Virtuelle Realität macht Archäologie erlebbar
Das fliegende Großsteingrab

Westerkappeln/Lotte -

Wie aus dem Nichts richten sich rechts und links riesige Findlinge auf. Vom Himmel stürzen weitere dicke Brocken zum Boden. Den Kopf einziehen muss man nicht. Die Steine fliegen dem Betrachter nur digital um die Ohren und fügen sich am Ende zu einer imposanten Grabanlage zusammen, wie sie vor Jahrtausenden im Werser Holz im heutigen Grenzgebiet von Westerkappeln und Lotte errichtet wurde. Experten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) haben die Großen Sloopsteene jetzt mit Virtual Reality für Jedermann erlebbar gemacht.

Dienstag, 02.07.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 02.07.2019, 18:31 Uhr
Digitale Welt trifft Steinzeit oder umgekehrt: Ob mit richtiger VR-Brille, Cardboard fürs Smartphone oder in 2 D-Ansicht auf dem Tablet, die Großen Sloopsteene werden jetzt mit Virtual Reality für Jedermann erlebbar gemacht. Archäologin Dr. Kerstin Schierhold, der Archäoinformatiker Leo Klinke, Dr. Wieland Wienkämper aus Westerkappeln, Dr. Vera Brieske, Geschäftsführerin der Altertumskommission für Westfalen, und LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger tauchten am Dienstag mit moderner Technik in die Vergangenheit ein. Ja, wo fliegen die Steine denn ? Der Westerkappelner Archäologe, auch Vorstandsmitglied des Kultur- und Heimatvereins, ist beeindruckt von der virtuellen Realität. Der 63-Jährige kann sich gut vorstellen, die Großen Sloopsteene damit auch jüngeren Leuten näher zu bringen. Foto: Frank Klausmeyer

Wissenschaftler der Altertumskommission beim LWL hatten das Großsteingrab – die am besten erhaltene Anlage ihrer Art in Westfalen – vor vier Jahren im Rahmen eines groß angelegten, noch laufenden Projektes zur Megalithik in Westerkappeln systematisch untersucht und dabei teils überraschende Erkenntnisse gewonnen. Ein Ergebnis: Mit rund 5500 Jahren ist das Großsteingrab viel früher erbaut worden als bis dahin angenommen und damit älter als die Pyramiden von Gizeh oder die Steinkreise von Stonehenge.

Ziel des von der Archäologin Dr. Kerstin Schierhold geleiteten Megalthik-Projekts war von Anfang an, die Befunde mit modernsten Mitteln wissenschaftlich aufzubereiten und sie zeitgemäß zu präsentieren. Im Zuge der damaligen Forschungen wurden die großen Sloopsteene hochauflösend vermessen. „Das war die Basis für alle weiteren Rekonstruktionsprozesse“, erläutert der Archäoinformatiker Leo Klinke.

Künstliche Wirklichkeit

Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Altertumskommission fertigte zunächst auf Grundlage der Daten von 377 Millionen Messpunkten eine Animation der Großen Sloopsteene als sogenannte 3-D-Punktwolke an. Für die jetzt erstellte künstliche Wirklichkeit holte Klinke die Hochschule Bremen mit ins Boot, um die riesigen Datenmengen auf 38 MB zu komprimieren und so für die Darstellung in der VR-Brille oder auf dem Smartphone aufzubereiten. Im Gelände reicht dafür das Handynetz.

Virtual Reality lässt Große Sloopsteene fliegen

1/10
  • Mehr als nur ein Foto: Unzählige digitale Aufnahmen der Großen Sloopsteene sind die Basis für die Animation in der Virtual-Reality-App.

    Mehr als nur ein Foto: Unzählige digitale Aufnahmen der Großen Sloopsteene sind die Basis für die Animation in der Virtual-Reality-App.

    Foto: Altertumskommission für Westfalen/Leo Klinke
  • Ausprobiert: Die Animation mittels VR-Brille funktioniert auch auf dem heimischen Sofa. Im Gelände ist es aber ungemein spannender.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Ja, wo fliegen die Steine denn ? Der Westerkappelner Archäologe Dr. Wieland Wienkämper, auch Vorstandsmitglied des Kultur- und Heimatvereins, ist beeindruckt von der virtuellen Realität. Der 63-Jährige kann sich gut vorstellen, die Großen Sloopsteene damit auch jüngeren Leuten näher zu bringen.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Mit der VR-Brille kann man das Innere der 5500 Jahre alten Grabkammer besichtigen.

    Foto: Altertumskommission für Westfalen/Leo Klinke
  • Startbild der VR-Animation. Die weißen Säulen geben die Betrachtungsstandorte wieder, an die sich der VR-Brillenträger virtuell begeben kann.

    Foto: Altertumskommission für Westfalen/Leo Klinke
  • Virtueller Blick ins Innere der rekonstruierten Grabkammer.

    Foto: Altertumskommission für Westfalen/Leo Klinke
  • Kerstin Schierhold, Steinzeit-Expertin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) testet mit einer Virtual-Reality-Brille die Animation der Großen Sloopsteene bei Westerkappeln im Kreis Steinfurt. Die Steine sind das am besten erhaltene Großsteingrab in Westfalen. Wie die Grabanlage einmal von innen und von außen ausgesehen hat, können Besucher jetzt mit technischer Hilfe, einer Virtual-Reality-Brille oder auf dem eigenen Smartphone nachvollziehen.

    Foto: Caroline Seidel/dpa
  • Die Großen Sloopsteene bei Westerkappeln im Kreis Steinfurt sind das am besten erhaltene Großsteingrab in Westfalen. Wie die Grabanlage einmal von innen und von außen ausgesehen hat, können Besucher jetzt mit technischer Hilfe, einer Virtual-Reality-Brille oder auf dem eigenen Smartphone nachvollziehen.

    Foto: Caroline Seidel/dpa
  • Kerstin Schierhold, Steinzeit-Expertin des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), lächelt beim Termin zur Vorstellung einer Animation der Großen Sloopsteene bei Westerkappeln im Kreis Steinfurt. Die Steine sind das am besten erhaltene Großsteingrab in Westfalen. Wie die Grabanlage einmal von innen und von außen ausgesehen hat, können Besucher jetzt mit technischer Hilfe - einer Virtual-Reality-Brille oder auf dem eigenen Smartphone

    Foto: Caroline Seidel/dpa
  • Die Großen Sloopsteene bei Westerkappeln im Kreis Steinfurt sind das am besten erhaltene Großsteingrab in Westfalen. Wie die Grabanlage einmal von innen und von außen ausgesehen hat, können Besucher jetzt mit technischer Hilfe, einer Virtual-Reality-Brille oder auf dem eigenen Smartphone nachvollziehen.

    Foto: Caroline Seidel/dpa

Das Ergebnis ist beeindruckend, findet auch Dr. Wieland Wienkämper. Der Westerkappelner Lehrer ist selbst Archäologe und kletterte schon als Kind auf den Felsbrocken im Werser Holz herum. Nun steht der 63-Jährige mitten zwischen den Überbleibseln des Grabes und verfolgt „live“ vor seinen Augen, wie die Trag- und Decksteine sowie einige über die Jahrhunderte verloren gegangenen Findlinge sich wieder zur ursprünglichen 18,5 Meter langen Anlage zusammenfügen. Sogar die einstige Totenkammer kann er begehen. Das ganze funktioniert übrigens nicht nur im Wald bei den Sloopsteenen, sondern auch daheim auf dem Sofa – oder am Computerbildschirm, dann aber nur zweidimensional.

Zum Thema

Die Großen Sloopsteene bei Westerkappeln im Kreis Steinfurt sind das am besten erhaltene Großsteingrab in Westfalen. Die 5500 Jahre alte Grabanlage gehört zu den ältesten Bauten Europas - älter als die Pyramiden in Ägypten oder Stonehenge in England. 

Online-Angebot der Altertumskommission für Westfalen: Mit Virtual Realitiy ins Megalithgrab

...

Plan für virtuelle Bestattungszeremonie 

„Archäologie muss man nicht neu denken, aber die Ergebnisse kann man heute anders präsentieren“, meint LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. „Wir müssen den Menschen Bilder in den Kopf setzen, damit sie verstehen, was Verfärbungen im Erdreich oder solche Steinanhäufungen bedeuten.“ Durch die virtuelle Realität werde besser deutlich, welchen Aufwand die Menschen vor über 5000 Jahren betrieben haben, um tonnenschwere Steine zu bewegen. „Sie hatten den Willen etwas zu erschaffen, was lange Zeit Bestand haben sollte“, ergänzt Kerstin Schierhold.

Wir müssen den Menschen Bilder in den Kopf setzen.

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger

Die nun erschaffene künstliche Wirklichkeit soll nur Teil eines viel größer angelegten Projektes sein. Als nächstes wollen Klinke und Kollegen eine Bestattungszeremonie einbauen, in der sich beispielsweise Menschen gemeinsam auf das Großsteingrab zubewegen. „Der Betrachter soll dann durch die VR-Brille Teil dieser Prozession werden“, sagt der 27-Jährige. Bis 2022 hofft er auf die Fertigstellung.

Und wie für die Großen Sloopsteene bei Westerkappeln wolle der LWL auch für das Römerlager in Haltern sowie für die mittelalterliche Holsterburg im Regierungsbezirk Detmold solch virtuelle Realitäten schaffen. „Wir möchten Zeitreisen anbieten“, kündigt Rüschoff-Parzinger an. „Dafür muss man dann nicht in die Museen. Wir werden mit den Präsentationen auch in Einkaufszentren gehen.“

Nachrichten-Ticker