Studenten starten Semester – ohne die Universität zu betreten
Bei den Erstis hat es nur „Zoom“ gemacht

Münster -

Das Semester hat begonnen – doch so mancher Student hat noch immer die Uni nicht von innen gesehen. Corona ist schuld – Online-Seminare ersetzen Präsenzveranstaltungen. Aber funktioniert das auch?

Freitag, 06.11.2020, 21:00 Uhr
Zwei Professoren im Hörsaal, doch auf den Sitzen nur QR-Codes statt Studenten: Prof. Dr. Stein und Felipe Espinoza Garrido im leeren Audimax des Englischen Seminars. Foto: Edina Hojas

Maimuna Bojang studiert Englisch im ersten Semester und wohnt seit zwei Wochen in Münster. Von innen hat sie eine Uni noch nicht gesehen, und ihre Kommilitonen sieht die 20-Jährige nur als kleine Kachel im Zoom-Meeting. Dennoch ist sie überzeugt: „Alle geben ihr Bestes in dieser schwierigen Zeit, und das schweißt zusammen.“

Seit dem Anstieg der Corona-Neuinfektionen und den damit einhergehenden verschärften Auflagen ist klar: Der Präsenzunterricht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wird höchstwahrscheinlich auch in diesem Semester komplett entfallen. Dies stellt Dozenten wie Studenten und besonders die Geisteswissenschaften vor große Herausforderungen.

Zusammen mit Maimuna nahmen am Donnerstag etwa 460 Studenten an der Einführungsvorlesung in die Literatur- und Kulturwissenschaft von Prof. Dr. Mark U. Stein und Felipe Espinoza Garrido teil. Stein ist Inhaber des Lehrstuhls für English, Postcolonial und Media Studies am Englischen Seminar, Espinoza Garrido ist Postdoktorand – und beide wirken entspannt.

Kleine Vierecke

Nach und nach erscheinen auf dem Bildschirm kleine Vierecke mit jungen Menschen, die sich ihren Arbeitsplatz am Schreibtisch oder auf dem Sofa eingerichtet haben. Während die beiden Dozenten die Teilnehmer begrüßen, tauchen im Chat die ersten Kommentare auf. „Werden die Folien online verfügbar sein?“ fragt einer, „Ich habe keinen Ton“, schreibt ein anderer.

Dennoch: Selbst die Fragerunde ist ein Erfolg. Per Mausklick haben die Studenten die Gelegenheit, digital ihre Hand zu heben und werden dann von den Dozenten laut geschaltet. Die Kommentare zeigen: Auch Charme geht digital. „Thumbs up for both professors“, schreibt ein Teilnehmer in den Chat, „These two made 464 people fall in love with them in 40 minutes“, eine andere.

Seminarkultur fehlt

Mit 5628 Studenten ist der Fachbereich Philologie einer der größten der Universität. Der Verzicht auf die Präsenzlehre ist für die Geisteswissenschaften besonders schwer zu verkraften. „Es ist schwierig, die Studenten an eine Seminarkultur heranzuführen und dazu anzuleiten, Forschungsergebnisse zu problematisieren und Stellung zu beziehen“, erläutert Stein. „Geisteswissenschaften leben von Kritik, von Rückfragen und Austausch“, ist auch Espinoza Garrido überzeugt.

Außerdem kommt es durch den Entfall der Präsenzlehre zu einer erheblichen Mehrbelastung für die Dozenten. Das spontane Treffen nach der Vorlesung: passé. Für alle studentischen Belange und Nachfragen müssen nun individuelle Meetings organisiert werden.

Kontakte fehlen

Auch Studentin Maimuna vermisst den Austausch in persona. Sie verpasst, was früher normal war: Nach der Vorlesung raus aus dem Hörsaal, mit den Kommilitonen einen Kaffee trinken und noch mal über die Inhalte der Vorlesung sprechen. Dennoch ist sie positiv überrascht. „Die Vorlesung hat Lust auf mehr gemacht“, schwärmt sie, „so viel Engagement ist nicht selbstverständlich.“ Bei anderen Veranstaltungen per Live- ­Stream habe sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. „Über Zoom hat man zumindest die Möglichkeit, miteinander zu interagieren.“

Klar ist: Das Wintersemester 2020/21 wird eine Herausforderung für Dozenten und Studenten. Man wird sich auf zahlreiche Sitzungen mit Menschen einrichten müssen, die digital auf Briefmarkengröße reduziert sind.

Der Lichtblick: Mit der Erfahrung steigt auch die Qualität der digitalen Veranstaltungen. Nur der gemeinsame Kaffee muss wohl vorerst virtuell getrunken werden.

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