Interview mit Hatice Kaplan
Förderung von Kindern aus Migrantenfamilien: Auf dem dritten Stuhl

Greven -

Hatice Kaplan, 39, ist eine Schwäbin aus Augsburg. Ihre Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei, die Eltern sind ihnen gefolgt. Kaplan hat Bildungswissenschaften studiert und sich im Grevener Bildungszentrum WeBiKul um die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte gekümmert. Unlängst erhielt ihr Projekt einen Preis der Town & Country Stiftung.

Freitag, 04.10.2019, 21:50 Uhr aktualisiert: 04.10.2019, 22:00 Uhr
Hatice Kaplan organisiert ein Integrationsprojekt beim WeBiKul-Verein mit. Foto: Marie Rövering

Mit Kaplan sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Sie bieten bei WeBiKul ein Integrationsprojekt für Kinder. Was ist das Ziel?

Hatice Kaplan: Die Kinder sollen in der Gesellschaft ankommen und Verantwortung übernehmen. Dabei können sie eine bikulturelle Identität entwickeln. Sie bringen etwas über die Kultur ihrer Eltern mit, die sich vielleicht unterscheidet von der Mehrheitsgesellschaft. Aber sie sollen auch die Werte der Mehrheitsgesellschaft verinnerlichen. Sie müssen sich nicht zwischen „zwei Stühlen“ entscheiden, sondern sie haben noch einen „dritten“ Stuhl. Diesen dritten Stuhl gibt es oft bei Menschen die mehrsprachig sind und Migrationshintergrund haben.

Sie selber gehören zur zweiten bzw. dritten Migranten-Generation. Sprechen Sie Türkisch so gut wie Deutsch?

Kaplan: Ich würde sagen, dass ich sehr nah dran bin. Aber ich weiß nicht, wie gut ich im Schriftlichen bin. Ich habe noch nie in einem türkischen Unternehmen gearbeitet. Aber ich lese türkische Bücher, vor allem höhere Literatur. Wir haben dieses sogenannte Code-Switching. Das heißt, dass wir innerhalb mehrerer Sprachen wechseln können. Selbst in einem Satz sprechen wir manchmal mehrere Sprachen. Ich kann mich in der nächsten Sekunde komplett auf türkische Sprachfloskeln umstellen. Das können eigentlich alle mehrsprachigen Menschen.

Sie machen bei WeBiKul Integrationsarbeit für Kinder aus sehr verschiedenen Kulturen. Ist das für Sie eine Herausforderung?

Kaplan: Wir hatten vorhin den Fall einer lernungewohnten Frau aus Nigeria, die schulisch weniger Erfahrung mitbringt als jemand, der bereits studiert hat. Das ist eine Riesenherausforderung. Aber wir sind ja eine Migrantenselbstorganisation, die von Grund aus mehrsprachig und interkulturell ist. Wir sehen solche Herausforderungen nicht als Schwierigkeit, sondern als Bereicherung.

Dafür braucht man die richtigen Leute?

Kaplan: Wir haben viele Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter. Zum Beispiel eine ehemalige Kursteilnehmerin, die heute an der Uni Münster studiert. Sie assistiert den Lehrkräften, und dadurch haben wir die Möglichkeit der Binnendifferenzierung im Unterricht.

Sie machen Angebote in den Ferien oder am Sonntag. Bewegen sich die Kinder da einfach nur in ihren eigenen kulturellen Umgebungen?

Kaplan: Es geht uns nicht um die Pflege der Herkunftskultur. Ich wurde gefragt, ob wir Koran-Unterricht anbieten. Nein, es geht uns um Bildung allgemein. Wenn wir zum Beispiel über Ökologie sprechen, dann sprechen wir über die Ökologie in Deutschland und nicht über die in Syrien oder in der Türkei. Wenn wir von Mülltrennung, Umweltschutz oder Kommunikation sprechen, dann sprechen wir davon, wie sie hier üblich ist. Oder wenn wir von Ernährung reden, geht es um eine gesunde Lebensweise und um Fragen wie „Was ist gesund? Wie muss ich mich ernähren?“ Ihre eigenen Sitten kennen die Kinder ja. Da mischen wir uns auch nicht ein.

Bei ihren Veranstaltungen spielt Theater eine Rolle. Das heißt, eine andere Rolle anzunehmen und sich auf der Bühne zu präsentieren. Wie wichtig ist das für Sie?

Kaplan: Oh, ich bin gar keine Theater-Pädagogin, aber was ich gemerkt habe ist, dass die Kinder aus sich herausgekommen. Das fand ich sehr schön, zu sehen, wie sie andere Identitäten einnehmen, sich ausprobieren und selbstbewusster werden. Sie entwickeln soziale Kompetenzen und sind bei der Sprachproduktion gefordert.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Sprachen, mit denen Sie aufgewachsen sind?

Kaplan: Ich würde sagen, meine Muttersprachen sind Türkisch und Deutsch. Ich würde nicht sagen, dass Deutsch meine Zweitsprache ist. Ich denke Deutsch und Türkisch. Mir würde was fehlen, wenn ich die deutsche Kultur nicht hätte, da wäre ich nur halb ich. Ich verstehe die Aufrufe auch nicht: „Geh doch zurück in dein Land“. Das geht ja gar nicht, da müsste ich mich halbieren. Ich würde auch nie meine türkischen Wurzeln ignorieren. Dann wäre ich nur ein halber Mensch. Für mich ist das keine Zerrissenheit, es ist etwas Komplementäres. Professor Tarek Badawia drückt es in seinem Buch „Der dritte Stuhl“ treffend aus, was mir sehr gefällt.

Davon sprachen Sie am Anfang.

Kaplan: Es gibt die türkische Kultur und die deutsche Kultur – da kann es zu Spannungen kommen. Aber Menschen wie ich, die hier aufgewachsen sind, die hier sozialisiert sind, für die ist es selbstverständlich, hier zu sein. Sie haben eine ganz andere Sicht. Sie sitzen auf dem dritten Stuhl. Das würde ich so unterschreiben.

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