Sexuelle Gewalt in der Kirche
Interventionsbeauftragter im Bistum Münster: „Es gibt noch viel zu tun“

Münster -

Immer dann, wenn es im Bistum Münster um das Thema sexuelle Gewalt geht, ist Peter Frings erster Ansprechpartner. Seit 100 Tagen ist der Jurist im Amt. Sein erstes Fazit: „Es gibt noch viel zu tun.“

Donnerstag, 04.07.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 04.07.2019, 09:32 Uhr
Peter Frings kümmert sich seit 100 Tagen um alle Fälle von Missbrauch und sexueller Gewalt im Bistum Münster. Viele Leidensgeschichten, mit denen der 60 Jahre alte Jurist konfrontiert wird, „kann man sich manchmal gar nicht vorstellen“, sagt er. Foto: Gunnar A. Pier

100 Tage befindet sich Peter Frings nun im Amt. Der 60-jährige Jurist ist der Interventionsbeauftragte im Bistum Münster. Seit dem 1. April laufen bei ihm alle Fäden zusammen, wenn es um das Thema sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche geht. Sein erstes, vorsichtiges Fazit: „Es gibt noch viel zu tun.“ Alles andere hätte auch verwundert.

Der Missbrauchsskandal hat die Kirche bis in die Grundfesten hinein erschüttert. Frings spricht von ei­nem „eklatanten Vertrauensverlust“. Viele Jahre wurde das Thema vertuscht. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. „ Natürlich müssen wir uns dem stellen“, sagt Frings. Sich dem stellen: Das war für den dreifachen Familienvater auch die Motivation, sich um die Position zu bewerben. „Vielleicht kann ich etwas bewegen.“

Hohe Erwartungen 

Hier wird das Eis dünn. Frings weiß natürlich, dass die Erwartungen turmhoch sind, aber weder klar ist, ob er etwas erreichen kann – und wenn ja, was –, noch wie groß etwaige Widerstände sind. Es wäre schon ein Erfolg, „wenn Betroffene im Bistum sagen: ,Man kann sich dort melden und die Verfahren laufen in geordneten Bahnen ab‘“, meint er. Eigentlich sei so etwas ja selbstverständlich. Eigentlich.

In seiner neuen Funktion wird Frings, der zuvor als Justiziar und Leiter der Abteilung Recht und Wirtschaft beim Caritasverband in der Diözese Münster tätig war, im Grunde täglich mit ­Leidensgeschichten konfrontiert. „Das, was man da so hört, macht einen schon fertig“, sagt er. „Man kann sich so etwas manchmal überhaupt nicht vorstellen.“

"All das Gute wird von einem Thema überlagert"

Die Zeit, in der das Unvorstellbare wirklich unvorstellbar – und damit unaussprechlich schien, ist zwar seit knapp zehn Jahren vorbei. Dennoch liegt der Missbrauch wie Mehltau auf allen Bereichen der Kirche – und den Seelen vieler Kirchenmitarbeiter. Viele Tausend von ihnen leisteten jeden Tag hervorragende Ar­beit – „ in der Pflege, der Sozialarbeit oder Gemeinde­katechese“. Doch all das Gute werde von dem einen Thema überlagert.

 Nichts schönreden, aber auch nicht in Bausch und Bogen urteilen. Hinschauen, zuhören, glaubwürdig sein, zur eigenen Verantwortung stehen und „das Bestmögliche für die Opfer machen“, so sieht Frings seine Aufgabe.

Die Perspektive stimmt 

Wobei es keine Generallösungen gebe, weil kein Fall wie der andere sei. „Kümmerer“ ist eine Bezeichnung, die dem 60-Jährigen gefällt. Weil sie seinem Selbstverständnis entspricht und vor allem: weil die Perspektive stimmt.

139 beschuldigte Kleriker hatte die MHG-Studie (benannt nach den beteiligten Universitäten Mannheim, Heidelberg, Gießen) seit 1946 für das Bistum Münster aufgelistet. Der Generalvikar des Bistums Münster, Dr. Klaus Winterkamp, hatte unlängst zusagt, die Fälle aufarbeiten zu lassen. Es gehe darum, aus der Geschichte und aus den Fällen zu lernen. Die „retrospektive Aufarbeitung soll helfen, nach vorne zu schauen und zu sensibilisieren“, sagte der Generalvikar.

Präventive Schulungen 

Bislang sind im Bistum von der Katechetin über die Erzieherin bis zum Jugendseelsorger rund 50 000 Mitarbeiter und Ehrenamtliche präventiv geschult worden. „Wir müssen die Sensibilität schärfen“, unterstreicht auch Frings.

Bei der Nennung von Täter-Namen will Frings künftig vorsichtiger sein. Weder Vorverurteilung noch Bloßstellung seien zielführend. Es sei klar, „dass wir mit dem Wissen von heute vieles anders bewerten“, sagt er – auch mit Blick auf Bischof Reinhard Lettmann (1933 – 2013), der den Täter-Priester Heinz Pottbäcker als jungen Generalvikar Ende der 1960er Jahre mehrfach versetzte, obwohl dessen Pädophilie aktenkundig und der Mann einschlägig vorbestraft war.

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