Mit Kalligrafie und viel Liebe zum Detail: Ingrid Davids schreibt leidenschaftlich gerne Briefe
Post von Herzen

Lüdinghausen -

Von E-Mails und „WhatsApp“-Nachrichten hält sie nichts: Ingrid Davids setzt seit jeher aufs Briefeschreiben. Am Weltposttag erzählt die 83-Jährige, warum sie diesen Kommunikationsweg so sehr liebt, und erinnert sich an ihren allerersten postalischen Gruß von Ostern 1944, der an ihren Vater im Krieg ging.

Freitag, 09.10.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 09.10.2020, 14:32 Uhr
Ingrid Davids liebt es, Briefe zu schreiben. Für jeden schriftlichen Gruß nimmt sie sich viel Zeit. Am Ende gleicht ihre Post dank Kalligrafie kleinen Kunstwerken. Foto: awi

Jeden Morgen ist sie gespannt, welche neuen Nachrichten, herzlichen Grüße oder Geschichten sich in ihrem Postkasten verstecken. Denn Ingrid Davids liebt es, ihren Verwandten und Freunden, wie die 83-Jährige selbst sagt, „kilometerlange Briefe“ zu schreiben. Und natürlich bekommt sie die Antworten über den selben Weg zurück. Von modernen Kommunikationsmöglichkeiten wie E-Mail oder „WhatsApp“ hält die Lüdinghauserin nichts: „Ich möchte das jetzt nicht mehr“, erzählt sie mit einem zufriedenen Lächeln. Zwar habe sie neben ihrem telefonischen Festnetzanschluss auch ein Handy, „aber nur damit mich meine Kinder erreichen, wenn ich mal unterwegs bin“.

Allererster Brief für den Vater im Krieg

Bereits in ihrer Schulzeit hat sie das Briefeschreiben für sich entdeckt – und die Kalligrafie. Deshalb gleicht ihre Post oft kleinen Kunstwerken. Mit viel Liebe zum Detail formuliert sie Buchstaben für Buchstaben und Zahl für Zahl, was sie mitteilen möchte. Sowohl das Papier als auch die Umschläge verziert sie gerne mit stilvoll gestalteten Zitaten jeder Art sowie kleinen Zeichnungen. Bereits im 54. Jahr gibt sie in der Familienbildungsstätte Kurse, während derer die Teilnehmer von ihr die Kunst des Schönschreibens lernen.

Ihren allerersten Brief hat sie aufbewahrt (rundes Bild unten rechts). Er lässt sich in ihrem privaten Archiv finden. „Es ist schön, alles noch einmal nachlesen zu können“, findet Davids. Deshalb ziehe sie diesen Kommunikationsweg flüchtigen Telefonaten vor. Ostern 1944 – damals war die Steverstädterin im ersten Schuljahr – hat sie als junges Mädchen ein DIN A 5-Blatt voll geschrieben und ein Bild dazu gemalt. Ihr Erstlingswerk war eine Antwort auf die Feldpost ihres Vater, der im Krieg war, lange als Funker in Italien. Sie berichtete ihm, was sie, ihre Mutter und ihre Geschwister erlebt hatten. Es ging um die Feiertage, ums Wäschewaschen und um den Storch, der auf der Scheune, in der die Familie kurzzeitig untergekommen war, ein Nest gebaut hatte.

Mit Feder und Tinte

Von Schleswig-Holstein aus über Coesfeld ist Davids schließlich 1951 in Lüdinghausen gelandet. Insbesondere während der Zeit auf der Flucht hat sie den Kontakt zu den Verwandten über Briefe gehalten. „Wir hatten ja sonst nichts“, erinnert sie sich. Damals habe es drei bis vier Tage gedauert, bis die Post von A nach B transportiert worden sei, „manchmal auch eine Woche“. Sie zuckt mit den Schultern.

Heute geht das natürlich wesentlich schneller. Dennoch ist sie gedanklich längst mit der Weihnachtspost beschäftigt. „Über 30 Briefe“, schätzt die gelernte Dekorateurin, schickt sie alle Jahre wieder auf die Reise – an ehemalige Arbeitskollegen, einstige Mitschüler, Freunde aus Nah und Fern und natürlich an die Familie. „Spätestens am Sonntag vor dem ersten Advent fange ich an, denn am dritten Advent muss die Post raus“, damit sie auf jeden Fall pünktlich ankommt, weiß sie aus ihrer Erfahrung. Am liebsten nutzt sie das „gute, alte MK-Papier“ sowie „Feder und Tinte, manchmal auch Pinsel“. Aber: „Filzstift geht gar nicht“, sagt sie und lacht.

Allerhand Briefe zum 80. Geburtstag

Wer so viele Briefe schreibt und verschickt, der bekommt selbstverständlich ebenfalls Grüße aus aller Welt. An ihrem 80. Geburtstag musste der Postbote klingeln, weil er einen riesigen Stapel Briefe für sie hatte: „Ist heute was los im Haus?“, habe er gefragt, lässt Davids diesen rührenden Moment Revue passieren. Ihre Augen funkeln vor Freude.

Weltposttag am 9. Oktober

Der Weltposttag wurde 1969 vom „Weltpostverein“ (UPU) ausgerufen, den es seit dem 9. Oktober 1874 gibt. Die UPU-Philosophie: „Der Menschheit dienen und die Kommunikation zwischen den Bürgern der Welt erleichtern“.

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