Das Leid von Verschickungskindern
Wenn Kurorte zu Tatorten werden

Borken/Münster -

Die Borkenerin Barbara Thielke sollte 1955 als Sechsjährige ihre „inaktive Tuberkulose“ auskurieren. Acht Wochen sollte die Kur in Bonn andauern. Aber als „Verschickungskind“ erlebte sie den Kurort als Tatort. Schikanen und Misshandlungen waren an der Tagesordnung.

Freitag, 08.01.2021, 13:30 Uhr
Barbara Thielke aus Borken war sechs Jahre alt als sie ins Sanatorium nach Bonn verschickt wurde. Sie erlebte Furchtbares als „Verschickungskind“. Foto: Lilly Schmidt

Das Abendgebet der Sechsjährigen: „Lieber Gott, lass mich morgen nicht mehr aufwachen.“ Wer so betet, hat alle Hoffnung verloren. „Das habe ich damals jeden Abend gebetet“, erinnert sich Barbara Thielke. „Es ist nicht passiert – Gottseidank!“ Damals aber, 1955 in der „Verschickung“ in Bonn, sah die Sechsjährige keinen Ausweg. „Niemanden, der mir geglaubt hat. Man war den Erwachsenen völlig hilflos ausgeliefert.“ Das Schicksal eines „Verschickungskindes“, wie es bis in die 1980er Jahre Hunderttausende gegeben haben muss.

Dabei sollte es den Kindern eigentlich gut gehen in den Heimen in den Bergen, am Strand, auf dem Land – glaubten die Eltern. Viele der „Verschickungs-“ oder „Kurkinder“ erlebten die Realität ganz anders: Misshandlungen und Schläge für kleinste Fehltritte. Betroffene berichten von einem System, in dem größere Kinder zum Schikanieren kleinerer herangezogen wurden. „Sie waren es, die uns zwingen sollten, selbst das Erbrochene aufzuessen“, sagt Barbara Thielke. Der Erfolg der Kuren wurde in Kilo gemessen – daran, wie viel die als untergewichtig eingestuften Kinder zugenommen hatten.

Prügel auf den Rücken

Das Leiden der kleinen Barbara begann, als bei der Einschulungsuntersuchung in Bochum ein Schatten auf der Lunge festgestellt wurde. Diagnose: „inaktive Tuberkulose“. Die sollte sie in Bonn auskurieren. Schon in der ersten Nacht, wurde sie „erwischt“, als sie in dem unbekannten Kurhaus die Toilette suchte. Schnurstracks zurück ins Bett. Am Morgen gab es Prügel „mit dem eigenen Pantoffel“ auf den nackten Rücken für alle Kinder, die ins Bett gemacht hatten.

Nach der Kur war das Verhältnis zu meinen Eltern nie mehr so wie zuvor.

Barbara Thielke

Acht Wochen sollte die Kur dauern. „Ich konnte noch nicht lesen, aber zählen“, erinnert sich die Borkenerin. „Ich wusste, wann acht Wochen vorbei waren.“ Aber: Die Bäume blühten, der Sommer kam, der Herbst ... „Irgendwann habe ich gefragt, wann ich nach Hause kann“, erinnert sie sich. Antwort: „Stell‘ nicht so dumme Fragen. Vielleicht wollen Dich Deine Eltern nicht mehr zu Hause haben, weil Du immer so dumme Fragen stellst.“ Ein Anschlag auf das Vertrauen des Kindes in die Eltern.

Lange über das Leid geschwiegen

 Selbst Weihnachten durfte sie nicht nach Hause. Dafür kam der Vater zu Besuch. „Das war eigentlich verboten.“ Auf einem gemeinsamen Spaziergang habe sie den Vater gefragt: „Warum wollt ihr mich nicht mehr haben?“ Und sie habe ihm von den Worten der Schwester erzählt. Der Vater habe mit dem Arzt gesprochen. Reaktion danach: „Stimmt das wirklich? Der Arzt hat gesagt, Du denkst Dir laufend solche Sachen aus.“ Sie habe sehen können, dass der Vater ihr nicht glaubte. „Nach der Kur war das Verhältnis zu meinen Eltern nie mehr so wie zuvor“, sagt Barbara Thielke.

Bei zwei weiteren, kürzeren Kuren 1957 und 1959 in Glücksburg und Bad Rothenfelde sei ihre jüngere Schwester dabei gewesen. Mit ihr habe sie später über die Kuren gesprochen, mit den Eltern kaum. Doch das Erlebte habe sie ihr Leben lang begleitet, so die Borkenerin. „Ich musste mich zusammenreißen, wenn ich mit meinen Schülern auf Klassenfahrt war“, erinnert sich die ehemalige Lehrerin, „die Schullandheime, der Geruch, die Speisesäle...“ Ihre drei Kinder habe sie – aus Angst – niemals in Ferienlager fahren lassen.

Über ihr Leid als „Verschickungskind“ habe sie lange geschwiegen. „Auch mein Mann wusste es nicht.“ Vor etwa einem Jahr sah das Paar eine Dokumentation im Fernsehen: „Ich war auch da, es war genau so!“ Mit dem Satz brach das Schweigen.

„Ich will keine Entschädigung; ich brauche kein Geld“, sagt Barbara Thielke heute. „Ich möchte nur, das man mir endlich glaubt.“

Initiative Verschickungskinder

Das Leid der „Verschickungskinder“ beschäftigt inzwischen auch den NRW-Landtag. Zwischen 8 und 12 Millionen Kinder wurden in vier Jahrzehnten „verschickt“, schätzt die „Initiative Verschickungskinder“. Viele lebten noch heute mit den Folgen dieser „Kur“, so Detlef Lichtrauter, NRW-Landeskoordinator der Initiative. Vielen Betroffenen hilft das Gespräch miteinander.

Initiative Verschickungskinder,
Detlef Lichtrauter, Landeskoordinator NRW,
Parkstr. 13, 47661 Issum, Telefon: 02835-5657,
Email: verschickungskind[at]t-online.de , www.verschickungsheime.org

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