Kontroverses Forum im Franz-Hitze-Haus über den „Synodalen Weg“ der Kirche
Schrittweise Reformen oder Revolution?

Münster -

Der „Synodale Weg“ der Katholischen Kirche in Deutschland hat am Wochenende in Frankfurt begonnen. Welche Reformen sind möglich? Was ist realistisch, was utopisch? Darüber informierten sich 260 Gäste bei einem Forum im Franz-Hitze-Haus. Während der Moraltheologe Prof. Daniel Bogner umfassende Reformen in der gegenwärtigen Struktur der Kirche für unmöglich hält, setzt Prof. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, auf eine Strategie der kleinen Schritte.

Donnerstag, 06.02.2020, 16:14 Uhr
Prof. Dr. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (l.), und der Moraltheologe Prof. Dr. Daniel Bogner im Gespräch Foto: Johannes Loy

Der Synodale Weg der Katholischen Kirche in Deutschland hat begonnen. Welche Reformen sind möglich, was ist utopisch? Am Mittwochabend prallten im Franz-Hitze-Haus vor 260 Diskussionsteilnehmern die Meinungen aufeinander. Während der Moraltheologe Prof. Daniel Bogner (Fribourg, Schweiz) die historisch-kirchenrechtlich zementierte Hierarchie der Kirche als Hauptproblem des Reformstaus ausmachte, warb Prof. Thomas Sternberg für machbare Schritte.

Bogner schrieb kürzlich im Herder-Verlag das Buch „Ihr macht uns die Kirche kaputt“, in dem er mit Verve dafür plädiert, die Kirche den Gläubigen zurückzugeben. Der Münsteraner Sternberg muss als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Klerus und Laien paritätisch auf einen Weg der Reformen einschwören. Er mahnte dazu, die Reform der Kirche nicht als das Endziel zu betrachten. Die Kirche habe eine dienende Funktion. Im Mittelpunkt stehe die christliche Botschaft in einer Gesellschaft, die „immer weniger die Gottesfrage stellt“.

„Die Kirche geht zynisch mit ihren Mitgliedern um“, wetterte Bogner eingangs und hatte dabei den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki im Blick, der kürzlich sinngemäß geäußert hatte, dass die Laien zwar beraten könnten, aber die Bischöfe als Geweihte entscheiden müssten. Bogner: „Das ist dramatisch!“ Bischöfe blieben aufgrund ihres sakrosankten Amtsverständnisses auch bei schwerstem Versagen im Amt, kritisierte der Theologe mit Blick auf den jetzt schon zehn Jahre gärenden Skandal sexueller Gewalt im Raum der Kirche. Daher sei etwa die Tatsache, dass Bischof Felix Genn Gemeinden mit Missbrauchstätern konfrontiert habe, nicht mit einem Entschuldigungsbrief aus der Welt zu schaffen. „Ich hielte es für ein notwendiges Zeichen, dass der Bischof zurücktritt!“ Der Theologe plädierte ferner wortgewaltig für die Verteilung von Verantwortung auf viele Schultern des Volkes Gottes und ein neues demokratisches Mitbestimmungsmodell. Das jetzige Kirchensystem stehe „vor dem Ruin“.

Bogner und Sternberg waren sich einig darin, dass das Thema Missbrauch jener Tropfen war, der das Fass mit dem Ärger über liegengebliebene Reformen zum Überlaufen brachte. Sternberg: „Erst Papst Franziskus wirbelt wieder auf, was seit 1978 liegengeblieben ist.“ Weder das Zweite Vatikanische Konzil noch die Beschlüsse der Würzburger Syn­ode seien konsequent weiterverfolgt worden. Beide Referenten sprachen sich dafür aus, den Gemeinden wieder die Zuständigkeit über Finanzen und Schwerpunkte der Seelsorge zurückzugeben. Die Kirche in Deutschland habe „das Subsidiaritätsprinzip seit den 1950er Jahren sukzessive abgebaut“, monierte Sternberg und verwies auf die „heute rund 800 Mitarbeiter des Generalvikariats“ in Münster, wo vor 70 Jahren „vielleicht 35 Personen“ arbeiteten.

Sorge bereitete in der Diskussion, an der überwiegend ältere Semester teilnahmen, die Zukunft von Glaube und Kirche. Während viele ältere Katholiken in einem „schizophrenen Verhältnis“ (Bogner) zur Kirche stünden, weil sie diese zwar kritisch sähen, aber ihre spirituelle Heimat nicht verlassen könnten, verwies Sternberg auf die jüngere Generation, die sich im Fall mangelnder kirchlicher Glaubwürdigkeit schnell verabschiede. Bogner bezweifelt, dass die Kirche aus sich selbst heraus reformfähig ist: „In der politischen Geschichte fanden dann Revolutionen statt!“

Sternberg hingegen warb für Gelassenheit und ein stufenweises Vorgehen. „Ich bin überzeugt, dass da auch Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet“, äußerte er eine spirituelle Hoffnung.

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