Die Zeitzeugin Lina Rogozinski erinnert sich
„Plötzlich wurde alles stockdunkel“

Gronau -

Vor 75 Jahren endete im Frühjahr 1945 im deutsch-niederländischen Grenzgebiet der Zweite Weltkrieg. Aus diesem Anlass hatten die Euregio-Volkshochschule und die Heimatvereine Gronau und Epe, das Stadtarchiv, der Förderverein Alte Synagoge Epe und die WN-Redaktion Gronau für den 19. Mai eine Veranstaltung mit Impulsreferaten und Zeitzeugen-Interviews geplant. Die Corona-Krise zwang zum Umdenken: Die Berichte der Zeitzeugen und der Referenten werden die WN im Rahmen einer Serie aus Anlass des Kriegsendes veröffentlichen.

Freitag, 08.05.2020, 21:13 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 21:20 Uhr
Bombenschäden in der Polenstraße, in etwa die heutige Parkstraße. Foto: Stadtarchiv Gronau

Die heute 93-jährige Lina Rogozinski stand vier Jahrzehnte im Dienst der Stadt Gronau. Als junges Lehrmädchen hat sie die Zerstörung des Gronauer Rathauses am 20. März 1945 persönlich erlebt. Nach der Besetzung der Stadt am 2. April durch englische Truppen war Lina Rogozinski am Wiederaufbau der Stadtverwaltung beteiligt, die sie erst 1983 als Leiterin des Sozialamts mit dem Eintritt in den Ruhestand verließ. Ihre Erinnerungen trug sie in Teilen schon 2008 beim Heimatverein Gronau vor, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes sprachen Peter Benger und Gerhard Lippert mit der Dame, die zeitlebens Gronauerin war und blieb.

„Ich hatte das Glück, nach meiner Schulentlassung im März 1944 sofort am 1. April eine Lehrstelle bei der Stadtverwaltung antreten zu können“, erzählt Lina Rogozinski und unterstreicht nicht ohne Stolz: „Trotz vorhandener Widerstände gelang mir dies ohne die sogenannte ‚Schubkarre‘!“. Der Weg zur Arbeit war für die damals junge Frau ein jeden Tag an Gefährlichkeit zunehmendes Abenteuer, denn seit der Jahresmitte verstärkten sich die Tieffliegerangriffe auf das Stadtzentrum. „Ich schlich mich an den Hauswänden entlang zum Rathaus“, beschreibt sie ihren damaligen Arbeitsweg.

Dort, im Rathaus der Stadt Gronau an der Bahnhofstraße, schien man das Herannahen der feindlichen Front, den bevorstehenden Untergang eines totalitären Staates und seiner Untergliederungen bis in die Stadtverwaltung hinein noch zu verdrängen. Vor den zunehmenden Fliegerangriffen duckte man sich weg, die verbliebenen männlichen Mitarbeiter galten ganz überwiegend als hörige Parteifunktionäre, denen der Fronteinsatz erspart geblieben war. Lina Rogozinski konzentrierte sich auf ihre Arbeit als Lehrmädchen, entzog sich den Umwerbungen des NS-Staates und nahm, auch aufgrund ihrer Jugend, kaum an betrieblichen Feiern oder Ausflügen teil.

Der 20. März 1945 ist Lina Rogozinski bis heute in allen Einzelheiten im Gedächtnis verhaftet geblieben. Eigentlich sollte an diesem Tag, nach fast einem halben Jahr kriegsbedingtem Ausfall, nachmittags der Lehrlingsunterricht der Berufsschule wiederaufgenommen werden. Am Vormittag hatte Rogozinski ihren Dienst in der Stadtkasse der Verwaltung geleistet und war gegen 11.30 Uhr im Begriff, ihre Mittagspause anzutreten. Sie hatte den Luftalarm zehn Minuten zuvor zwar gehört, aber dann erleichtert kurz darauf die Entwarnung wahrgenommen. Doch dann erfüllte ein gewaltiges Brausen die Luft. Ihr war die Lebensgefahr sofort klar. Sie rannte in Richtung des Luftschutzbunkers, den sie jedoch nicht mehr erreichte.

„Plötzlich wurde alles stockdunkel“, erinnert sie sich, der Boden hob sich, Mörtel und Staub drangen ihr ins Gesicht und die Lunge. Mehrere Sprengbomben hatten das Gebäude durchschlagen, selbst den mit dicken Mauern geschützten Luftschutzbunker des Rathauses zerstört. In den Trümmern lagen Tote und Verletzte, es starben auch der Bürgermeister und seine Sekretärin. Von der auf vielen Postkarten festgehaltenen Rathausfassade und dem Eingangsportal blieb nur eine Ruine. Lina Rogozinzki und eine Kollegin retteten sich durch den wie ein durch Wunder noch stehenden Rathausturm ins Freie.

Es folgte eine Odyssee durch die teils stark zerstörte Innenstadt, Lina Rogozinski berichtet besonders von den Trümmern am Anfang der Polenstraße (etwa die heutige Parkstraße), von dem brennenden Haus Ernsting, den getroffenen Reserve-Lazaretten in der Turnhalle der Wasserstraße (heute Franz-Kerkhoff-Straße) und im Saal Lilienfeld in der Mühlemathe, aber auch von dem entsetzlichen Anblick der Opfer, denen der Tod ohne Ansehen ihres Alters begegnet war. Sie erzählt von der langen Reihe der 96 rohen Holzsärge im Stadtpark am 24. März und von dem gespenstischen Beerdigungszug auf offenen Pferdewagen zu den Friedhöfen der Stadt nach Einbruch der Dunkelheit, während der nächtliche Himmel von dem andauernden Brummen der feindlichen Flugzeuge erfüllt war.

Die anschließende Karwoche war in Gronau eine Zeit des Bangens und Hoffens. Rogozinski Vater war aus dem sich zurückziehenden Volkssturm nach Hause zurückgekehrt, während sich die englischen Truppen der Stadt näherten. Mit dem Osterfest 1945 erlebte Gronau den Krieg ein letztes Mal mit seinem vollen Schrecken. Als die feindlichen Geschütze bereits deutlich vernehmbar waren, setzte sich die Familie Rogozinski zum gemeinsamen Ostermahl an den Tisch. Es sollte nichts daraus werden, ein Geschoss durchschlug das Dach des Hauses auf dem Kleiberg, und alle flüchteten in den Keller. Dort harrten sie gemeinsam mit einer später hinzugekommenen Nachbarsfamilie der Dinge, während die Einschläge und Explosionen das Haus und die in Angst erstarrten Menschen zunehmend bedrohten.

Am Morgen des Ostermontags legte sich der Schlachtenlärm, und die Leute traten nach und nach auf die Straße. Lina Rogozinski fielen nun zuerst die weißen Tücher auf, welche die Nachbarn in der Albertstraße (Kleiberg) aus den Fenstern gehängt hatten. Kurz darauf durchkämmten englische Soldaten die Häuser. Für die Gronauer war der Krieg zu Ende, es herrschte eine gespannte Ruhe, und die meisten standen zunächst einmal vor dem Nichts.

Für die junge Frau, die als unbelastetes Lehrmädchen der Stadt Gronau den Krieg überstanden hatte, begann in der Verwaltung ein Neuanfang. Ihre Tätigkeit in der Stadtkasse wurde von dem Wandel zunächst kaum berührt, tatsächlich aber wurden die Strukturen der Stadtverwaltung durch englische Vorgaben völlig neue aufgestellt. 22 Mitarbeiter wurden mit Verweis auf ihre Nähe zum Nationalsozialismus aus städtischen Diensten entlassen, weitere wurden mit ähnlichen Hintergründen gemaßregelt, z.B. durch Degradierungen oder Gehaltskürzungen. Die Politik der Stadt Gronau erhielt wieder ein demokratisches Gremium, den Stadtrat, dem der Bürgermeister vorstand. Die Verwaltung selbst wurde nun durch einen Stadtdirektor geführt.

In den ersten Jahren hatte die Verwaltung kaum Handlungsspielraum. Es galt, die größte Not zu lindern und möglichst viel möglichst schnell wiederaufzubauen. Damit überhaupt eine geregelte Finanzwirtschaft auch in der Stadt entstehen konnte, mussten Schmuggel und Schwarzmarkt ein Ende gesetzt werden. Dies geschah mit der Währungsreform am 20. Juni 1948, an die sich Lina Rogozinski noch gut erinnert. Da der Umtausch und die Auszahlung an einem Sonntag stattfanden, war die Belegschaft der Stadtkasse zu Wochenendarbeit und Überstunden bis weit nach Mitternacht verpflichtet worden. Am Montag, den 21. Juni 1948, galt dann erstmals als alleinige Währung in den westlichen Besatzungszonen die D-Mark.

Lina Rogozinski war als tüchtige Fachkraft im Finanzbereich der Stadtverwaltung sehr geschätzt. Die Berechtigung für eine ihren Fähigkeiten entsprechende Verwaltungslaufbahn musste sie sich jedoch hartnäckig erkämpfen. Das Ende der NS-Diktatur, in der sich Frauen nur als Mütter und Hüterinnen des Hauses bewähren konnten, der politische Systemwechsel zur Demokratie und zu freien, gleichberechtigten Wahlen brachten längst nicht automatisch frischen Wind in die deutschen Amtsstuben, in denen die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau noch lange auf sich warten ließ. Der Zugang zur Verwaltungsschule, für den Lina Rogozinski alle Voraussetzungen erfüllte und ohne den sie nicht in die Beamtenlaufbahn hätte eintreten können, wurde ihr in den 50er-Jahren lange verwehrt.

„Erst als ich nach vergeblichen Anträgen und Nachfragen schriftlich die Einhaltung der Gleichberechtigung forderte, schien sich etwas zu tun“, erzählt die 93-jährige heute. Jenes Schreiben wurde ihr zwar kommentarlos zurückgereicht, berichtet sie, „aber eine Woche später saß ich in Münster in der Klasse, wohl mit ein paar Tagen Verspätung, aber das war für mich kein Problem.“ Sie sollte später die erste Amtsleiterin der Stadt Gronau werden und blieb es auch bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1983.

Obschon sie durchaus umworben wurde, ist Lina Rogozinski nie einer politischen Partei beigetreten. Dies hätte weder zu ihrer Vorstellung von Verwaltungsarbeit noch sonst zu ihrem unabhängigen Wesen gepasst.

(Die Gespräche mit Lina Rogozinski führten Peter Benger und der Autor Gerhard Lippert Ende April und Anfang Mai 2020.)

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