Schwere Vorwürfe
Pfarrer unter Missbrauchsverdacht

Steinfurt -

Der leitende Pfarrer aus Steinfurt-Borghorst ist seit einem guten Jahr beurlaubt – auf eigenen Wunsch, wegen „Überlastung“. Jetzt erhebt ein anderer Pfarrer schwere Vorwürfe gegen seinen einstigen Chef – und erstattete Anzeige.

Mittwoch, 05.08.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 05.08.2020, 19:01 Uhr
St. Nikomedes in Steinfurt-Borghorst: Ein ehemaliger leitender Pfarrer soll gegen einen anderen Priester der Gemeinde sexuell übergriffig geworden sein. Foto: Axel Roll

Gegen einen ehemaligen Priester der Steinfurter Pfarrgemeinde St. Nikomedes ist Anzeige erstattet worden, weil er gegen einen weiteren Pfarrer in Steinfurt-Borghorst sexuell übergriffig geworden sein soll.

Der heute 44-jährige Pfarrer, der den ehemaligen Gemeindeleiter massiv belastet, hatte sich vor wenigen Tagen mit einem Brief an die Leitungsgremien seiner jetzigen Gemeinde in Recklinghausen und in Steinfurt gewandt, wo er zwei Jahre lang tätig war. Darin erhebt er auch schwere Vorwürfe gegen das Bistum. Danach habe er bereits Ende 2018 eine offizielle Aussage beim Generalvikariat gemacht. „Sein Lebensstil“, wie der 44-Jährige schreibt, sei beim Bistum schon länger bekannt gewesen. Aber auch nach eineinhalb Jahren habe es keine Reaktionen des Bistums gegeben. Darum habe er „nach langem Ringen“ selbst Anzeige gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten in Steinfurt erstattet. „Das sollte eine Ermutigung für andere Opfer sein, sich zu melden“, wie es in dem Brief heißt.

Plötzlicher Abschied 

Der beschuldigte Priester hatte für die Gemeinde überraschend im April 2019 eine längere Auszeit genommen, von der er auch nicht wieder in den aktiven Dienst als leitender Pfarrer in Steinfurt zurückgekehrt ist. Er sollte zum 1. Oktober eine neue Stelle im Bistum Trier antreten. Offizielle Begründung für seinen plötzlichen Weggang war damals Überlastung gewesen. Das Bistum betont, dass der Wunsch nach Beurlaubung nicht im Zusammenhang mit der Strafanzeige steht. Der Beschuldigte sei auf eigenen Wunsch beurlaubt und beziehe aktuell kein Gehalt vom Bistum.

Zeitgleich mit der Beurlaubung hatte der Pfarrer, der heute die Vorwürfe erhebt, die Gemeinde St. Nikomedes in Richtung Recklinghausen verlassen. Dort ist der 44-jährige dienstunfähig. „Ich brauche unbedingt Abstand zu den Geschehnissen“, schreibt er als Begründung.

Die gemeindlichen Führungsgremien in Steinfurt haben sich in einer Sitzung am Dienstagabend mit den Vorwürfen befasst. Dabei sollte ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt werden. Bis dahin sollten die Mitglieder, so der Appell, die personelle Angelegenheit nicht an die Öffentlichkeit bringen.

Stellungnahme des Generalvikariats

Mittlerweile hat das Bistum – nach der Anfrage dieser Zeitung – die Initiative ergriffen und eine Pressemitteilung herausgegeben, in der es bestätigt, dass Beschwerden Ende 2018 an die Bistumsleitung herangetragen worden seien. Als Erklärung, warum eineinhalb Jahre nichts geschehen sei, heißt es in der Presseerklärung, das Bistum habe den Pfarrer mehrfach ermutigt, Anzeige zu erstatten. Das sei aber erst vor Kurzem geschehen. „Insoweit konnte das Bistum nicht reagieren.“

In der Stellungnahme des Generalvikariats werden sexuelle Übergriffe nicht thematisiert. Es ist nur allgemein von einer Strafanzeige die Rede. Und: „Wegen der derzeit laufenden Ermittlungen kann das Bistum zurzeit keine weiteren Erklärungen abgeben.“ Auch der beschuldigte ehemalige leitende Pfarrer war am Mittwoch für diese Zeitung nicht zu erreichen.

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