Prozessauftakt
Sexueller Missbrauch: Stiefvater fordert „Dienste“ ein

Senden -

Wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung seiner Stieftochter muss sich ein 56-Jähriger seit Donnerstag vor dem Landgericht Münster verantworten. Der Mann lebte alleine mit dem Mädchen in einer Wohnung in Senden, nachdem die Mutter des Kindes und bis dato Lebensgefährtin ausgezogen war.

Freitag, 01.11.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 01.11.2019, 11:43 Uhr
Vor dem Landgericht begann am Donnerstag der Prozess wegen sexuellen Missbrauchs. Im Bild rechts eine Gutachterin und die Vertreterin des Opfers als Nebenklägerin. Foto: di

Sie bittet um Geld für den gemeinsamen Stadtbummel mit einer Freundin. Was sie vor der unbeschwerten Teenager-Freizeit dafür tun muss: Das Bad besuchen. Mit ihrem Stiefvater, der sie dort sexuell missbraucht. Der Tatort war fast immer derselbe, das Muster des Täters auch: Das Mädchen wollte ihr Lieblingscomputerspiel aufrüsten, das Haarefärben beim Frisör bezahlen, ein Zugticket kaufen oder es hatte nur gerade die ohnehin fälligen Schuhe und einen Badeanzug bekommen. Was sie dafür tun musste, nannte die Staatsanwältin „sexuelle Handlungen gegen Entgelt“. Und auf eine „besonders erniedrigende Weise“, wie die Vertreterin der Anklagebehörde ergänzte.

Seit Donnerstag muss sich ein 56-Jähriger vor der 21. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung verantworten. Sieben Taten gegen seine 2003 geborene Stieftochter werden dem gebürtigen Syrer, der seit 1991 in Deutschland lebt, vorgeworfen.

Mädchen offenbart sich und erstattet Anzeige

Zwischen Juni 2018 und Mai 2019, so die Staatsanwältin, musste das Mädchen, diese Übergriffe „über sich ergehen lassen“. Es lebte allein mit dem Stiefvater in dessen Wohnung, nachdem sich die Mutter Anfang 2018 von ihrem bis dato Lebensgefährten getrennt hatte und in den Irak gezogen war. Der Stiefvater, der bei zwei Besuchen des Jugendamtes eine Art schriftliche Vollmacht der Kindsmutter vorweisen konnte, übernahm die Erziehung.

Die – wie auch das Opfer bestätigt haben soll – langjährig intakte Beziehung zu dem Stiefvater (den sie „Papa“ nannte und mit dem sie seit ihrem sechsten Lebensjahr zusammenlebte) kippte, als die beiden alleine waren. Und zwar solange, bis die Heranwachsende sich offenbarte und selbst Anzeige erstattete.

Langjährig intakte Beziehung kippt

Was in dem Angeklagten vorging, dass er sich an dem Mädchen – das er auch vor Gericht „mein ein und alles“ nannte – vergangen hat, wollte die Vorsitzende Richterin wissen. Von der Antwort, die er in der Vernehmung gegeben hat, distanzierte sich der 56-Jährige inzwischen. Gegenüber der Polizei habe er gesagt, dass er sich zu dem Mädchen hingezogen gefühlt habe, wurde er vor der Strafkammer erinnert.

Diese damalige Aussage bestätigte der Angeklagte, betonte jedoch: „Sie ist erwachsen geworden, aber das ist kein Grund.“ Es sei „schlimm, was ich getan habe“, betonte der gelernte Elektriker, der in Deutschland in der Gastronomie, in einem Großmarkt und in einer Tischlerei gearbeitet hat, auf der Anklagebank sitzend.

Geständnis zeichnet sich ab

Dass er zumindest dazu beitragen will, den Prozess zu verkürzen und dem Opfer eine Aussage zu ersparen, zeichnete sich bereits zum Auftakt ab. Denn im Zuge einer „Verständigung“ wurde zwischen Kammer, Staatsanwaltschaft und Verteidigung nach einer Unterbrechung der mögliche weitere Fortgang abgesteckt. Sofern der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ablegt, könnte der Strafrahmen auf drei bis dreieinhalb Jahre eingegrenzt werden.

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