Der Buterländer Fritz Dropmann erinnert sich an den Krieg und dessen Ende 1945
„Für uns Kinder waren das Abenteuer“

Gronau -

Vor 75 Jahren, im Frühjahr 1945, endete im deutsch-niederländischen Grenzgebiet der Zweite Weltkrieg. Aus diesem Anlass hatten die Euregio-Volkshochschule und die Heimatvereine Gronau und Epe, das Stadtarchiv, der Förderverein Alte Synagoge Epe und die WN-Redaktion Gronau für den 19. Mai eine Veranstaltung mit Impulsreferaten und Zeitzeugen-Interviews geplant. Die Corona-Krise zwang zum Umdenken: Die Berichte der Zeitzeugen und der Referenten werden die WN im Rahmen einer Serie aus Anlass des Kriegsendes veröffentlichen.

Freitag, 01.05.2020, 13:17 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 13:20 Uhr
Foto: privat

Auf ein 87-jähriges Leben blickt der Gronauer Fritz Dropmann nun zurück. Ein Leben, welches er fast ausschließlich in dieser Stadt geführt hat. Es gibt kaum Gronauer Namen, die der langjährige Textilarbeiter nicht einordnen kann. Sein engeres Lebensumfeld bildete das Buterland, wo er aufwuchs und heute noch lebt. Ein einjähriges Intermezzo in der Zeche Oberhausen kurz nach dem Eintritt ins Berufsleben sagte Fritz Dropmann nicht zu, weniger wegen der Arbeit, hauptsächlich wegen des lauten und hektischen Klimas im Zentrum des Ruhrgebiets. Er kehrte nach Gronau zurück, folgte seinem Vater zu M. van Delden, heiratete und gründete eine Familie.

Den Vater erlebten Fritz Dropmann und sein Zwillingsbruder Franz sowie der Bruder Bernhard für zu kurze Zeit – wie der größte Teil der Jugend jener Generation, die im Zweiten Weltkrieg aufwuchs. Heinrich Dropmann wurde 1939 mit Beginn des Kriegs eingezogen und kehrte erst 1949 aus der Gefangenschaft zurück. In den zurückliegenden zehn Jahren hatte Fritz seinen Vater nur zweimal sehen können, neben einem Heimaturlaub gab es 1941 eine Gelegenheit, den in Berlin verwundet im Lazarett liegenden Vater zu besuchen. Diese erste größere Reise des Jungen wurde nicht zuletzt durch seinen Großvater Friedrich Dropmann ermöglicht, welcher als Lokomotivführer bei der Reichsbahn in Gronau arbeitete. Die Großeltern wohnten ebenfalls im Buterland, ihr Haus bildete im Krieg den eigentlichen Lebensmittelpunkt des Enkels Fritz.

Situation wurde gefährlicher

Das Buterland entwickelte sich in den 30er-Jahren zu einem grenznahen Wohngebiet der Stadt Gronau, bot aber zu der Zeit noch viel Natur und Freifläche und damit den heranwachsenden Jungen Spielraum im wahrsten Sinne des Wortes. „Als Kinder sahen und erlebten wir jeden Tag etwas Neues“, berichtet Fritz Dropmann aus dieser Zeit, die er und seine Gruppe zunächst als unbelastet und als harmloses Abenteuer erlebten. Mit zunehmendem Alter erweiterte sich ihr Erkundungsraum bis an das westliche Stadtgebiet und die dort liegenden Bahngelände. Allerdings wurde die Situation mit dem Kriegsverlauf zunehmend gefährlicher, auch wenn die Jugendlichen den Ernst der Lage zumeist mit Neugier und Abenteuerlust überspielten.

Waren es zunächst Truppenbewegungen und große Flugzeuge am Himmel, welche die staunenden Blicke auf sich zogen, standen die Jungen insbesondere in der Nähe der Bahnlinien zunehmend mitten im Kriegsgeschehen, wenn feindliche „Jabos“ (Jagdbomber) Munitions- und Warentransporte auf den Schienen angriffen. „Erst wurde das Dröhnen zunehmend lauter,“ erinnert sich Fritz Dropmann, „dann ging das Geknatter los“. Die relativ kleinen Bomben dieser Flieger hinterließen Trichter von zwei bis drei Metern Durchmesser mitten im Revier der Jungen, die sich rechtzeitig in Sicherheit brachten. Allerdings waren im Vergleich dazu die Geländespiele des nationalsozialistischen Jungvolks, an denen Fritz Dropmann und seine Freunde ebenso teilnahmen, eher harmlose Übungen.

Zerstörung von Gronau

Je näher der Krieg sich seinem verheerenden Ende zuneigte, desto mehr trat der Tod dann auch als persönliche Begegnung in das Leben Fritz Dropmanns. Dem letzten Brief des Onkels aus dem Krieg folgte nur noch ein Foto von dessen Grabstätte in Russland, ein Birkenkreuz mit daran angebrachter Tafel. Kurz darauf erreichte der Krieg Gronau und dessen Bevölkerung.

Die Zerstörung der Gronauer Innenstadt am 20. März 1945 erlebte Fritz Dropmann zunächst in sicherer Entfernung. Das Bombardement drang, wohl wegen westlicher Winde, nur als gewaltiges, aber entfernt scheinendes „Rauschen“ in die Wahrnehmung der Buterländer. Eine halbe Stunde später kam die erste Kunde von der gewaltigsten Zerstörung, die Gronaus Innenstadt in diesem Krieg verzeichnete. „Wir als Blagen mussten sofort hin“, erzählt Fritz Dropmann und berichtet von den zuerst in der Steinstraße gesehenen Bombenschäden. Dann erreichten sie die Teile des Stadtzentrums, die in Schutt und Asche lagen. Die furchtbaren Konsequenzen offenbarten sich den Jungen im Eingangsportal der Antonius-Kirche, wo mit Tüchern bedeckte Leichen abgelegt wurden.

Spätestens jetzt war der Krieg auch für Gronauer Kinder kein Spiel mehr, sondern mündete in eine traumatische Erfahrung, die in den folgenden Tagen noch verstärkt werden sollte. Das Ende des „Dritten Reichs“ kündigte sich im Buterland durch ein aus der Ferne zu vernehmendes Grollen an. Mit dem Osterfest näherten sich die englischen Truppen aus Südwest, in der Nacht vom Karfreitag (30. März 1945) zum Karsamstag besetzten sie die Kreisstadt Ahaus und bekämpften die verbliebenen deutschen Truppenteile zunächst auf Graeser Gebiet, die sich daraufhin in den Bereich des Eper Amtsvenns und ins Buterland zurückzogen.

Feiertage im Keller

Am Ostersonntag (1. April 1945) wurde Gronau für einen Tag zur umkämpften Frontstadt. Bis dahin waren Fritz Dropmann und seine Freunde noch spielend im Gelände unterwegs gewesen, auch als sich die Geräusche der Geschütze konkretisierten und immer genauer eingeordnet werden konnten. Den Feiertag verbrachten die Gronauer überwiegend in den vorhandenen Kellern. Auch der zwölfjährige Fritz und seine Geschwister wurden mittags in das Haus des Großvaters in der Sonnenstraße (damals Friedrich-Eckart-Straße) gerufen und bezogen ihr Quartier dort im Keller. Das Wohnviertel lag, weil im Bereich der Buterlandschule zwei Geschütze der Deutschen standen, in der Schusslinie der vorrückenden englischen Truppen. Fritz Dropmann erinnert sich noch gut an die pfeifenden und krachenden Einschläge, die er während der Nacht zum Ostermontag in seiner Bettstelle, einer Kartoffelkiste in jenem Keller, vernahm. Auch das eigene Haus wurde von einer Granate im Dachstuhl getroffen.

Am Ostermontag war die Welt für den Jungen eine andere geworden. Die Kämpfe waren vorbei, Gronau wurde besetzt, über die parallel verlaufende Enscheder Straße zogen von der Grenze her die Truppen in ihren teils gepanzerten Fahrzeugen. Es folgten unmittelbar, so Fritz Dropmann, viele Niederländer, zum Teil, um sich die von den flüchtenden Deutschen entwendeten Fietsen zurückzuholen. Andere Niederländer flohen vor ihren eigenen Landsleuten, weil sie während der Besetzung mit den Deutschen kollaboriert hatten bzw. selbst der NSB (Nationaal-Socialistische Beweging) beigetreten waren.

Der ehemalige Spielbezirk der Buterländer Kinder und Jugendlichen hatte sich nun in ein verlassenes Schlachtfeld verwandelt, war aber deshalb als Freizeitgelände nicht weniger interessant. Die eingehende Untersuchung zerstörter Geschütze und Panzerwagen war zunächst eine spannende Angelegenheit, zumal sie nur unbeobachtet und in Heimlichkeit erfolgen konnte. Allerdings erinnert sich Fritz Dropmann auch an die grauenvollen Entdeckungen in diesem Umfeld, einen eilig und nachlässig vergrabenen Toten, Leichenreste in einem ausgebrannten Panzer. Zu diesem Zeitpunkt wurde dem heranwachsenden Jugendlichen klar, dass er einen das menschliche Leben verachtenden Krieg überlebt hatte. „Ich fand es gut, als dies alles damals vorbei war“, resümiert Fritz Dropmann.

Schwieriger Neubeginn

Es folgten die Anfänge des Neubeginns. Im Vordergrund standen zunächst Alltagsnöte wie die Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen. Für Fritz bedeutete dies einerseits Arbeit im bahneigenen Gemüsegarten des Großvaters, aber auch neue Abenteuer, wenn es um den (gesellschaftlich anerkannten) „Kohlenklau“ auf dem Bahngelände ging. Es war innerhalb der notleidenden Bevölkerung, insbesondere vor dem anstehenden Winter, eine gängige Praxis, die mit Kohlen und Briketts beladenen Güterzüge im Bahnhofsbereich unmittelbar vor dem Anfahren etwas zu „erleichtern“.

Zu diesem Zweck versammelten sich oft auch größere Menschenmengen entlang der Gleise, um das nicht zufällig von den Waggons fallende Material aufzusammeln. Dieses Verhalten wurde selbst von der Bahnpolizei bis zu dem Punkt toleriert, als besonders gewitzte Gronauer damit begannen, die Gleise vor den Zügen einzufetten, um die schweren Lokomotiven in ihrer Abfahrt zu behindern, erzählt Fritz Dropmann mit einem verschmitzten Lächeln.

Für den allmählich in das Erwachsenenleben eintretenden jungen Mann begann jetzt ein neuer Lebensabschnitt, welcher durch den Abschluss der Schule, die Ausbildung, den Eintritt in das Berufsleben und später die Gründung einer Familie gekennzeichnet war. Dies geschah im Rahmen einer neuen Zeit, die einerseits durch einen demokratischen Neubeginn und einen erfolgreichen wirtschaftlichen Wiederaufbau, andererseits über lange Jahre durch die systematische Ausblendung des Gedenkens an die verbrecherische Diktatur und ihre Opfer gekennzeichnet war. Für viele heute ältere Menschen, welche zu der Zeit noch sehr junge bzw. jugendliche Zeitzeugen waren, konnte diese Auseinandersetzung erst zu einer späten Herausforderung in ihrem Leben werden.

Zum Thema

Das Gespräch mit Friedrich („Fritz“) Dropmann führte der Autor Gerhard Lippert am 15. April.

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