Totschlags-Prozess
Dement und überfordert: 86-Jährige muss nach Totschlag in Klinik

Dülmen -

Jahrelang hat sie ihren dementen Mann gepflegt. Als er sich am Ersten Weihnachtstag wieder einnässte, drehte sie durch. Am Dienstag hat sie das Landgericht verurteilt.

Dienstag, 09.07.2019, 14:52 Uhr aktualisiert: 09.07.2019, 15:31 Uhr
Die Angeklagte (r.) sitzt beim Prozessbeginn im Landgericht Münster neben Ihrer Rechtsanwältin (l). Foto: Guido Kirchner/dpa

Eine 86-jährige Frau aus Dülmen, die ihren dementen Mann mit einem Holzschrubber und Tritten so schwer verletzt hat, dass er an seinen Verletzungen gestorben ist, muss unbefristet in einer psychiatrischen Klinik leben. Das hat das Landgericht Münster am Dienstag entschieden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Paar war 64 Jahre verheiratet, der Mann schwer dement und nässte sich regelmäßig ein. Bei der Frau war am 1. Weihnachtstag 2018, als sich ihr Ehemann wieder einnässte und daraufhin die Tat geschah, die Krankheit in ihren Anfängen. Gutachter hatten im Verfahren erklärt, dass die Frau mit der Pflege ihres Mannes komplett überfordert war. Trotzdem war die bald 87-jährige Frau nicht zu bewegen gewesen, die Pflege einem Profidienst zu überlassen. „Ich habe ihn geheiratet, also pflege ich ihn auch weiter“, war nach den Worten ihrer Anwältin ihre Haltung.

Tragisch: Wenige Tage nach der Tat war geplant, dass trotzdem ein Pflegedienst „zur Probe“ in die Wohnung kommen sollte. Der Arzt ihres Mannes hatte zuvor Anzeichen von Verwahrlosung entdeckt.

Kein Zweifel bestand im Gerichtssaal, dass die Steuerungsfähigkeit der Frau erheblich vermindert war. Nachbarn hatten immer mal wieder Wutausbrüche der Frau beobachtet, bei denen sie ihren Mann auch schon vor der Tat mit einem Schirm geschlagen habe.

Deswegen hatte der Staatsanwalt gefordert, dass sie geschlossen untergebracht werden sollte. Es sei nicht auszuschließen, dass sie in schwierigen Situationen etwa in einem Pflegeheim wieder gewalttätig werden könnte. Die Frau sei für die „Allgemeinheit gefährlich“. Deswegen kämen mildere Mittel nicht in Betracht.

Im Verfahren hatte die Angeklagte immer betont, ihrem Mann nichts angetan zu haben. Auf die Vorwürfe hatte sie immer empört reagiert. Als jüngstes von elf Kindern habe die Angeklagte gelernt, sich bis zu Selbsterschöpfung um andere zu kümmern. Trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigung habe es in ihren Wertevorstellungen nicht die Möglichkeit gegeben, ihren Mann von einem Pflegedienst betreuen zu lassen, schilderte die Anwältin.

Problematisch sei unter anderem gewesen, dass die Frau dafür ein ärztliches Gutachten gebraucht hätte, in dem ihre Überforderung dokumentiert gewesen wäre. Das gab es aber nicht. Die Dülmenerin war nach Angaben ihrer Anwältin nie beim Arzt.

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