Automaten und Sportwetten
Gewagt, gehofft, verzockt - zwei Glücksspielsüchtige berichten

Münsterland -

Allein in Münster haben Spieler im Jahr 2019 rund 11,9 Millionen Euro in Glücksspielautomaten verloren. In Rheine waren es 5,5 Millionen Euro, in Steinfurt 2,8 Millionen. Und es gibt noch mehr Wege, sein Geld per Glücksspiel zu verzocken. Wie gerät man da rein und wie kommt man wieder raus? Zwei Glücksspielsüchtige berichten.

Sonntag, 04.10.2020, 12:00 Uhr aktualisiert: 04.10.2020, 12:17 Uhr
Daddeln in fensterlosen Spielotheken: Rund 180 000 Menschen gelten als spielsüchtig. Foto: dpa

Es begann ganz beiläufig. Ein Freund nahm ihn mit, bisschen zocken, abschalten, mal 30 Euro auf den Kopp hauen, nichts Großes. Doch es dauerte nicht lang, da ging Tom auch alleine in die Spielothek, die Einsätze stiegen, er machte Schulden, er brauchte mehr. Mehr Geld für mehr Einsatz, dann mehr Glück. Das kam nicht. Inkasso-Firmen klingelten, Job weg, Freundin weg. Gegen die Depressionen hilft vermeintlich: zocken. Das macht aber in Wirklichkeit alles noch schlimmer. Am Ende half nur eine Einsicht: Tom (Name von der Redaktion geändert) ist spielsüchtig. Er hat die Kon­trolle verloren. Er braucht Hilfe.   

Therapie

Vor der Therapie steht die Einsicht der Betroffenen, ein Problem zu haben. Doch wann ist es eigentlich ein Problem? Wenn Schulden drücken wie bei Tom? Dann wäre Andreas, der jahrelang Tausende Euros bei Sportwetten verzockte, gar nicht betroffen. Denn der heute 34-Jährige, der eigentlich anders heißt und in einer münsterländischen Mittelstadt lebt, hat gut verdient und sich niemals verschuldet. Vor neun Jahren brachte ihn ein Arbeitskollege auf die Idee mit den Sportwetten. „Da kenne ich mich aus“, sagte er sich – und glaubte, das Glück beeinflussen zu können. Anfangs setzte er nur wenig Geld, „und zuerst habe ich auch gewonnen.“ Aber dann hatte er jahrelang Pech.

Tippen geht auch online

Das Wettbüro hat es ihm leicht gemacht, sein Geld loszuwerden. Tippen konnte er online oder auch per Handynachricht, abgerechnet wurde am Monatsende. „Die haben mir vertraut“, sagt Andras. Der Chef: „ein Freund.“ Also erhöhte Andreas den Einsatz, das Glück sollte doch zurückkehren und seine Verluste ausgleichen. Kein Tag verging, an dem er nicht ans Wetten dachte. Und kaum eine Nacht. Ecuador spielt gegen Costa Rica, Anstoß um 2 Uhr deutscher Zeit – da musste Andreas verfolgen, ob es endlich klappt. „Du hast ein Suchtproblem“, sagte seine Freundin. Da ging die Beziehung in die Brüche.

Das große Leugnen

Der Selbstbetrug stand Andreas der Erkenntnis im Weg. Problem? Ach was! Und dann stand er plötzlich am Monatsende mit rund 5000 Euro beim Wettbüro in der Kreide, die Einsätze hatten sich auf rund 30 000 Euro summiert. Andreas hatte das Geld und zahlte. Aber langsam wurde ihm klar: „Alles, was ich erspart hatte, war weg. Mein Konto war auf null.“ Er hatte sich gerade selbstständig gemacht, „aber ich habe gemerkt: Wenn ich so weiterzocke, mache ich alles kaputt.“ Andreas meldete sich bei der Suchtberatung der Caritas in Münster. Seit einem Jahr ist er „spielfrei“.

Münsteraner verzocken 11,9 Millionen Euro

In Münster haben Spieler im Jahr 2019 rund 11,9 Millionen Euro in Glücksspielautomaten verloren. Das geht aus Zahlen hervor, die der Arbeitskreis gegen Spielsucht in dieser Woche in Unna veröffentlicht hat. Demnach gibt es 399 Geldspielgeräte – 302 in Spielhallen, 97 in der Gastronomie.

In Rheine verloren Spieler 5,5 Millionen Euro, in Steinfurt 2,8 Millionen. Was für die einen ein Zeitvertreib ist, ist für andere eine Sucht. 2018 galten in Deutschland 180 000 Menschen als spielsüchtig, weitere 326 000 als gefährdet. (gap)

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Spielotheken gibt es überall

Genau wie Tom, der sein Geld in Automaten versenkte. Der heute 29-Jährige wechselte nach der Ausbildung in den Außendienst, konnte die Zeit frei einteilen. Spielotheken gibt es überall, alle ohne Fenster, damit man die Tageszeit vergisst. Stundenlang glotzte er auf die Geräte, die seine Münzen fraßen. Manchmal 2000 Euro im Monat. „Dann fragst du dich irgendwann: Wie sollst du dein Leben bezahlen?“ Miete, Strom, Handy – die Rechnungen konnte er nicht begleichen. Also kaufte er Handys und Fernseher auf Pump und verkaufte sie wieder, um flüssig zu sein. Er brauchte mehr Geld für mehr Einsatz und mehr Glück. Die Raten drückten.

Mehrfach versuchte er, es sein zu lassen. Er zog um, zockte wochenlang nicht. Seine Eltern kamen ihm auf die Schliche, wachsten über seine Ausgaben. Aber Tom fand Auswege, Ausflüchte, funktionierende Lügen

Zocken gegen den Stress

Diese Sorgen! „Bei Stress und Problemen habe ich gezockt“, erinnert er sich. Schulden machen Stress, beim Zocken verschwinden die Gedanken, während die Schulden steigen. Das ist der Teufelskreis. „Wenn Du mal 100 Euro gewonnen hast, bist du glücklich.“ Auch, wenn am Ende Tausende verloren sind.

Seine Freundin kam dahinter. Trotz der Lügen, der Verheimlichungsversuche. „Sie sagte: Wir schaffen das!“

Es gibt Hilfe

Jetzt sitzt Tom mit Andreas im Garten der Caritas-Suchthilfe und erzählt seine Geschichte. „Wir sind quasi trockene Spieler“, sagen sie. Und: „Sicher vor einem Rückfall ist man nie.“

Der Chef vom Sportwettbüro, sein „Freund“, hat Andreas zum Geburtstag 100 Euro Spielguthaben geschenkt. Andreas hat es verfallen lassen.

Wann ist Spielen eine Sucht?

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zählte im Jahr 2018 rund 180 000 Glücksspielsüchtige in Deutschland, dazu etwa 326 000 Menschen, „die problematisch spielen“, meistens Männer. Immerhin: „Die Chancen, sich von einer Glücksspielsucht dauerhaft zu lösen, sind nicht schlecht“, schreibt die Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht NRW in einer Broschüre. Einer Faustformel nach schafften 40 Prozent derer, die sich in Behandlung begeben, den Absprung direkt, 20 Prozent nach Rückfällen. Aber ebenfalls 40 Prozent „schaffen es nicht“. Was heißt das? „Die Suizidrate ist bei Spielsüchtigen am größten“, sagt Verena Fieke, Suchtberaterin bei der Caritas in Münster.

Aber wo verläuft die Grenze zwischen eher unverdächtigem Spielen und einer Sucht? „Wenn das Zocken das Leben bestimmt und andere Aspekte wie Arbeit und Freunde stört“, erklärt Fieke. Wer heimlich spielt und das auch auf Nachfrage leugnet, ist verdächtig. Weitere Indizien seien, dass für das Spielen Schulden gemacht werden oder Geld auf illegale Weise beschafft wird.

„Gefährlich sind schnelle Spiele“, warnt die Suchtberaterin. Automaten, Roulette, auch Sportwetten, die oft kurzfristig möglich sind direkte Ergebnisse liefern. Lotto – das wohl verbreitetste Glücksspiel – eigne sich hingegen weniger für Spielsüchtige. Heute tippen und erst Tage später erfahren, ob man gewonnen hat? Das ist Spielern zu langsam. (gap)

www.caritas-ms.de

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