Ausschuss stoppt Spezial-Praxis
Erwachsene mit Behinderung dürfen in Nottuln nicht betreut werden

Nottuln/Coesfeld -

In Nottuln sollte eine neue Spezial-Praxis für Erwachsene mit Behinderung eröffnet werden. Personal, Geräte und Räume stehen bereit, doch die Patienten bleiben unversorgt - denn die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat ein Veto eingelegt. Und das nur, weil die Praxis nicht wie geplant in Coesfeld, sondern in Nottuln errichtet wurde.

Donnerstag, 02.07.2020, 08:30 Uhr
Oberärztin Denise Keuns-Janning und Dr. Ulrich Hafkemeyer behandeln Patrick Thier in Nottuln. Doch die Kassenärztliche Vereinigung will ihre Arbeit nicht bezahlen. Der Grund: ein falscher Standort. Foto: Wilfried Gerharz

Es ist alles vorbereitet. Die Praxis steht, das Personal ist da, die Geräte sind bereit. Patienten mit einer Behinderung könnten schon seit Monaten in den Räumen behandelt werden, die sich hinter dem Wort-Ungetüm „Medizinisches Zentrum für Menschen mit geistiger und schwerer mehrfacher Behinderung (MZEB)“ verstecken. Doch ein erneutes Veto der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) lässt die Patienten unversorgt. Obwohl sich die Krankenkassen dafür ausgesprochen haben, die kommenden beiden Jahre die Behandlungen in Nottuln zu finanzieren, hat sie dagegen entschieden.

Dabei hatten die Christophorus-Kliniken das Zen­trum in Nottuln am 1. Juli 2019 schon eröffnet – zur Erleichterung für viele Familien mit Angehörigen mit Behinderung. Dass es eigentlich für Coesfeld geplant war, aber dann dort zu eng und nach Nottuln verlegt wurde – in den Augen der Kliniken eine Formalie. Nach dem Motto: Nur weil sich die Adresse ändert, wird die KV ja nicht ihre Meinung ändern. Doch. Nach knapp drei Wochen zog der Zulassungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen seine Zulassung zurück, verschob danach eine Entscheidung im Dreimonats-Rhythmus – bis sie Nottuln am 26. Mai kippte.

Ärger über Verzögerung

Die KV begründet ihre Entscheidung so: „Mit der Ermächtigung eines MZEB zur ambulanten Behandlung muss ein umfassendes Versorgungskonzept durch den Träger vorgelegt werden, das unter anderem Aussagen zum Standort, zum Patientenstamm etc. beinhaltet.“ Wichtig sei, dass der Übergang der Patienten eines Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in ein MZEB geregelt und gewährleistet ist, erklärt eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung.

Mark Lönnies, Geschäftsführer der Christophorus-Trägergesellschaft, sieht keinen gravierenden Unterschied zwischen Coesfeld und Nottuln: „Unser medizinisches Konzept kann an beiden Orten gleich gut umgesetzt werden.“ Und Dr. Ulrich Hafkemeyer ist über die Verzögerung unüberhörbar verärgert. Der Chefarzt der Neuroorthopädie für Kinder, der Eltern von Kindern mit Behinderung münsterlandweit als Experte und Kämpfer für ihre Interessen bekannt ist, fühlt sich ausgebremst.

Die Konsequenz: Nur wer sich direkt beim MZEB meldet, wird behandelt – ohne dass die Kliniken dafür Geld bekommen. Ohne Genehmigung zahlt die Kasse nicht. „Die Patienten leiden. Sie stehen auf der Straße“, meint der Arzt. Weil die Kliniken nun einen komplett neuen Antrag stellen müssen, rechnet er mit einer Eröffnung erst Mitte 2021.

MZEB

Menschen mit komplexen Behinderungen benötigen eine medizinische Versorgung, die speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist. Bis zu ihrem 18. Geburtstag werden sie in der Regel in sogenannten Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) betreut. Danach gibt es diese spezielle Versorgung nur selten. Wer in vergleichbaren Praxen für Erwachsene behandelt werden will, muss weit fahren. Die einzigen „Medizinischen Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen“ (MZEB) in Westfalen-Lippe liegen in Bad Oeynhausen, Bielefeld, Siegen und Hagen.

Seitdem das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz 2015 den Weg für MZEB frei gemacht hat, könnten Expertenteams die Betroffenen bei ernsthaften Krankheiten jenseits von Schnupfen und Fieber behandeln. Das sind Spezialisten im Bereich von Geriatrie, Palliativmedizin und Medizin für Menschen mit geistiger und Mehrfachbehinderung, aber auch technische Orthopäden, Heilerziehungspflegerinnen oder Logopäden. Die Zentren gelten als wichtiger Beitrag zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.

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Verlagerung nach Coesfeld

Die Frage, welche Auswirkungen die juristische Auseinandersetzung auf die Patienten hat, beantwortet die KV-Sprecherin mit dem Hinweis: „Ich bitte an dieser Stelle zu beachten, dass nach wie vor ein positives Votum von allen Beteiligten für die Ermächtigung eines MZEB am Standort Coesfeld bestehen würde.“

Lönnies versteht das nicht: „Wenn die KV ein ernsthaftes Interesse an der adäquaten Versorgung der Patienten hätte, wäre sie dem Votum der Kostenträger gefolgt und hätte die Zulassung zumindest für zwei Jahre in Nottuln ausgesprochen“, sagt er. „Aber Jammern hilft nicht. Wir werden in Kürze neue Räumlichkeiten auswählen und dann die Verlagerung nach Coesfeld angehen“, sagt Lönnies.


„MZEB wäre eine Mega-Erleichterung“

Havixbeck - Ute Thier hat einen Sohn mit einer schweren Behinderung. Sie weiß, wie wichtig ein MZEB für Familien wie ihre ist. Pa­trick ist 1,94 Meter groß, 85 Kilo schwer und 33 Jahre alt. Er lebt mit einer „spinalen Muskelatrophie“, einer schweren Form von Muskelschwund, hat ständig Spastiken, braucht seit seinem sechsten Geburtstag einen Rollstuhl, hatte epileptische Anfälle, wird bei Infekten durch eine Sonde ernährt, benötigt 24 Stunden Sauerstoff täglich.

„Ich weiß nicht, wo ich schon überall gewesen bin, und hätte mir jemanden gewünscht, der unsere Sorgen und Nöte ernst nimmt“. Praxen seien oft so eng, dass sich der Rollstuhl nicht drehen lässt, Aufzüge fehlten, viele Ärzte kennten sich mit der Krankheit ihres Sohnes kaum aus, einige würden eine Behandlung ablehnen, weil Patienten wie ihr Kind „nicht ins Budget“ passen, sagt die Mutter.

Sie sagt: „Kinder mit einer Behinderung werden ja nicht plötzlich gesund, wenn sie 18 werden. Ganz im Gegenteil. Das wird ja immer schwieriger.“ Darum erklärt sie, wieso ein MZEB so wichtig ist. Die Experten dort betrachteten den Menschen ganzheitlich, sagt sie. Sie hätten sich bewusst für die Behandlung von Menschen mit Behinderung entschieden, sie wüssten, welche Hilfsmittel zur Verfügung stehen, und planten mehr Zeit ein.

Ute Thier wünscht sich „nichts mehr, als dass das für alle Beteiligten einfacher wird, über das MZEB nicht länger diskutiert wird, sondern es schnell öffnet. Für alle Erwachsenen mit einer Behinderung wäre das eine Mega-Erleichterung“, sagt sie.

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