Dem Schicksal Franziska Rössinks auf der Spur
Den Opfern ein Gesicht geben

Ochtrup -

1941 wurde die Ochtruperin Franziska Rössink von den Nationalsozialisten in die Landesheilanstalt Hadamar eingewiesen und dort wie tausende andere Menschen mit physischen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Damit ihre Geschichte nicht vergessen wird, hat sich WN-Mitarbeiterin Rike Herbering auf Spurensuche begeben.

Dienstag, 07.01.2020, 06:00 Uhr
Franziska Rössink – hier ihre Meldekarte – wurde 1941 in der Landesheilanstalt Hadamar von den Nationalsozialisten ermordet. Foto: Stadtarchiv Ochtrup

Egal, ob in Dokumentationen, Filmen oder der Literatur – obwohl tausende Menschen mit physischen oder psychischen Erkrankungen vom NS-Regime ermordet wurden, wird die Euthanasie in der NS-Zeit bis heute eher selten thematisiert. Häufiger werden stattdessen, unter Betrachtung der historischen Begebenheiten, die Opferzahlen der Mordaktionen, die durch die Anhänger Adolf Hitlers verübt wurden, genannt. Die einzelnen Menschen mit ihren individuellen und berührenden Schicksalen rücken allerdings in den Hintergrund oder werden gänzlich vergessen. Um dem entgegenzuwirken und damit den Opfern ein Gesicht zu geben, habe ich mich in meiner Facharbeit mit der Lebensgeschichte der Och­truperin Franziska Rössink befasst.

Beginn der Spurensuche

Ausgehend von einem Brief an ihre Schwester Johanna Rössink vom August 1941, in dem die Behörden eine Angina mit anschließender Sepsis als Todesursache Franziskas angeben, forschte ich über ihr Leben und ihre wahren Todesumstände.

Auch sie, so fand ich heraus, war ein Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Aus bisher unklaren Gründen wurde sie in die Heilanstalt Warstein eingewiesen und von dort über eine Zwischenstation in die Landesheilanstalt Hadamar gebracht, in deren Gaskammer sie schließlich getötet wurde.

Das Ergebnis meiner Facharbeit präsentierte ich im Anschluss meinen Mitschülern aus dem Leistungskurs Geschichte der Q 2 des Gymnasiums, die sich aufgrund der tragischen Lebensgeschichte Franziska Rössinks betroffen zeigten, und ihrem Schicksal großes Mitgefühl entgegenbrachten.

Gedenkbuchprojekt der Villa ten Hompel

Gemeinsam entschieden wir uns dazu, Franziska Rössinks Geschichte für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und diese für die Nachwelt festzuhalten.

Bei unserer Suche nach einer geeigneten Möglichkeit, stießen wir schließlich auf das Gedenkbuchprojekt der Villa ten Hompel in Münster. In diesem können Gruppen – aber auch Einzelpersonen – Gedenkblätter für Opfer des Nationalsozialismus einfügen. Ziel ist es, durch historisches Erinnern und namentliches Gedenken der Ablehnung und Diskriminierung gesellschaftlicher Minderheiten in Gegenwart und Zukunft entgegenzuwirken.

In der Gedenkstätte haben wir das von uns zuvor gemeinsam verfasste Gedenkblatt für Franziska Rössink vorgelesen und es an Peter Schilling vom Verein „Spuren finden“ übergeben. Dort wird es gemeinsam mit anderen Gedenkblättern über weitere Opfer des Nationalsozialismus aus dem Münsterland verwahrt, um dem Vergessen entgegenzuwirken und den Opfern ein Gesicht zu geben.

Folgende Vita ist nun in Münster hinterlegt:

Franziska Rössink wurde am 20. September 1910 in Ochtrup geboren. Nachdem ihre Mutter verstorben war, heiratete ihr Vater am 26. Juli 1926 erneut. Insgesamt hatte Franziska Rössink neun Geschwister, wovon zwei Halbgeschwister waren.

Ab ihrem sechsten Lebensjahr besuchte sie die Volksschule in der Oster und verließ diese mit 14 Jahren, um in der Textilfirma der Gebrüder Laurenz zu arbeiten. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr wohnte Franziska Rössink in ihrem Elternhaus in der Oster, bei dem es sich um ein Werkshaus der Firma Gebrüder Laurenz handelte, bevor sie am 30. November 1930 in das Marienheim (heute Laurenzstraße 26, damals ein Wohnheim für junge Arbeiterinnen der Firma Laurenz) zog.

Am 4. Mai 1931 folgte ihre Einweisung in die Heilanstalt Warstein, von wo aus sie am 27. Juni 1941 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn verlegt wurde.

Von dort folgte eine letzte Verlegung in die Landesheilanstalt Hadamar, wo sie schließlich am 7. August 1941 ermordet wurde.

Landesheilanstalt Hadamar

1883 nahm in Hadamar eine Korrigendenanstalt ihren Betrieb auf. Aus ihr ging 1906 die Landesheilanstalt hervor. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nutzte die Wehrmacht das Gebäude als Reservelazarett. Ende 1940 wurden Umbauten in der Landesheilanstalt durchgeführt, um sie als Tötungsanstalt für die „T4-Aktion“ einzusetzen. Eine Gaskammer, ein Sezierraum und zwei Verbrennungsöfen wurden installiert sowie eine Busgarage erbaut.

In den Jahren 1941 bis 1945 ermordeten die Nationalsozialisten in der Landesheilanstalt Hadamar fast 15 000 Männer, Frauen und Kinder. Zwischen Januar und August 1941 waren nachweislich fünf Ochtruper unter den Opfern – drei Frauen und zwei Männer. Sie wurde mit Hilfe von Kohlenmonoxid-Gas ermordet. Ein Ochtruper von 26 Jahren wurde 1943 Opfer der anstaltsinternen Euthanasie-Morde.

Im Gegensatz zu 1941 töteten die Nationalsozialisten ihre Opfer nicht durch Gas, sondern durch überdosierte Medikamente, gezielte Mangelernährung und unterlassene medizinische Versorgung. Die Angabe der Todesursache war in der Regel falsch, um Angehörige und Behörden zu täuschen. Nach dem Krieg wurden die Opfer nicht als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt und erhielten folglich keine Wiedergutmachung.   

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