Amtsgericht verurteilt vier Angeklagte zu Geldstrafe
Familiendrama gipfelt in Kindesentführung

Ochtrup -

Sie haben nur das Beste für das zweijährige Kind des verstorbenen Vaters gewollt, dessen Lebensgefährtin die Angeklagten es auf eigene Faust entzogen. Vor dem Amtsgericht Steinfurt mussten sie sich nun wegen Körperverletzung, Kindesentführung, Nötigung und Beleidigung verantworten – und kamen nach widersprüchlichen Aussagen der Geschädigten gab es eine Geldstrafe.

Donnerstag, 08.10.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 15:34 Uhr
Vor dem Amtsgericht Steinfurt wurde jetzt ein Familiendrama verhandelt. Foto: Mike Oelerich

Es war ein Familiendrama, das am Mittwoch vor dem Amtsgericht Steinfurt verhandelt wurde. Angeklagt waren drei Männer – 47, 57 und 27 Jahre alt – und eine 36-jährige Frau. Der Vorwurf: Körperverletzung, Kindesentführung, Nötigung und Beleidigung. Gegen einen weiteren Angeklagten, der aus gesundheitlichen Gründen nicht erscheinen konnte, gibt es ein getrenntes Verfahren.

Am 3. Januar dieses Jahres sollen die Angeklagten in Ochtrup die Wohnung der Lebensgefährtin des im Dezember 2019 verstorbenen Vaters eines der Beschuldigten aufgesucht, die Frau beleidigt („Schlampe, Hure“) und geschlagen sowie deren gemeinsames zweijähriges Kind mitgenommen haben. In ihrer Einlassung schilderten die vier Angeklagten, die alle verwandt oder gut befreundet sind, übereinstimmend, dass sie das Kind aus der Obhut der Mutter herausnehmen wollten, da diese häufig alkoholisiert sei, das Kind vernachlässigt habe und wenige Tage nach dem Tod ihres Lebensgefährten eine neue Beziehung eingegangen sei. Beschimpfungen, Drohungen und gar körperliche Gewalt habe keiner der Angeklagten ausgeübt, beteuerten alle dem Gericht.

Schläge in Bauch und Gesicht

Nach den Schilderungen der Geschädigten habe einer der Männer ihr zwei Mal mit der Faust in den Bauch geboxt. Die Frau habe sie etwa 15 Mal auf den Kopf und ins Gesicht geschlagen. Was der Staatsanwältin und der Richterin nicht einleuchtend schien: Dass die angeblich Verletzte weder um Hilfe gerufen habe, noch andere Mitbewohner in dem Vier-Familien-Haus etwas von einer heftigen Auseinandersetzung mitbekommen haben.

Während ihrer Vernehmung verstrickte sich die Zeugin in Widersprüche. Ausgerechnet an diesem Tag wolle sie keinen Alkohol getrunken haben. Allerdings gab sie auf Nachfrage zu, dass die Erinnerung an das Geschehen bei ihr nicht sehr ausgeprägt sei. „Es geht um viel für die Angeklagten, aber auch für Sie, wenn Sie vor Gericht eine falsche Aussage machen“, sagte die Richterin. Auch die Staatsanwältin äußerte Zweifel an den Aussagen, die damit nicht zu verwerten waren.

Das Urteil

Der Verteidiger des Hauptangeklagten schlug vor, das Verfahren einzustellen. Alle Angeklagten seien bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten und hätten in der guten Absicht gehandelt, das Kind vor seiner Mutter schützen zu wollen. Gleichwohl sei der Straftatbestand der Kindesentführung gegeben und eine angemessene Geldauflage zu erteilen. Staatsanwältin und Richterin waren damit einverstanden. So müssen die Angeklagten je 500 Euro in drei Raten an die Staatskasse zahlen. Diese Entscheidung wird nicht im Bundeszentralregister erscheinen.

„Auch wenn Ihre Beweggründe nachvollziehbar sind, können wir keine Selbstjustiz dulden, auch nicht bei tragischen Familienereignissen“, so die Richterin zum Abschluss.

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