Spargelkönigin Christine Hengemann geht in die Verlängerung
Wegen Corona: Die zweite royale Amtszeit

Normalerweise sind Spargelköniginnen Würdenträgerinnen auf Zeit. Da derzeit aber nichts normal ist, hat sich die Amtszeit von Christine Hengemann automatisch verlängert. Notizen eines Ortstermins.

Samstag, 02.05.2020, 17:25 Uhr aktualisiert: 02.05.2020, 17:30 Uhr
Zwei Jahre lang war Christine Hengemann das charmante Gesicht der Spargelanbauer in NRW. Foto: W. Schubert

Vor ein paar Tagen hat Christine Hengemann mit ihrer Nachfolgerin gesprochen, ihrer eigentlichen Nachfolgerin, um präzise zu sein. Sinngemäß hat sie ihr dies gesagt: Sei nicht traurig. Nächstes Jahr klappt es bestimmt mit deiner Amtszeit. Und ich kann dir jetzt schon sagen: Vor dir liegen zwei interessante Jahre mit vielen Erfahrungen.

Vor der 23-Jährigen liegt in diesem Moment ein DIN A4-Blatt, auf dem sie mit ihrer akkurat gleichmäßigen Handschrift Stichpunkte notiert hat, die ihr besonders am Herzen liegen. Die Herausforderungen beispielsweise, denen Spargelanbauer derzeit täglich aufs Neue – nennen wir es – kreativ begegnen müssen. Stünde die Welt nicht gerade mitten in der Corona-Krise, würden dort, wo die Everswinkelerin gerade Platz genommen hat, Gäste sitzen und das Tagesgericht ordern. Spargel mit Schnitzel beispielsweise oder den selbstverständlich mit Spargel belegten Toast nach einem Rezept ihrer Oma. Vor ein paar Wochen hätte sie ihrer Nachfolgerin zugesehen, die mit der NRW-Landwirtschaftsministerin, dem Bauernpräsidenten und etlichen Vertretern der Vereinigung der Spargelanbauer die Saison so eröffnet hätte, wie sie selbst es in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat. Derzeit ist alles anders. Christine Hengemann bleibt ein weiteres Jahr lang Königin – allerdings eine ohne nennenswerte Repräsentationspflichten.

Viel zu tun - nur alles anders als sonst

Ludwig, der Bruder der 23-Jährigen, betritt die Diele und kommt wie gerufen. Die Industriekauffrau hat gerade zu erklären begonnen, weshalb es für ungeübte Erntehelfer so schwierig ist, Spargel zu stechen. „Man kann dabei viel falsch machen“, sagt sie und holt den Spargelstecher, mit dem geübte Erntehelfer 35 Kilo pro Stunde stechen können. „Wie viel würde ein Laie schaffen?“, fragt sie ihren Bruder.

Ludwig Hengemann, 26 Jahre alt und vermutlich schon im nächsten Jahr Nachfolger seiner Mutter Sabine, überschlägt gedanklich kurz die übersichtliche Bilanz eines Spargelstech-Greenhorns. „10 bis 12 Kilo im Schnitt. 15 Kilo müssten es sein, damit der Lohn wirtschaftlich zu rechtfertigen wäre.“ Ludwig Hengemann eilt weiter, um im Arbeitszimmer ein paar Telefonate zu führen. Seine Mutter und er haben zwar entschieden, in diesem Jahr nur die Hälfte der Anbaufläche abzuernten. Doch das bedeutet nicht, dass sie weniger als in den vergangenen Saisons zu tun haben. Fast täglich müssen neue Entscheidungen getroffen werden.

Positive Erfahrungen

Vor ein paar Tagen hat die Familie beispielsweise entschieden, Anfänger zu engagieren. Die ersten Erfahrungen mit den beiden Studenten, zwei aus Syrien geflüchteten Männern, einem Lkw-Fahrer und zwei Hausfrauen sind ermutigend. Die Neuen sind natürlich nicht so schnell wie die drei Männer aus Rumänien, die seit Jahren das Frühjahr über auf dem Spargelhof in Everswinkel arbeiten. Doch sie sind motiviert und lernfähig, wie sich schon nach Stunden gezeigt hat. „Letztendlich haben wir ja noch Glück. Unsere drei Männer aus Rumänien waren schon auf dem Hof, als die Grenzen geschlossen wurden“, sagt Christine Hengemann und schaut auf ihr DIN-A4-Blatt, um zu sehen, ob sie etwas vergessen hat. Gastronomie. Natürlich, die ist wichtig.

Die Abende verbringt die Familie derzeit immer in der Diele, in der, wäre 2020 ein ganz normales Jahr, viele Tische und Stühle vor dem Kamin gruppiert wären. Christine Hengemann blättert in einem Flyer des Spargelhofes und deutet auf Fotos, auf denen viele ihrer Gäste zu sehen sind. Einige sitzen an Tischen auf dem Hof, andere in der Diele, dem großen Esszimmer der Familie oder der Upkammer mit ihren im satten Rot gepolsterten Sofas. Seit ein paar Tagen überlegt die Familie, ob sie ihren bisherigen Gästen einen Lieferservice anbieten können. Der Transport der Speisen könnte schwierig werden. Der Spargelhof liegt schließlich mitten in einer Bauerschaft. Ihn zu erreichen, braucht eine Weile.

Die Zeit als aktive Königin

Ungewöhnliche Entscheidungen in unwirklichen Zeiten. ImVergleich dazu waren die vielen Termine, die Christine Hengemann als Spargelkönigin wahrgenommen hat, ein Kinderspiel. Sie hat Höfe besucht, Fotografen demonstriert, wie Profis Spargel stechen, und Fragen beantwortet, die ihre Schlagfertigkeit geschult haben. „Es waren zwei tolle Jahre, in denen ich gelernt habe, wie die Menschen in Nordrhein-Westfalen ticken“, sagt sie.

Im umgekehrten Fall haben die Menschen, denen sie begegnet ist, auch erfahren, wie sie selbst tickt. Ein Prinzesschen dürfte niemand in ihr gesehen haben. Eher eine junge Frau, die anpacken kann und der abzunehmen ist, dass sie in der Saison im Hofladen Spargel verkauft und in der Saison­gastronomie hilft, die Tagesgerichte zu servieren. „Wir identifizieren uns mit dem Hof“, sagt sie. Deshalb ist es ihr auch leichtgefallen, zwei Jahre lang das charmante Gesicht der Spargelanbauer zu sein. Und in Corona-Zeiten notfalls sogar mit Verlängerung.

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