im Stall munteres Gemeckere der 120 Ziegen. Aus dem Kuhstall klingt Radiomusik und der erste Eimer frisch gemolkener Milch steht schon vor der Tür. Die wird für die 26 Gitzis gebraucht, die der Mutter entwöhnt werden und lernen müssen, Milch aus Gefäßen zu saugen. Nicht alle schaffen das sofort und so wird in den ersten Tagen mit dem Fläschchen nachgeholfen. Nach gut einer Stunde sind alle satt und es kann mit dem Melken der Milchziegen begonnen werden.

Letzten Winter half hier auch Arno, ein junger Mann mit Trisomie 21, dem die Familie einen Ausbildungsplatz zur Verfügung gestellt hatte. Nach drei bis vier Stunden ist die morgendliche Stallarbeit – einschließlich füttern, misten und zäunen – getan und Frühstück ist angesagt.

Die vier Kinder sind inzwischen zur Schule ins zwei Kilometer entfernte Dorf gelaufen. Die erste Frage, wenn sie zurückkommen: „Was gibt es heute zu essen?“ Ladina, die Bäuerin, freut sich über Entlastung im Haushalt, um sich mehr um den kleinen Bauernladen, den sie zusätzlich im Dorf führt, kümmern und ihre Büroarbeit für die private Biomolkerei erledigen zu können.

Käselaibe verlangen Muskelkraft

Im Laden bedienen könne sie nicht, verrät Petra Focks. Für das Schwiizerdütsch sei ihre Sprachbegabung nicht ausreichend. Dafür könne sie den Kindern bei den Schulaufgaben helfen, die auf Hochdeutsch erledigt werden müssten. Und die zehn Kilo schweren Käselaibe verlangen bei der Pflege eher ein wenig Muskelkraft als Sprachtalent.

Solange es die physische Verfassung erlaubt, will Petra Focks diese Aufenthalte in den Bergen fortsetzen. Sie würde sich freuen, den einen oder anderen Havixbecker mit Gummistiefeln und Bergschuhen im Gepäck auf dem Weg in die Schweiz zu treffen. Auf der Internetseite der Schweizer Caritas kann man sich informieren und ganz unkompliziert einen Bergeinsatz buchen.

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