Nachnutzung für profanierte Kirchen
Was kommt nach dem Gebet?

Münsterland -

Immer mehr Kirchen schließen. Doch was kommt dann? Wie kann eine angemessene Nachnutzung aussehen? Ein Blick ins Münsterland zeigt verschiedene Lösungen für verschiedene Orte.

Mittwoch, 22.01.2020, 06:45 Uhr aktualisiert: 22.01.2020, 09:49 Uhr
„Soccer-Kirche“: Das Altarbild ist erhalten, doch wo einst Gläubige auf Bänken knieten, wird heute gekickt. Immobilienunternehmer Berthold Krümpel (rechts, mit Betriebsleiter Frank Höffer) hat die Wettringer Kirche des St. Josefshauses zu einer Soccer-Halle umgebaut. Foto: Gunnar A. Pier

Wer in die Dülmener Maria-Königin-Kirche tritt, steht zwischen barrierefreien Wohnungen. Wer in die St.-Konrad-Kirche in Rheine tritt, steht zwischen Hantelbänken. Wer in die münsterische St.-Elisabeth-Kirche tritt, steht zwischen turnenden Grundschülern. All diese Kirchen haben eins gemeinsam: Sie sind profaniert, sie sind also keine Kirchen mehr. 64 sind es im katholischen Bistum Münster. Mit der Suche nach einer Nachnutzung der Gebäude macht sich das Generalvikariat viel Mühe.

Dass Kirchen geschlossen werden, verwundert nicht. Die stetigen Kirchenaustritte führen dazu, dass das Geld knapp wird, auf der anderen Seite kommen immer weniger Menschen sonntags in die Gottesdienste: zwischen fünf und 15 Prozent der Katholiken. Da gilt es zu rechnen. So fielen etwa in der Marienkirche in Gescher selbst dann noch jährlich rund 30 000 Euro an Heizkosten an, als sie schon gar nicht mehr genutzt wurde. Eine Grundwärme ist eben nötig, damit die Bausubstanz nicht schimmelt.

Beispiel Greven

Also gibt die Kirche nach und nach Kirchen auf. In Greven etwa wurde 2019 die St.-Josef-Kirche abgerissen, auf dem Grundstück entsteht ein Neubau mit Kirchenraum und Platz für Vereinsarbeit. Für die Marienkirche auf der anderen Seite der Ems wird nach einem Weg für die Zukunft gesucht.

„Die Würde des Ortes und die Emotionen der Menschen haben hohe Priorität“, sagt Georg Schoofs, beim Generalvikariat zuständig für „strategische Liegenschaftsentwicklung“. Weil am Ende die Glaubwürdigkeit der Institution auf dem Spiel steht, macht es sich seine Abteilung nicht leicht dabei, eine Nachnutzung zu suchen.

Fingerspitzengefühl gefragt

„So unterschiedlich wie die Gebäude sind auch die Lösungen“, erklärt er. Einen generellen Masterplan gibt es nicht, aber: „Priorität hat zunächst eine kirchliche Nutzung.“ In Lüdinghausen hat die evangelisch-pfingstliche Freikirche „Gottes Wort“ die Kirche St. Ludger gekauft und nutzt sie für ihre liturgischen Feiern. Auch Museen, Ausstellungen und Konzerte würden den Verantwortlichen im Bistum gefallen.

Finanzierung

Die Frage der Rentabilität beschäftigt auch die Immobilien-Strategen im Bistum. „Unsere Herausforderung ist mindestens die schwarze Null“, sagt Georg Schoofs. Nur, wenn ein Investor am Ende auch Geld verdienen kann, ist er bereit, ein Kirchengebäude zu übernehmen – was zunächst eher Geld verschlingt. Klar ist: Einfacher wäre es in der Regel, abzureißen und neue Seniorenwohnungen zu bauen statt schlecht isolierte Riesenbauten mit winzigen Fenstern umzubauen, zumal der Denkmalschutz oft Kosten verursacht und vieles verbietet. Deshalb bietet das Bistum gerne Kombi-Geschäfte an: Wenn der Investor verspricht, den Kirchenbau zu erhalten und eine „verträgliche Nutzung“ garantiert, bekommt er als Zugabe etwa die Gemeindewiese, auf der er lukrativ bauen kann. Oft fließt am Ende kaum Geld.

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Klappt das nicht, kommt eine profane Nutzung ins Spiel. Doch da ist Fingerspitzengefühl gefragt: „Eine Gaststätte oder einen Lebensmitteldiscounter können wir uns nicht vorstellen“, betont Schoofs. Lieber sind ihm altengerechte Wohnungen, Kitas – oder etwa eine Sporthalle wie in der Elisabeth-Kirche im Viertel hinter dem münsterischen Hauptbahnhof. Da haben sich zwei gefunden: ein Investor, der eine geeignete Nutzung suchte, und die Montessori-Grundschule, die wenige Gehminuten entfernt untergebracht ist und eine eigene Sporthalle vermisste. Jetzt laufen die Kinder rüber, um zwischen den Resten des Altarraums und dem farbigen Fenster im Rücken über Barren zu fliegen.

Profanierte Kirchen im Münsterland

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    In der ehemaligen und inzwischen profanierten Maria-Königin-Kirche in Dülmen sind heute Sozialwohnungen untergebracht. 

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der ehemaligen und inzwischen profanierten Maria-Königin-Kirche in Dülmen sind heute Sozialwohnungen untergebracht. 

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der profanierten Kirche des St. Josefshauses Wettringen ist unter anderem eine Soccer-Halle untergekommen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Geschäftsführer Michael Malachowicz im Fitnsssstudio The Church in Rheine am 10. Januar 2020, untergebracht in der ehemaligen St.-Konrad-Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Fitnessstudio The Church in Rheine, untergebracht in der ehemaligen St.-Konrad-Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Abriss ist die „Ultima Ratio“: Im vergangenen Jahr fiel die St.-Josef-Kirche in Greven. Sie wird ersetzt durch ein neues Gemeindezentrum mit Kirchenraum und Platz für Vereine.

    Foto: Oliver Hengst
  • Der Neubau des "Josefzentrums" in Greven läuft bereits. Das neue Gebäude ersetzt Kirche und Pfarrheim,

    Foto: Gunnar A. Pier
  • „Die Würde des Ortes und die Emotionen der Menschen haben hohe Priorität“, sagt Georg Schoofs , beim Generalvikariat zuständig für „strategische Liegenschaftsentwicklung“.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Neubau des "Josefzentrums" in Greven läuft bereits. Das neue Gebäude ersetzt Kirche und Pfarrheim,

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der profanierten Kirche des St. Josefshauses Wettringen ist unter anderem eine Soccer-Halle (Soccer-Kirche) untergekommen, betrieben von Betriebsleiter Frank Höffer (links) und Berthold Krümpel.

    Foto: Gunnar A. Pier

 „Das ist rentabel“

Ähnlich geht es in Wettringen zu. Die Kirche des Kinderheims St. Josefshaus sollte abgerissen werden. „Viel zu schade“, fand Immobilienunternehmer Berthold Krümpel, als er davon in unserer Zeitung las. „Meine Berufung ist die Umnutzung historischer Gebäude.“ Er hat die Kirche gemietet, der Kauf ist geplant. In den unteren Etagen sind neun Atelierwohnungen entstanden, im Kirchenraum hat er eine Soccer-Halle eingerichtet. „Das ist rentabel“, sagt er. „Und das ist auch so angelegt. Wenn es ein Zuschussgeschäft wäre, würde es irgendwann zu Ende gehen.“

Neubau des Josefzentrums in Greven im Januar 2020

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    In Greven entsteht das Josefzentrum als Ersatz für die abgerissene St.-Josef-Kirche und das Pfarrheim.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Wie das Gebäude aussehen wird, ist am 17. Januar 2020 (Foto) bereits deutlich zu sehen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Pfarrzentrum entsteht genau an der Stelle, an der bis 2019 die St.-Josef-Kirche stand.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Greven entsteht das Josefzentrum als Ersatz für die abgerissene St.-Josef-Kirche und das Pfarrheim.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Greven entsteht das Josefzentrum als Ersatz für die abgerissene St.-Josef-Kirche und das Pfarrheim.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Greven entsteht das Josefzentrum als Ersatz für die abgerissene St.-Josef-Kirche und das Pfarrheim.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Greven entsteht das Josefzentrum als Ersatz für die abgerissene St.-Josef-Kirche und das Pfarrheim.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Greven entsteht das Josefzentrum als Ersatz für die abgerissene St.-Josef-Kirche und das Pfarrheim.

    Foto: Gunnar A. Pier

Zu Ende geht es derweil mit Kirchenbauten, wenn keine adäquate Lösung gefunden ist. „Als Ultima Ratio ist ein Abriss legitim“, findet Schoofs und macht auch keinen Hehl daraus, dass das Bistum am Ende „im Sinne einer ehrlichen Antwort im Umgang mit aufzugebenden Kirchen“ eher den Abriss bevorzugt, als Ein-Euro-Shops oder einem Hochregallager die Kirchentür zu öffnen. „Wir müssen die Emotionen der Menschen ernst nehmen“, sagt er. Denn das Profanieren könne eins nicht: „Dem Raum das gebetete Gebet nehmen.“

Kommentar: Undankbare Aufgabe

Es könnte alles so einfach sein. Eine Kirche wird nicht mehr gebraucht? Verkaufen, abreißen, Wohnungen bauen – leicht verdientes Geld für die Kirche und für Investoren. Aber Kirchen binden wie kaum andere Gebäude Emotionen. Menschen fühlen sich verbunden, weil sie hier getauft wurden und geheiratet haben, weil sie beim Bau mit angepackt haben – oder ganz einfach, weil die Kirche ihr Viertel optisch prägt. Deshalb ist lobenswert, dass das Generalvikariat sich so viel Mühe damit macht, Kirchenbauten möglichst zu erhalten und eine würdige Nutzung zu gewährleisten. Die Kirche kann es sich eben nicht erlauben, nur ans Geld zu denken. Doch der Job ist undankbar, denn die Verantwortlichen können es wahrlich niemals allen recht machen. Wo profaniert, umgenutzt oder gar abgerissen wird, gibt es teils wütende Proteste. Dabei wird das Bemühen des Generalvikariats oft nicht gesehen, und die Kritik wird ungerecht. Es ist eben nicht so einfach. Gunnar A. Pier

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