Angehörige nach Corona-Fällen im Altenzentrum
Zwischen Sorge und Hoffnung

Nordwalde -

Die Situation nach dem Corona-Ausbruch im St.-Augustinus-Altenzentrum ist nicht leicht. Nicht für Bewohner, nicht für Mitarbeiter, nicht für Angehörige, die sich um ihre Familienmitglieder sorgen. Wie Friedhelm Redlich, dessen Mutter im Altenzentrum lebt. Er sorgt sich um ihre Gesundheit, setzt Hoffnung auf die Impfung und hat kein Verständnis für Corona-Verharmloser.

Donnerstag, 07.01.2021, 17:57 Uhr aktualisiert: 08.01.2021, 09:49 Uhr
Nach vielen Corona-Fällen im St.-Augustinus-Altenzentrum hatte der Kreis Steinfurt kurz vor Weihnachten ein Besuchsverbot verhängt, das mittlerweile ausgelaufen ist. Um seine Mutter zu sehen, hat sich Friedhelm Redlich vor ihr Zimmerfenster (kl. Bild) gestellt. Foto: Szybalski/Redlich

Friedhelm Redlich ist der Idee seiner Schwester gefolgt und hat sich einfach vor das Fenster im ersten Stock gestellt. Das ist zwar nicht dasselbe wie ein Besuch, aber es war eine der wenigen Möglichkeiten, seine Mutter mal wieder zu sehen. Wenn auch durch eine Scheibe. Denn Redlichs Mutter wohnt im St.-Augustinus-Altenzentrum. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie mussten Angehörige die Besuche von Bewohnerinnen und Bewohnern einschränken. Mal waren sie gar nicht erlaubt, mal unter Auflagen, kurz vor Weihnachten griff wieder ein Besuchsverbot, nachdem die Zahl der Corona-Infizierten stark gestiegen war.

„Wir können im Moment nur mit meiner Mutter telefonieren. Das ist aber nicht so einfach, weil sie dement ist“, sagt Friedhelm Redlich. „Nach einer Minute beendet sie das Gespräch. Das ist schwer am Telefon, sie muss jemanden sehen.“ Also machte sich Friedhelm Redlich auf den Weg, seiner Mutter einen Besuch der etwas anderen Art abzustatten. Es war eine Pflegerin im Zimmer, die seine Mutter ans Fenster holte.

Belastende Situation für die Familie

Es ist keine leichte Zeit. Nicht für Bewohner, nicht für Mitarbeiter, nicht für Angehörige, die sich um ihre Familienmitglieder im Altenzentrum sorgen. Neben Friedhelm Redlichs Mutter wohnten noch andere Personen aus seinem erweiterten Familienkreis im St.-Augustinus-Altenzentrum. Zwei haben sich mit dem Coronavirus infiziert und sind verstorben. „Das ist für uns alle echt belastend“, sagt der Grevener. „Ich sorge mich darum, dass sich meine Mutter auch infiziert. Sie wird 89 in diesem Jahr.“

Umso mehr hadert er mit Menschen, die das Coronavirus immer noch verharmlosen. „Das macht mich sehr wütend“, sagt Redlich, dessen Frau ebenfalls zur Risikogruppe gehört. „Das typische Geschwurbel in den sozialen Medien ist das eine.“ Dort sei er indirekt mit Menschen konfrontiert, die die Gefahren des Virus relativieren, in der Grevener Fußgängerzone durchaus ganz direkt, wenn dort manche aus Versehen, andere ganz bewusst keine Maske tragen würden. „Es nehmen offenbar immer noch fünf oder zehn Prozent der Menschen das Coronavirus nicht ernst.“ Dass es sich um eine komplexe, schwer greifbare Situation handele, könne er sogar nachvollziehen. Das sei ähnlich wie beim Klimawandel.

Ich erlebe das Personal und die Leitung als sehr verantwortungsbewusst. Die Pfleger sind super hilfsbereit.

Friedhelm Redlich

Vor einem Jahr hörte Friedhelm Redlich nach einem Urlaub in Vietnam vom Coronavirus: „Am Abflugtag wurden zwei Infizierte in Vietnam gemeldet.“ Im März begann Redlich, der damals noch bei BASF beschäftigt war, im Homeoffice zu arbeiten. „Damals hatte ich in der Tat noch keine großen Bedenken, dass das auf meine Mutter besondere Auswirkungen haben könnte“, erinnert sich Redlich. „Man wusste noch nichts über die hohe Todesrate in der Altersgruppe.“

Seit rund zehn Jahren lebt Redlichs Mutter im St.-Augustinus-Altenzentrum. Die Situation derzeit ist für alle nicht leicht. „Ich bin absolut einverstanden damit, wie das Haus damit umgeht“, sagt Redlich. „Ich erlebe das Personal und die Leitung als sehr verantwortungsbewusst. Die Pfleger sind super hilfsbereit. Die stehen ja auch unter Stress, aber helfen immer und sind freundlich.“

Hoffnung auf ein negatives Testergebnis

Redlich setzt jetzt Hoffnung auf die Impfung: „Ich hoffe auch, dass sich das Personal impfen lässt.“ Seine Mutter komme mit der Situation derzeit klar: „Sie ist trotz ihrer Demenz gut drauf und freundlich. Sie ist absolut resistent. Sie hat den Krieg miterlebt, Flucht, Vertreibung. Psychisch kommt sie damit klar. Körperlich fehlt ihr etwas die Bewegung.“

Gute Nachrichten gab es Anfang der Woche. Bei dem Flächentest am vergangenen Samstag war keine Neuinfektion bei einem Bewohner festgestellt worden. „Bei jedem neuen Abstrich hofft man immer, dass die Zahlen runter gehen und die eigene Mutter nicht betroffen ist“, sagt Friedhelm Redlich.

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