Regenerative Landwirtschaft
Der Pflanzenversteher aus dem Münsterland

Stadtlohn -

Wegen des Einsatzes von Chemie ist die konventionelle Landwirtschaft häufig in der Kritik. Heinrich Große Liesner aus Stadtlohn probiert einen anderen Weg: die regenerative Landwirtschaft.

Dienstag, 03.11.2020, 13:00 Uhr aktualisiert: 03.11.2020, 18:07 Uhr
Heinrich Große Liesner hat seinen Boden fest im Griff: Der Stadtlohner Landwirt setzt seit gut drei Jahren auf regenerative Landwirtschaft. Foto: Edina Hojas

Heinrich Große Liesner kennt die Stärken und Schwächen seiner Pflanzen genau: Buchweizen und Lupine schließen den Phosphor im Boden auf, Lupine, Klee und Wicken binden Stickstoff aus der Luft, Ölrettich lockert mit seinen kräftigen Wurzeln den Boden und speichert Stickstoff, kann aber selbst keinen binden. „Eine Pflanze ist ein handelndes Wesen“, sagt er begeistert. „Und sie kann sich in einem gewissen Umfang ihr Umfeld selbst schaffen.“ Nur die Sonnenblumen auf seinem Acker haben einen anderen Job: „Die sind für die Ästhetik.“

Der Landwirt hat sich mit Herz und Hand der Regenerativen Landwirtschaft verschrieben. Mit der Hingabe, mit der er seinen Boden belebt, trägt der Stadtlohner zu einer klimafreundlichen Landwirtschaft bei und setzt mit seinem Familienbetrieb auf Innovation.

Grün, so weit das Auge reicht

Große Liesner und seine Familie beackern 82 Hektar Land. Selbst im Herbst gleichen die Felder einer frischen Sommerwiese: Grün, so weit das Auge reicht. „Eine Zwischenfruchtmischung“, erklärt er und hebt beherzt mit der Schaufel die lockere Erde aus. Sie ist sandig und durchzogen von feinen Wurzeln. Ernten wird er die Zwischenfrucht nicht. Sie hat keine andere Aufgabe, als ein gutes Umfeld für die nächste Kultur zu schaffen.

Der Diplomagraringenieur ist überzeugt, dass seine Maßnahmen wirken: „Lebende Pflanzen sind die beste Nahrungsquelle für das Bodenleben“, hält er fest. Bei der Fotosynthese nehmen die Pflanzen Kohlenstoff in Form von CO aus der Atmosphäre auf und bilden oberirdisch Grün und unterirdisch Wurzeln. Regenwürmer und andere Mikroorganismen verdauen sie anschließend zu Humus.

Wissenschaftliche Untersuchungen geben dem Landwirt recht: Da Humus zu mehr als 50 Prozent aus Kohlenstoff bestehe, entlaste jede Tonne Humus im Boden die Atmosphäre um 1,8 Tonnen Kohlendioxid. Und für Humusbildung gibt es kein besseres Rezept als nachhaltiges Dauergrünland.

Schärfere Rahmenbedingungen fordern Landwirte zunehmend heraus

Obendrein fordern schärfere politische Rahmenbedingungen die Landwirte zunehmend heraus. Damit sie die neue Düngeverordnung einhalten können, spielen Fruchtfolge und Zwischenfrüchte eine große Rolle. Sie helfen unter anderem dabei, den Nitratgehalt zu reduzieren.

Seit mehr als drei Jahren beschäftigt sich Große Liesner nun schon mit dem Konzept der Regenerativen Landwirtschaft. Mit seinen Maßnahmen verspricht er sich zunehmend, auf den Einsatz von Chemikalien und das Pflügen der Ackerflächen verzichten zu können. Denn ein gesunder Boden mache letztendlich das Eingreifen von außen mehr und mehr überflüssig. Durch eine bessere Wasseraufnahme- und Wasserhaltefähigkeit sollen die Felder darüber hinaus sowohl gegen Trockenheit als auch gegen Platzregen besser gewappnet sein, sagt der Experte.

Seine Gerste beispielsweise hat einen Herbizidschaden erlitten. „Der ist entstanden, weil starke Regenfälle das Herbizid hinab zum Saatgut gespült haben“, sagt er. Große Liesner kniet vor den jungen Gräsern mit den hellen Flecken. Mit Bodenbelebungsmaßnahmen wäre das nicht passiert.

Aber die hatte er mit der Gerste noch nicht ausprobiert. Die verschiedenen Maßnahmen an den eigenen Betrieb anzupassen, kostet eben Zeit. Nicht alles wirkt sofort, und so kann Große Liesner seinen Hof nur umstellen, indem er Standardmaßnahmen Schritt für Schritt weglässt. „Vieles muss noch getan werden“, gibt Große Liesner zu, „das hat viel mit Ausprobieren zu tun, und da geht eben auch was schief.“

Regenerative Landwirtschaft

Als Regenerative Landwirtschaft wird eine Landwirtschaft bezeichnet, mit der Bauern versuchen, den Mutterboden zu regenerieren und Biodiversität sowie Wasserkreisläufe zu verbessern. Konventionelle Landwirtschaftsbetriebe könnten zunehmend auf Pestizide und Kunstdünger verzichten, indem sie das Bodenleben durch Zwischenfrüchte und Untersaaten stärken und Humus anreichern. Ein Baustein des Regenerativen Ackerbaus ist der Einsatz von Pflanzenfermenten und Komposttee.

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