Doppeltes Home-Office und ein Kind
Wahnsinnige Selbstdisziplin

Greven -

Vanessa Rudolph gehört zu jenen Grevenerinnen, die im Home-Office arbeiten. Gleichzeitig kümmern sie und ihr Mann sich um das zweineinhalbjährige Kind.

Samstag, 07.11.2020, 06:00 Uhr
Vanessa Rudolph im Home-Office Foto: Rudolph

Vanessa Rudolph arbeitet mit ihrem Mann im Home Office.

Wie ist ihre Situation?

Vanessa Rudolph: Mein Mann und ich arbeiten seit März im Home-Office. Wir haben ein Büro, der andere muss im Esszimmer sitzen. Er arbeitet im Vertrieb und telefoniert sehr laut. Ich mache Controlling und Buchhaltungsarbeiten, da muss man sich konzentrieren. Das kann schwierig werden bei der Geräuschkulisse.

Wie hält man das mental aus?

Rudolph: Die Arbeitsmoral lässt ein wenig nach. Wir haben immer so 20, 30 Kollegen im Büro, die vermisse ich schon. Und man fühlt sich zu Hause sehr isoliert – es gibt einen harten Kern von Menschen, mit denen man sich privat trifft, aber es bei weitem nicht so, wie es vorher war.

Zudem haben Sie ein zweieinhalbjähriges Kita- Kind zu Hause. Braucht es nicht auch viel Zuwendung?

Rudoph: Ja, im März, April und Mai gab es kein Kita. Da war die Belastung verdoppelt. Man musste arbeiten und das Kind beschäftigen. Sie versteht natürlich nicht, warum der Papa zuhause ist, aber nicht mit ihr spielt. Auf der anderen Seite haben wir nach der Zeit der Schließung bemerkt, dass unsere Tochter absolute Entwöhnungsschwierigkeiten hat, Mama und Papa gehen zu lassen.

Vor- und Nachteile vom Home-Office?

Rudolph: Natürlich ist es toll, wenn man flexibel mit seiner Arbeitszeit umgehen kann, aber es bedeutet auch eine wahnsinnige Selbstdisziplin, seine Sache zu erledigen und gleichzeitig nicht zu viel zu arbeiten. Zum Beispiel, wenn man einfach mal das Mittagessen vergisst. Man merkt übrigens, dass die Nebenkosten steigen: Wasser und Strom. Das bleibt natürlich alles bei uns hängen.

Lockdown Light: Welche Regeln gelten im Homeoffice?

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    Darf ich jetzt auf jeden Fall ins Homeoffice?

    Einen allgemeinen Anspruch auf Homeoffice gibt es in Deutschland nach wie vor nicht. Das heißt: Solange der Arbeitgeber keine entsprechende Vereinbarung mit den Mitarbeitern getroffen hat und in Betriebsvereinbarung oder im Tarifvertrag nichts anderweitig geregelt ist, müssen Beschäftigte auch mit den neuen Corona-Regeln weiter zur Arbeit kommen.  Auch die Befürchtung, sich mit dem Virus anzustecken, ist nicht Grund genug, der Arbeit fern zu bleiben, erklärt die Gewerkschaft Verdi in einem FAQ.

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  • Muss das Homeoffice für alle gelten?

    „Der Arbeitgeber darf nicht willkürlich oder gar bestrafend einzelne Arbeitnehmer vom Homeoffice ausnehmen“, betont Arbeitsrechtler Alexander Bredereck. Er muss darüber hinaus den arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz beachten. Wenn allerdings bestimmte Arbeitnehmer von zu Hause aus arbeiten können und sich bei anderen dies aus sachlichen Gründen verbietet oder unmöglich ist, darf der Arbeitgeber die entsprechenden Mitarbeiter unterschiedlich behandeln. Solche Gründe können zum Beispiel die faktische Unmöglichkeit der Verrichtung der Tätigkeit im Homeoffice sein, genau wie Sicherheits- oder Datenschutzaspekte.

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  • Umgekehrter Fall: Muss ich auf Anweisung ins Homeoffice?

    Grundsätzlich kann der Arbeitgeber nicht einseitig anordnen, dass alle ins Homeoffice müssen, erklärt der Bund-Verlag in einem FAQ. Eine solche Anordnung kann nur ausnahmsweise gerechtfertigt sein. „In extremen Fällen, zum Beispiel, wenn aufgrund einer Pandemie-Lage am regulären Arbeitsplatz nicht mehr gearbeitet werden darf oder Ausgangssperren dies verhindern, könnte das anders sein“, führt Bredereck aus. Dann wäre möglicherweise ausnahmsweise eine einseitige Anordnung von Homeoffice zulässig, soweit die verordneten Tätigkeiten dem Arbeitnehmer von zu Hause unproblematisch möglich sind.  Außerdem müsse in einem solchen Fall der Betriebsrat zustimmen. Sind die Voraussetzungen für die Arbeit in der Wohnung nicht erfüllt oder hat der Betriebsrat nicht zugestimmt, kann der Arbeitnehmer die Arbeit im Homeoffice laut Bund-Verlag ablehnen.

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  • Muss ich im Homeoffice mit privater Technik arbeiten?

    Rein rechtlich ist die Antwort klar: „Niemand ist verpflichtet, seine private Hardware für den Arbeitgeber zur Verfügung zu stellen“, erklärt Alexander Bredereck. „Es ist die Aufgabe des Arbeitgebers, hier für die notwendigen Voraussetzungen zu sorgen.“Einfach die Arbeit zu verweigern, weil kein Dienstgerät zu Verfügung steht, kann unter Umständen aber Probleme bringen. „Man muss immer die Reaktion sehen“, so Bredereck. In einem Kleinbetrieb ohne Kündigungsschutz ist man in so einem Fall möglicherweise sogar den Job los - „und dann ist die Frage, ob man das wollte.“Aber auch in einem Unternehmen, in dem man Kündigungsschutz genießt, könnte so eine Weigerung langfristig für Spannungen sorgen. In jedem Fall sollten Arbeitnehmer mit der Firma reden. Vielleicht ist es eine Option, sich einen Laptop auf eigene Faust zu bestellen und sich die Ausgaben dafür vom Unternehmen erstatten zu lassen.

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  • Muss der Arbeitgeber meine Ausgaben erstatten?

    Für Aufwendungen hat man prinzipiell einen Erstattungsanspruch, so Bredereck. In der Praxis dürfte es sich dabei vor allem um Strom und Arbeitsmaterialien wie Papier handeln - also eher kleinere Beträge, die man dennoch belegen können muss, etwa den gesteigerten Stromverbrauch.Für Kosten wie für die Internet-Flatrate, die ohnehin anfallen, muss der Arbeitgeber hingegen nicht aufkommen, wie der Deutsche Anwaltverein (DAV) informiert.

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  • Darf der Arbeitgeber mein Homeoffice kontrollieren?

    „Die Kontrollmöglichkeiten des Arbeitgebers im Homeoffice sind eingeschränkt“, erklärt Alexander Bredereck. Die Unverletzlichkeit der Wohnung ist grundrechtlich geschützt, der Arbeitgeber könne daher in der Regel keinen Zutritt verlangen. Auf der anderen Seite haben Arbeitgeber gewisse Kontrollpflichten. Die ergeben sich unter anderem daraus, dass der Arbeitgeber für die Einhaltung von Arbeits- und Datenschutz im Homeoffice sorgen muss.  

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  • Wie sieht es mit den Arbeitszeiten aus?

    „Prinzipiell hat der Arbeitgeber Anspruch darauf, zu erfahren, von wann bis wann ein Arbeitnehmer arbeitet“, sagt Johannes Schipp, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Gütersloh. Und auch im Homeoffice sind die Arbeitszeiten nicht entgrenzt: Beschäftigte können in der Regel nicht einfach dann arbeiten, wann es ihnen am besten passt. „Die Arbeitnehmer sind auch zu Hause an die betriebsüblichen Zeiten gebunden“, so Schipp. Wenn der Arbeitgeber wissen will, wann die Beschäftigten mit der Arbeit beginnen und wann sie wieder in den Feierabend gehen, könne er also zum Beispiel durchaus verlangen, dass sie das jeweils per Mail oder in einem unternehmensinternen Chat kommunizieren. 

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Wie oft sind Sie im Büro?

Rudolph: Ich arbeite im Reisebüro. Aufgrund der schwierigen Situation mit Einreiseverboten oder Reisewarnungen allgemein gibt es praktisch keinen Kundenverkehr mehr. Wer kann jetzt schon verreisen? Um den Kontakt zu den Kollegen zu halten fahre ich regelmäßig rein, um einfach „Mal da zu sein“ und unsere Auszubildenden zu unterstützen, die gerade für uns das Büro schmeißen. Mein Mann arbeitet im Trainingsgeschäft für IT-Schulungen. Da versuchen die Kollegen, dass jeder zumindest einmal in der Woche ins Büro fährt, um ein bisschen Kontakt zu haben und die Schulungen vorzubereiten.

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