Zu Besuch im Ludgerus-Haus
Neue Regeln für Pflegeheime: Körperkontakt ist wieder erlaubt

Lüdinghausen -

Wie bringt man einem demenziell erkrankten Menschen bei, dass er keinen Besuch mehr bekommt? Die Herausforderungen, vor denen Teams in Altenheim standen, waren unfassbar groß. Ist das Schlimmste vorbei? Ab Montag können Besucher zu bestimmten Zeiten wieder unangemeldet ins Ludgerus-Haus und ihre Angehörigen in den Arm nehmen.

Freitag, 03.07.2020, 08:19 Uhr
Anja Tembaak, Leiterin des Ludgerus-Hauses, und Nasrat Sekandarzada, Pflegedienstleiter dort, freuen sich, dass es weitere Lockerungen bei Besuchen von Angehörigen gibt. Sie blenden die Risiken, die Foto: Bettina Laerbusch/coulorbox

Wie bringt man einem demenziell erkrankten Menschen bei, dass ihn seine Tochter oder sein Sohn, sein Mann oder seine Frau, seine Enkelkinder nicht mehr besuchen kommen – weil sie es nicht mehr dürfen? Vor dieser unfassbaren Herausforderungen standen Mitte März die Betreuungsteams in den Altenpflegeeinrichtungen – und damit auch Anja Tembaak und Nasrat Sekandarzada.

Tembaak leitet das St. Ludgerus-Haus gegenüber dem Marien-Hospital; Sekandarzada ist dort Pflegedienstleiter. 80 Bewohnerinnen und Bewohner werden im Ludgerus-Haus betreut, um die 80 Prozent davon wiederum sind kognitiv, also über den Verstand, nur eingeschränkt oder gar nicht mehr erreichbar. „Wir haben die Einzelbegleitung intensiviert“, sagt Tembaak. Gerade diejenigen, die eine sehr, sehr enge Beziehung zu ihren Angehörigen und täglich Besuch bekommen hätten, seien sehr traurig gewesen. Von „Sehnsucht“ spricht die Hausleiterin in diesem Zusammenhang. „Wann kommt der wieder?“, diese Frage haben die Mitarbeiter gehört – und konnte sie nicht beantworten.

Manchen Bewohnern, schildert Anja Tembaak, habe man nichts angemerkt. Andere hätten Sorgen und Angst gehabt, sie hätten darunter gelitten, so abgeschirmt zu sein. Wieder andere, die im Ludgerus-Haus zu Hause sind, hätten gesagt: „Ich hab‘ mein Leben gelebt – lasst die Leute rein“.

Verzweiflung und auch Dankbarkeit

Sehen konnten sich Bewohner und Angehörige wochenlang nur am Gartenzaun: Die oder der eine saß mit Sicherheitsabstand davor, die anderen standen dahinter.

Anja Tembaak hat die Angehörigen von allen 80 Bewohnern zu Beginn der Pandemie angerufen und sie über die neue Situation und die Vorschriften informiert. Angst, Verzweiflung, Wut, Missmut aber auch Dankbarkeit habe sie am anderen Ende der Leitung wahrgenommen. Viel mehr Persönliches als vor der Coronakrise habe sie von Töchtern und Söhnen oder Ehepartner erfahren. Sie hätten von Homeschooling und vielen anderen Aufgaben und Sorgen erzählt, mit denen sie Corona konfrontiert habe.

Zu Muttertag – also zwei Monate nach dem Lockdown – gab es die ersten Lockerungen bei den Besuchsregelungen von der Landesregierung.

Und jetzt? Seit dem 1. Juli dürfen maximal zwei Angehörige nicht nur in die Einrichtung, sondern auch wieder in das Zimmer ihres Vaters, ihrer Oma oder ihres Lebenspartners. Zwischen 10 und 11.30 Uhr sowie zwischen 14.30 und 17 Uhr sind ab Montag (6. Juli) unangemeldete Besuche im St. Ludgerus-Haus möglich. „Wir haben dafür extra zusätzlich Personal eingestellt“, erläutert Anja Tembaak. Ein Mund-Nasen-Schutz ist erforderlich, ein Formular muss ausgefüllt werden, die Temperatur wird am Eingang gemessen, Hände sind zu desinfizieren. Doch dann dürfen die Besucher rein, auch in die Zimmer. Sie dürfen ihre Angehörigen umarmen, Berührungen sind wieder erlaubt – alles mit Mund-Nasen-Schutz seitens der Besucher. Spaziergänge sind möglich. Zwei weitere Angehörige dürfen draußen noch dazukommen.

„Wir brauchen Angehörige.“

„Wir brauchen die Angehörigen, wir brauchen die Menschen.“ Soziale Kontakte seien „dringend erforderlich“, sind sich Tembaak und Sekandarzada vollkommen einig. Nasrat Sekandarzada betont, wie sehr er sich für Angehörige und Bewohner freut: „Die haben sich das verdient.“

Doch beide begleitet immer auch die Angst. Die Angst davor, dass das Virus nach all den Einschränkungen doch noch eingeschleppt wird.

In der schweren Zeit der ersten Wochen haben Bewohnern und Betreuern viele Bürger geholfen, die Süßes an den Zaun gestellt, Briefe geschrieben und Steine bemalt haben. Diese bunten Steine in der Hand zu halten, das hätte auch demenziell erkrankten Bewohnern gut getan, erzählt Anja Tembaak.

Sie hofft sehr, dass die Wertschätzung, die ihren Kollegen und ihr selbst in den vergangenen drei Monaten entgegengebracht worden ist, bleibt. Corona habe alle im Ludgerus-Haus zusammengeschweißt. „Es ist alles intensiver geworden.“

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