Homeschooling
Lernen auf Distanz: So könnte der Ersatz-Unterricht zu Hause funktionieren

Münsterland -

Für Schüler, Lehrer und Eltern bleibt es ein großes Thema: das Lernen auf Distanz. Abseits von politischen Debatten: Welche Kniffe bewirken, dass der Unterricht zu Hause nicht zum Horror wird, sondern funktioniert und sogar Spaß machen kann?

Samstag, 09.01.2021, 10:00 Uhr aktualisiert: 09.01.2021, 16:27 Uhr
Ein Schüler löst am Laptop in seinem Zuhause Schulaufgaben, die ihm seine Lehrer für jeden Tag über den Schulserver geschickt haben. Foto: picture alliance/dpa | Ulrich Perrey

Ein Kabarettist ist auch nur ein Mensch. Und in genau dieser Rolle saß Humorist Sebastian Pufpaff kürzlich in einer Talkshow und plauderte – über Corona, den Zustand der Kultur und seine Erfahrungen als Vollzeitpapa zu Hause mit einer Tochter, die im Lockdown daheim für die Grundschule lernen sollte. „Wir haben sie morgens erst einmal rausgeschickt und sie ist mit dem Tornister auf dem Rücken eine Runde ums Haus gelaufen“, verriet er. „Keine schlechte Idee“, kommentiert Kathi Kösters den Start des Kabarettistenkindes in den Tag. So fange es den Tag wie gewohnt an – und Struktur sei ein zentrales Mittel, um ein Lernen auf Distanz zu ermöglichen.

Kathi Kösters leitet die Gesamtschule Münster-Mitte, deren Schulkonzept digitales Lernen mit Wochenplänen und über eine Online-Lernplattform bereits seit Jahren vorsieht. Technisch, so sagt sie, lief es daher gut: Schüler und Lehrer sind während des Schultags erreichbar. „Wir haben ein pädagogisches Konzept, das auf Selbststeuerung beruht.“ Kösters und ihre Kollegen verfügen damit über einen Erfahrungsschatz, der ihnen geholfen hat, ohne große Reibungen durch die Phasen des Distanzlernens zu kommen.

Strukturen und feste Zeiten

Feste und gewohnte Strukturen sind dabei eine zentrale Säule: Gelernt wird nach Stundenplan. Zum Start jeder Unterrichtsstunde treten alle Jungen und Mädchen per Video oder Chatnachricht kurz mit dem Lehrer in Kontakt. Wer sich nicht selbstständig meldet, wird kontaktiert. Zu Wochenbeginn tritt der Klassenrat zusammen und blickt auf die kommenden Tage. Am Freitag wird gemeinsam auf virtuellem Weg Bilanz gezogen. In der Zeit dazwischen erledigen die Schüler und Schülerinnen zu Hause, was der Wochenplan verlangt – eben am Schreibtisch daheim und nicht im Lernbüro in der Schule. Und wenn das konzentrierte Lernen zu Hause nicht möglich ist? Eine Abfrage unter den Eltern hat dargelegt, wer kein eigenes Zimmer, keine Möglichkeit zum Rückzug hat. Diese Kinder können in der Schule lernen, erläutert Kathi Kösters.

Und was ist mit der Motivation? „Ich habe letztens eine fünfte Klasse beim Sportunterricht beobachtet. Die eine Hälfte turnte live, der andere Teil per Videokonferenz“, erinnert sich die Pädagogin. Orientiere man sich am Stundenplan, beinhalte der per se Fächer, die für Abwechslung und für Pausen und Abstand zum Lernen sorgten. Einige ihrer Schüler hätten Hauswirtschaftsunterricht: Beim Distanzlernen seien sie vom Schreibtisch an den Herd gewechselt und haben die gekochten Gerichte anschließend per Foto virtuell geteilt.

Und wenn der Hänger mitten in der Lerneinheit lauert? Die Schülerschaft der Gesamtschule Münster-Mitte ist analog zu ihren Tischgruppen in virtuelle Untergruppen unterteilt, in denen die Schüler Gruppenarbeiten erledigen, aber auch einfach miteinander sprechen und sich gegenseitig motivieren können. Die Schulleiterin appelliert aber auch zu Gelassenheit: Im Unterricht dürfe sich ein Kind ruhig einmal für einen Moment wegträumen. Das gelte auch fürs das Lernen zu Hause.

„Corona-Mathe“ für Abiturienten via You Tube

Lockdown-Phasen sind ohne Frage auch für Lehrerinnen und Lehrer eine große Herausforderung. Magdalena Mayerhoffer nahm sie im März an – aus Sorge um ihre Nachhilfeschüler, um die sich die Quereinsteigerin in den Lehrerberuf von jetzt auf gleich nicht mehr kümmern konnte. Beim Joggen kam ihr die Idee: „Was ich am besten kann, ist Mathe.“ Und ihren Nachhilfe-Schülern hatte sie immer empfohlen, alte Mathe-Klausuren zur Vorbereitung zu rechnen. Zusammengenommen war der Plan geboren, sie per Video vorzurechnen. Ihr Vorteil: Aus der Zeit, als sie zusammen mit ihrem Freund per Fahrrad durch die Welt gereist war, hatte sie gelernt, Videos zu schneiden und auf Youtube hochzuladen .

Das erste Video ging nur an ihre Nachhilfeschüler und über ihren Kanal „Corona-Mathe“ – und die machten ihr Mut, weiterzumachen. Denn es funktionierte. „Im Grunde sind viele ­Videos so, wie ich immer Nachhilfe mache.“ Mit dem Unterschied, dass ihre Schützlinge vor dem Bildschirm saßen. An jedem Lockdown-Tag rechnete sie eine andere Klausur – und schnell rechneten bis zu 1000 Abonnenten mit. „Die ­Resonanz hat mich bestärkt weiterzumachen, denn die Schüler waren so megadankbar.“

Die Resonanz hat mich bestärkt weiterzumachen

Magdalena Mayerhoffer

Inzwischen hat die angehende Lehrerin, die bald ihr Referendariat beginnt, noch mehr dazugelernt: Sie sitzt vor einem Greenscreen, über den in Echtzeit auf dem Bildschirm sichtbar wird, was sie auf ihr Tablet schreibt. Sie feilt immer wieder an der Beleuchtung, dem Storyboard, der Grafik. Die Rückmeldungen kamen aber nicht nur von den jugendlichen Zuschauern, sondern beispielsweise von einem Mathematik-Professor für Stochastik, der die Mathematikerin mit Masterabschluss herausforderte. „Ich war schon immer eine Netzwerkerin – und dieses Vernetzen hat mich zusätzlich aktiviert“, erklärt Magdalena Mayerhoffer, die vor Energie für neue Projekte sprüht. Ihr aktuelles Ziel: Eine Website, die mithilfe ihrer Videos alle Mathematik-Themen des Matheabiturs bündelt.

Viel Arbeit, viel Feedback

Was ihr so leicht von der Hand zu gehen scheint, kostet viel Zeit: Fast einen ganzen Arbeitstag habe sie vor den Ferien in ein Weihnachtsrätsel für ihre Grundschüler, die sie aktuell als Vertretungslehrerin unterrichtet, investiert. Daher kann sie nachvollziehen, wenn Lehrer vor eigenen digitalen Ansätzen zurückschrecken haben und sich nicht kompetent genug fühlen. Ihre Empfehlung: „Einfach anfangen – ohne groß zu überlegen.“

Auf ihrem Kanal hat sie ein Tutorial eingestellt, das Kollegen und Kolleginnen Schritt für Schritt erklärt, wie sie Erklärvideos erstellen und hochladen. Ihr hätten Kontakte in der Facebook-Gruppe „Digitales Unterrichten in der Schule“ weitergeholfen, um ihre Wege zu verfeinern und Antworten auf technische Fragen zu finden. Auch eine Option: Im Kollegium nach einem Partner suchen und gemeinsam Videoprojekte entwickeln und umsetzen. Manchmal war es die eigene Erfahrung, die ihr half, ihre Schüler virtuell zu erreichen: „Möglichst wenig Material verteilen“ ist eine dieser Erkenntnisse. Und: „Erst mal ausquatschen lassen“: Zu Beginn ihrer virtuellen Unterrichtsstunden lasse sie ihre Schüler fünf Minuten nach Lust und Laune quasseln. Ein Ventil, damit es danach konzen­triert losgehen könne.

Gutes Lernen braucht Beziehungsebene

Vor allem die Schüler, die sonst eher die unruhigen Klassenclowns waren, hätten sie überrascht: Sie hätten in einer Stunde Unterricht am Bildschirm mehr mitgenommen als in drei Stunden realem Unterricht – weil sie nicht abgelenkt waren. Dennoch freut sich Magdalena Mayerhoffer darauf, irgendwann zum unbeschwerten realen Unterricht zurückkehren zu können. Weil Lernen eine Beziehungsebene brauche, aber auch, weil die Schule bis zu einem gewissen Grad Unterschiede egalisieren könne. Unterschied­liche technische Ausstattung, die Begleitung durch die Eltern: An diesen Punkten verschärfe der digitale Unterricht Ungleichheiten.

Distanzlernen als Lernen fürs Leben? Schul­leiterin Kathi Kösters bestätigt, dass sich gerade Oberstufen­schüler dem wissenschaft­lichen Arbeiten annähern, das sie später an der Hochschule brauchen. „Aber eigentlich hätte ich sie am liebsten alle in der Schule.“

Nachrichten-Ticker