Joggen
Münsteraner will den besten Laufschuh der Welt bauen

Münster -

Immer noch verletzen sich Läufer trotz innovativer Schuhtechnik. Jetzt wollen ein weltweit bekannter Biomechanik-Experte und ein münsterischer Schuhentwickler den besten Schuh der Welt bauen. 

Dienstag, 06.10.2020, 10:15 Uhr aktualisiert: 06.10.2020, 10:20 Uhr
Andre Kriwet entwickelt Laufschuhe. Früher bei großen Firmen wie Nike oder Asics, heute für seine Firma in Münster. Foto: Jürgen Christ

Jogger, die schon viel Geld für ihre Laufschuhe ausgegeben haben, werden sich ärgern: „Trotz aller Innovation in der Schuhtechnik verletzen sich Läufer genauso viel wie vorher,“ sagt Professor Gert-Peter Brüggemann. Darum haben sich der weltweit bekannte Biomechanik-Experte und der münsterische Schuhentwickler Andre Kriwet ein besonderes Ziel gesetzt: den besten Schuh der Welt zu bauen.

Die Philosophie der beiden steht im Widerspruch zu all dem, was Läufern in den vergangenen 30 Jahren verkauft worden ist: Das Stützen der Füße durch den Schuh war in ihren Augen ein Fehler. Eine Studie hat ergeben, dass Läufer mit Füßen, die gerade stehen, in einem Jahr deutlich häufiger verletzt sind als die mit etwas nach innen gekippten Fersen. „Eine Pronation schützt also sogar vor Überbelastungen und Verletzungen“, sagt Brüggemann. Darum glaubt Kriwet, dass es „Stützen“ in fünf Jahren nicht mehr geben wird.

Ein verheißungsvoller Anfang

2018 gründeten sie „True Motion“ und haben am 13. Juni 2019 ihr erstes Modell auf den Markt gebracht. Die Urteile bei einem Test von Runner‘s World waren unterschiedlich: Fersenläufer (die sind die große Mehrheit) lobten den Komfort und die breitere Passform, Mittelfußläufer und leichtere Läufer kamen mit dem Schuh weniger gut zurecht. Urs Weber, Leiter der Test-Redaktion des Läufer-Magazins „Runner‘s World“, berichtet über einen erfahrenen Testläufer, der plante, zehn Kilometer zu laufen, aber die Strecke auf einen Marathon ausdehnte, weil ihm der Schuh so gut gefiel.

Im ersten Geschäftsjahr hat das Unternehmen 35.000 Paar Schuhe verkauft – 25.000 mehr als erwartet. Ein verheißungsvoller Anfang: Dem amerikanischen Marktforschungsinstitut NPD Group zufolge wurden zwischen Oktober 2018 bis Ende September 2019 Laufschuhe im Wert von 658 Millionen Euro verkauft.

Schuh für Nike entworfen

Weber sagt über das Unternehmen, das sich in einen hart umkämpften Markt geworfen hat: „Mir geht das Herz auf, wenn sich Unternehmertum mit einem Forschungsansatz verbindet und dabei ein so hochkomplexes Produkt geschaffen wird wie ein Laufschau. Dazu gehört sehr viel Mut, Überzeugung und Unternehmergeist, für das ich die Gründer von True Motion bewunder.“

Der 48-jährige Kriwet hat bereits „Hunderte“ Laufschuhe gebaut. Er war Anfang 30, als er in die USA ging, um erst für Asics zu arbeiten, dann für Nike seinen ersten Schuh zu entwerfen. Später wechselte er zu Brooks. Mit der Zeit wurde er den Eindruck nicht los, dass es in der Laufschuhentwicklung zu viel um Schickimicki und zu wenig um den Läufer geht. Als Brüggemann ihm vorschlug, mit ihm Schuhe zu entwickeln, sagte er „Ja“.

Trotz aller Innovation in der Schuhtechnik verletzen sich Läufer genauso viel wie vorher.

Professor Gert-Peter Brüggemann

Kriwet und Brüggemann reden von Rotation, Kippbewegung, verschobenen Kraftangriffspunkten. Bei ihren Schuhen schützt ein Ring unter der Sohle – einem weichen Hufeisen ähnlich – Knochen, Sehnen und Muskeln. „Kippung und Rotation mag das Knie überhaupt nicht“, sagt Brüggemann. Das Hufeisen lasse die auf die Ferse wirkenden Kräfte wie bei einer Kugel in einer Mörserschale immer in die Mitte streben. Das Knie werde so besonders wenig belastet. „Dadurch können wir bis zu zehn Prozent der ungünstigen Belastungen des Knies reduzieren“, verspricht er. Laufschuhexperte Urs Weber erklärt das besondere an dem Schuh damit, „dass die Kraft beim Landen des Fußes wie beim Barfußlaufen ansetzt“.

Dafür – und wahrscheinlich noch länger – doktern die beiden weiter am besten Schuh der Welt herum. „Wir werden das Ziel vermutlich nie erreichen. Ist das eine Modell fertig, gibt es schon Ideen für das nächste“, sagt Kriwet. Das hält die beiden aber nicht davon ab, weiter zu tüfteln – auf der Suche nach dem Superschuh.

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