Öffentliche Aufforderung als außergewöhnliches Mittel
Erben für sechsstelligen Nachlass gesucht

Sassenberg -

Mit einer Anzeige sucht das Amtsgericht Erben für einen sechsstelligen Nachlass einer vor über einem Jahr verstorbenen Sassenbergerin. Insbesondere sucht der zuständige Rechtspfleger nach Abkömmlingen auf der väterlichen Seite. Dafür hat er sogar eine Zeitungsannonce aufgegeben.

Mittwoch, 04.11.2020, 15:54 Uhr aktualisiert: 04.11.2020, 17:15 Uhr
Bestände des münsterschen Bistumsarchiv gehören ebenso wie Kreis- oder Heimatarchive zu den Fundgruben privater und professioneller Ahnenforscher. Foto: pbm

Wer hätte nicht schon einmal vom plötzlichen Ableben eines unbekannten Erbonkels geträumt, das unverhofft ein kleines oder besser noch ein ganz großes Vermögen in die Haushaltskasse spült. Eine Bekanntmachung in der Lokalpresse Anfang Oktober war geeignet, bei dem einen oder anderen Sassenberger die Hoffnung auf genau so eine Erbschaft zu schüren, und das nicht etwa wegen eines Onkels in Amerika, sondern wegen einer vermutlich lange verstorbenen Ahnin aus Dackmar. Den Abkömmlingen dieser Maria Elisabeth Schwienheer würde ein Viertel des sehr ansehnlichen Erbes einer vor über einem Jahr verstorbenen Sassenbergerin zustehen, ließ das Amtsgericht Warendorf am 7. Oktober wissen.

Seltener Aufruf in der Zeitung

Dass Erben gesucht werden, ist gar nicht so selten, berichtet der zuständige Rechtspfleger am Amtsgericht. Eine ganze Branche sogenannter Erbenermittler lebe von Menschen, deren Erbe ungeklärt ist. Dass ein Nachlassgericht – wie in diesem Fall – Erben öffentlich in der Tageszeitung auffordert, sich zu melden, sei jedoch äußerst selten, betont er. Es sei gerade einmal der zweite Fall in seiner langjährigen Tätigkeit als Rechtspfleger. „Bei uns werden, außer in Bayern, Erben nicht von Amts wegen ermittelt.“

Wer erben will, müsse sich selbst beim Amtsgericht melden und seinen Anspruch durch Unterlagen belegen. In den meisten Fällen erteile das Amtsgericht schnell den gewünschten Erbschein. Der Fall der Sassenbergerin gestaltete sich jedoch komplexer.

Da sie keine unmittelbaren Angehörigen hatte, kümmert sich ein vom Gericht bestellter Nachlasspfleger um ihre Erbschaft. Seine Aufgabe ist es, das Erbe zu verwalten und nach den Erben zu forschen. Oft ist das Geschäft eines solchen Nachlasspflegers eher traurig, weil gar nichts zu verteilen ist. Aber das war in diesem Fall anders.

Wohl auch aus diesem Grund verliefen die Ermittlungen zunächst zügig. Fernere Verwandte lieferten Stammbücher und Unterlagen. Auf mütterlicher Seite waren die Verhältnisse, die bis in den großelterlichen Stamm reichen, ausgesprochen schnell fast vollständig geklärt.

Erben müssen sich ausweisen

„Es war ein Vorteil, dass die Vorfahren überwiegend hier ansässig waren“, berichtet der Rechtspfleger. Erben müssten an dieser Stelle schon wirklich etwas vorweisen können, Ablichtungen aus einem Geburtenbuch etwa oder Mitteilungen von Behörden. Flucht und Vertreibung, mit denen das Nachlassgericht auch immer wieder zu tun bekommt, machten Nachweise wesentlich schwerer.

Der Rechtspfleger bereitete den umfangreichen Stammbaum der Sassenbergerin zusammen mit allen Informationen, die ihm vorgelegt wurden, auf. Die Aufzeichnung könne er inzwischen einmal quer durch sein Büro legen, erzählt der Beamte mit einem Lachen in der Stimme.

Auch auf väterlicher Seite gab es Informationen, doch dann hakte es plötzlich. Der Nachlasspfleger schaltete sogar einen Ermittler ein. „Es gab einfach keine Ansatzpunkte mehr“, erinnert sich der Rechtspfleger. Maria Elisabeth Schwienheer war eine Tante der Verstorbenen, soviel war klar. Es gab einen Eintrag im Geburtenbuch, das inzwischen im Kreisarchiv lagert – aber sonst gar nichts mehr.

„Wir wussten, dass sie tot war“, flachst der Rechtspfleger angesichts des Geburtsdatums im Jahr 1880. Ein Schriftstück dazu gab es nicht. Einige ihrer Geschwister waren im Kindesalter verstorben, aber das galt nicht für Maria. 1907 hatte sie den elterlichen Kotten in Dackmar mit unbekanntem Ziel verlassen. Der Nachname machte die Arbeit nicht einfacher: „Schwienheer gab es eine Menge in der Kartei, nur waren es nicht die Richtigen“, erinnert sich der Rechtspfleger.

Professioneller Erbermittler am Werk

Um sich abzusichern, entschloss er sich diesmal zu dem ungewöhnlichen Schritt, die Aufforderung an mögliche Erben, sich zu melden, nicht wie üblich nur im Bundesanzeiger und im Schaukasten des Amtsgerichts zu veröffentlichen – „Wer aus der Region schaut schon da drauf?“ –, sondern auch in die Zeitung zu setzen: „Mir kann dann keiner einen Vorwurf machen, es sei nicht genug ermittelt worden.“

Tatsächlich klemmte sich ein professioneller Erbenermittler angesichts der möglichen Provision, die sich nach dem Umfang des Erbes richtet, noch ein Mal hinter die Recherche. Er belegte, dass Maria Elisabeth Schwienheer 1916 in Warendorf unter ihrem zweiten Vornamen Elisabeth als verstorben registriert war. Sie starb mit 35 Jahren als ledige Dienstmagd. Ob sie Kinder hatte? Endgültige Sicherheit besteht darüber nicht. Doch es gibt auch keine Hinweise.

Wenn sich, wie vom Gericht erwartet, bis Mitte November kein Nachfahre der ledigen Magd meldet, freuen sich die übrigen Erben – um die 40 an der Zahl – denn ihr Anteil steigt. Das Nachsehen hat der Erbenermittler. Kein Erbender, keine Chance auf Provision.

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