Montageplatz statt Behindertenwerkstatt
„Er macht keine Fehler“ - so arbeitet ein Autist bei Schmitz Cargobull

Vreden -

An Montageplatz 3 in Logistikhalle 24 bei Schmitz Cargobull in Vreden sitzt Felix Thesing und klebt akribisch rote Streifen auf Aluprofile. Das ist wahrlich nicht selbstverständlich: Menschen wie Felix arbeiten häufiger in Behindertenwerkstätten als in „echten“ Firmen. Der 23-Jährige ist Autist - und aus dem Unternehmen nicht mehr wegzudenken.

Donnerstag, 05.12.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 05.12.2019, 11:49 Uhr
An Montageplatz 3 in Logistikhalle 24 sitzt Felix Thesing und klebt akribisch rote Streifen auf Aluprofile. Das ist wahrlich nicht selbstverständlich: Menschen wie Felix arbeiten häufiger in Behindertenwerkstätten als in „echten“ Firmen. Der 23-Jährige ist Autist. Foto: Gunnar A. Pier

Der erste Verdacht kam Irene Thesing, als Felix etwa neun Monate alt war. Ihr Sohn nahm nie Blickkontakt auf, war oft auf irgendetwas fixiert, und sei es ein Schlüsselbund. Er reagierte kaum auf Ansprache, dabei ergab der Hörtest keine Auffälligkeiten. Es stellte sich heraus: Felix ist an Autismus erkrankt. Doch Mama Irene gab nicht auf, sondern hängte sich mit vollem Engagement rein, um das Beste aus der Situation zu machen. Mit Erfolg: Seit August hat der heute 23-Jährige einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei Schmitz Cargobull in Vreden.

Ein Wagnis? So scheint Wilhelm Elling das gar nicht zu sehen. Eher als Herausforderung, ja Bereicherung. „Wir haben hier keine Berührungsängste“, sagt der Ausbildungsleiter in dem Lkw-Aufliegerwerk im Westmünsterland. Also stimmte er gleich zu, als der Kontakt zwischen Betrieb und Familie auf einer Berufs-Orientierungsmesse entstand. Schon während Felix seinen Hauptschulabschluss baute – zunächst an einer regulären Hauptschule, später am Berufskolleg – hatte er Praktika bei Schmitz absolviert. Und nach der Schule fing er wieder dort an.

„Er macht keine Fehler“

„Die größte Herausforderung war die Kommunikation“, erinnert sich Ausbildungsleiter Wilhelm Elling. Sein Schützling wirkte abwesend, wenn er ihm etwas erklärte. Hat er verstanden, was er tun soll? Hat er: „Wenn er eine Aufgabe einmal abgespeichert hat, ist er nicht mehr aufzuhalten.“ Wenn irgendwelche Teile zusammengesetzt werden müssen, ist eine gewisse Fehlerquote eingerechnet. Falsche Messingadapter, fehlende Schrauben, so was. „Als Felix anfing, erreichten wir 100 Prozent – er macht keine Fehler.“ Er kommt nie zu spät, vergisst nichts. Ein Kuriosum, das man so formulieren könnte: Durch seine Krankheit fehlt ihm die Kreativität, um Fehler zu machen. Felix braucht immer gleiche Abläufe, dann funktioniert er. „Er wird auch nicht müde“, erklärt Elling sichtlich begeistert.

Produktiver Mitarbeiter

Felix arbeitet produktiv mit – und das ist wichtig, wie die Verantwortlichen zugeben. „Für mich steht letztendlich die Wertschöpfung im Vordergrund“, sagt Elling. Er kümmert sich mit Leidenschaft um seinen Schützling, bastelt etwa verständliche Arbeitsanleitungen mit vielen Fotos. Doch er arbeitet in einer privaten Firma, die ihm dafür viele Freiheiten lässt – aber am Ende auch Grenzen setzt. Wäre der junge Autist ein Klotz am Bein, würde das vermutlich auf Dauer nicht gut gehen. Aber als Felix einmal Urlaub haben wollte, sagten die Kollegen: „Das geht nicht, den brauchen wir hier!“ Ein gutes Zeichen. Der junge Mann ist akzeptiert und in­te­griert. Auch wenn er anders ist: „Er ist einfach Felix!“

Neue Initiative

„Metall- und Elektro-Unternehmen in NRW sind bereit, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen“, formuliert  der Verband Münsterländischer Metallindustrieller. Doch noch immer gebe es viele Hürden, darunter „Kompetenzrangeleien der verschiedenen Institutionen.“

Um die Lage zu verbessert, wird am heutigen Donnerstag eine gemeinsame Initiative von Gesamtmetall NRW, IG Metall NRW, Regionaldirektion Arbeitsagenturen NRW und den Landschaftsverbänden zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung vorgestellt.

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Wie gewünscht

So hat Mutter Irene Thesing sich das immer gewünscht. Sie wollte, dass ihr Sohn in den regulären Kindergarten geht, in die reguläre Schule, in einen regulären Betrieb. „Eine Behindertenwerkstatt kam für mich nicht infrage.“ Sie will, dass ihr Sohn so weit wie möglich am normalen Leben teilnimmt. Dafür kämpft sie seit über 20 Jahren.

Heute bekommt Felix Thesing den regulären Lohn ausgezahlt. Das Unternehmen, das sich so um seine Integration bemüht, erhält dafür Zuschüsse von der Arbeitsagentur und vom Landschaftsverband.

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