Angebot für queere Jugendliche
„Du bist gut und richtig, so wie du bist!“

Ochtrup -

Mit dem Queer-Express möchte das LSBTIQ*­- Jugendzentrum Track auch im ländlichen Raum schwulen, lesbischen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Jugendlichen die Möglichkeit zum Austausch geben – und macht aktuell Halt in Ochtrup. Josephine Schieblon, Mitinitiatorin des Angebots, spricht im Interview über das Angebot und warum es so wichtig ist.

Donnerstag, 10.12.2020, 12:00 Uhr
Zusammen mit dem Jugendcafé Freiraum lädt das Jugendzentrum Track aus Münster am Samstag noch einmal queere Jugendliche zum Austausch ein. Foto: imagoimages

Mit dem Queer-Express möchte das LSBTIQ*­- Jugendzentrum Track auch im ländlichen Raum schwulen, lesbischen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Jugendlichen die Möglichkeit zum Austausch geben. Wie das Angebot aussieht und warum es so wichtig ist, erklärt Josephine Schieblon, Mitarbeiterin im Track und Mitinitiatorin des Angebots in Ochtrup, im Interview mit WN-Mitarbeiterin Heidrun Riese.

Zuerst zur Begriffsklärung: Was bedeutet LSBTIQ*?

LSBTI steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans- und intergeschlechtlich, das Q für queer. Queer ist ein Begriff, der in den 90er-Jahren entstanden ist und auch heute gerne genutzt wird – als Sammelbegriff für die Vielfalt an Identitäten, aber auch als Selbstbezeichnung. Queer bedeutet seltsam und schräg. Ursprünglich wurde das Wort als abwertende Bezeichnung vor allem für Schwule und Lesben verwendet. Die Community hat sich diesen Begriff zu eigen gemacht und einen eigenen Umgang damit gefunden, eine eigene Identität geschaffen. Das Sternchen soll alle weiteren sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten inkludieren. Darunter fallen auch Heterosexualität und Cis-Gender. Letzteres bedeutet, dass man sich mit dem Geschlecht identifiziert, das einem bei der Geburt zugewiesen worden ist. Es gibt eine große Bandbreite an Identitätsvielfalt, wobei sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Wenn man alles nennen würde, hätte man riesigen Buchstabensalat.

Was hat sich das Jugendzentrum Track zur Aufgabe gemacht?

Wir wollen jungen, queeren Menschen zwischen 14 und 27 Jahren einen Ort bieten, an dem sie sich sicher fühlen können – einen Ort, an dem sie sich nicht verstecken und nicht dafür rechtfertigen müssen, wer sie sind oder wen sie lieben. Neben der Freizeitgestaltung – in und außer Haus – ist Beratung ein großes Thema. Da geht es um Themen wie das Coming Out, psychische Belastungen, die oft ihren Ursprung in Diskriminierung und Ablehnung haben. Was in den vergangnen Monaten auch oft angesprochen wurde, waren Corona sowie die damit verbundenen Belastungen und weggefallenen Alltagsstrukturen. Wir haben häufig gehört, dass wir als Anlaufstelle gefehlt haben, weil es zu Hause schwierig war. Wenn die eigene Identität zu Hause nicht akzeptiert wird, ist es natürlich besonders problematisch, wenn man nicht raus darf.

Mit dem Queer-Express touren Sie durch den ländlichen Raum. Warum ist es wichtig, eine solche Anlaufstelle auch ortsnah anzubieten?

Im ländlichen Raum fehlt das Angebot für queere Jugendliche. Track gibt es seit 2011 in Münster und wir sind das einzige LSBTIQ*-Jugendzentrum im Münsterland, das sich gehalten hat. Wir haben Jugendliche, die pro Strecke bis zu eineinhalb Stunden Fahrtzeit in Kauf nehmen. Da haben wir uns überlegt, etwas auf die Beine zu stellen, um zu ihnen zu kommen und 2019 den Queer-Express gestartet.

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Jugendcafé Freiraum zustande?

Vor drei Monaten war eine Mutter aus Ochtrup mit ihrer Tochter bei uns, die beide die eine ortsnahe Möglichkeit zum Austausch gesucht haben. Sie haben uns vom Freiraum erzählt und wir haben Kontakt aufgenommen.

Berichten Sie doch mal kurz vom Angebot in Ochtrup. Einer von zwei Terminen ist ja bereits gelaufen.

Wir haben vor dem ersten Termin ohne Anmeldung gearbeitet, weil wir die Resonanz nicht abschätzen konnten und gucken wollten, wie es angenommen wird. Es kamen mehr Jugendliche, als wir erwartet hatten. Weil wir wegen der Corona-Verordnungen nur Platz für sieben Jugendliche haben, haben wir uns für den zweiten Termin überlegt, Zeiten für zwei Gruppen anzubieten. Wir möchten niemanden nach Hause schicken müssen. Am Samstag (12. Dezember) sind wir also von 14.30 bis 17 Uhr und 17.30 bis 20 Uhr da. Die meisten Plätze sind schon belegt. Wir werden auf jeden Fall weitere Termine anbieten. Über unsere Homepage, unseren Instagram-Account und die Internetseite des Freiraum halten wir über Veranstaltungen auf dem Laufenden.

Mit welchen Fragen, Unsicherheiten und Wünschen sind die Jugendlichen beim ersten Termin auf sie zugekommen?

Das war ein ganz breites Spektrum. Beim ersten Mal geht es auch eher ums Kennenlernen. Weil das Freiraum vorher schon geöffnet hatte, waren einige Jugendliche früher da und sind direkt miteinander ins Gespräch gekommen. Wir haben mit einer Vorstellungsrunde angefangen und erstmal das Pronomen abgefragt, damit sich jeder wohl und gesehen, akzeptiert, respektiert und ernst genommen fühlt – und auch, um Verletzungen vorzubeugen. Dann ging es ganz einfach darum, gemeinsam Zeit zu verbringen, sich zu unterhalten oder etwas zu spielen.

Warum ist es so wichtig, eine Möglichkeit zur Vernetzung anzubieten?

Es ist superwichtig, queeren Jugendlichen zu zeigen, dass sie mit ihren Themen und Sorgen nicht alleine sind. Dass es andere gibt, die in ähnlichen Situationen sind. Dass sie keine „Freaks“ sind und auch nicht weniger normal als nicht queere Jugendliche. Die heteronormativen Strukturen in unserer Gesellschaft stellen queere Jugendliche vor Grenzen und Herausforderungen. Wenn ein lesbisches Mädchen zum Beispiel gefragt wird „Hast du schon einen Freund?“ statt einfach „Bist du verliebt?“. Verletzend kann auch sein, wenn es heißt: „Das ist doch nur eine Phase.“ Jemand, der sich als nicht hetero geoutet hat, ist ja kein anderer Mensch als vorher. Von der queeren Community wird ein Outing erwartet, aber das sollte nicht notwendig sein müssen.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Grundsätzlich muss man berücksichtigen, dass Eltern in den Moment, in dem ihr Kind sich outet, den Outing-Prozess ebenfalls durchgehen. Schwierig ist es, wenn die Eltern die Identität ihres Kindes abwerten und nicht ernst nehmen. Es kann ein Schock sein. Aber wenn sie offen sind, was das Thema angeht, und ihr Kind unterstützen, ist das die beste Basis – ein Familie, die sagt: „Du bist gut und richtig, so wie du bist!“ Ein solcher Umgang wäre wünschenswert.

Sie haben durch Ihre Arbeit im Track und mit dem Queer-Express schon viele queere Jugendliche kennengelernt. Was wünschen Sie sich für sie?

Ich wünsche mir viele sichere Orte, nicht nur vereinzelt. Außerdem hoffe ich, dass die Gesellschaft irgendwann an den Punkt kommt, an dem sich queere Jugendliche akzeptiert fühlen. Auch, dass Hürden und Barrieren abgebaut werden – zum Beispiel durch Toiletten, die für alle geöffnet sind, oder Formulare, auf denen man nicht nur männlich oder weiblichen ankreuzen kann. Toll wäre, wenn in Schulen thematisiert würde, dass es diese Vielfalt gibt – dass es egal ist, wer man ist und wen man liebt oder wie man gerade gestylt ist. Ich wünsche mir einfach Offenheit und Akzeptanz. Dass es für queere Jugendliche einfacher wird, dass sie ernst genommen werden. Sich nicht verstecken oder verstellen zu müssen, bedeutet auch Freiheit.

Für Samstag (12. Dezember) sind noch Anmeldungen möglich. Kontakt über das Track (www.track-ms.de, Instagram: track_jugendzentrum, E-Mail track@vse-nrw.de) oder das Jugendcafé Freiraum (www.jugendcafe-freiraum.de, Instagram: ­joerg.vom.freiraum, E-Mail info@­jugendcafe-freiraum.de).

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