Landwirte werben für gegenseitiges Verständnis
Ein Güllefass kommt selten allein

Steinfurt -

Es geht schon wieder los: Die Gülle-Saison wird in den nächsten Tagen starten. Sie ist abhängig vom Wetter. Die kurze Zeit bis zum Beginn wollen die Landwirte nutzen, um für Verständnis für ihre nicht nach Parfüm riechende Arbeit zu werben.

Montag, 01.03.2021, 18:38 Uhr aktualisiert: 01.03.2021, 19:09 Uhr
Stefan Drerup, Christoph Uhlenbrock und Christian Große Brinkhaus werben vor dem Start der Gülle-Saison für gegenseitiges Verständnis. Mit ausgestreckten Armen misst das Gespann über 20 Meter in der Breite. Foto: Axel Roll

Stefan Drerup kann aus den acht Reifen von Trecker und Güllefass per Knopfdruck die Luft ablassen und sie später wieder aufpumpen. Der Computer in der Fahrerkabine rechnet ihm sekundenschnell aus, mit welchem Tempo er fahren muss, um die kalkulierte Menge des natürlichen Düngers aufs Feld zu bringen. Und die Befüllung seines 17-Kubik-Fasses funktioniert auch mehr oder weniger automatisch, wenn er den Unterschenkel dicken Schlauch an die Grube angeschlossen hat.

Was der Landwirt aus Dumte – und seine Kollegen weltweit – aber trotz modernster Technik immer noch nicht hinbekommen: „Dass die Gülle nach Erdbeeren riecht.“ Wäre ein Duftspender dieser Art erfunden, die Bauern könnten auf mehr Verständnis bauen, wenn sie in den nächsten Tagen und Wochen die alle Geruchsnerven beleidigende Plörre auf die Felder bringen. . .

Doppeltes Konfliktpotenzial

„Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir für das Ausfahren keine Lobeshymnen ernten“, weiß der Borghorster LOV-Vorsitzender Christoph Uhlenbrock. Ein bisschen mehr Verständnis würde ihm schon reichen. Und das, wohlgemerkt, auch von seinen Berufskollegen für die Ausflügler, die gerade jetzt, unter Corona-Vorzeichen, besonders heftig die Naherholungsmöglichkeiten in den Bauerschaften suchen.

Das Güllefahren birgt gleich doppeltes Konfliktpotenzial. Zum einen wirken die drei Meter breiten und noch höheren Gespanne einschüchternd und angsteinflößend, wenn sich Radfahrer oder Spaziergänger auf den ohnehin schon schmalen Wirtschaftswegen an ihnen vorbeischieben möchten. Für Christian Große Brinkhaus, erfahrener Nebenerwerbslandwirt, gibt es dann nur eins: „Anhalten.“ Groß ausweichen können die Schlepper mit den Fässern, egal, ob sie leer oder voll sind, nämlich nicht. „Bei dem Gewicht laufen wir Gefahr, dass wir umkippen, wenn wir zu weit auf den Grünstreifen fahren.“ Christoph Uhlenbrock weiß, und das zum Thema gegenseitiges Verständnis, dass nicht alle Kollegen so denken und manchmal im Begegnungsverkehr trotzdem Gas geben. „Das ist völlig unnötig und bringt Ärger, der einfach zu vermeiden wäre.“

Computergesteuerte „Landluft“

Die vielzitierte Münsterländer Landluft, die nicht nur Städter-Nasen krauszieht, stinkt für den Nicht-Landwirten noch viel mehr zum Himmel als die Verkehrsprobleme. Obwohl Stefan Drerup und seine Kollegen heute ein eigenes Interesse daran haben, den stickstoff-, phosphat- und kaliumreichen Naturdünger möglichst sparsam in die Ackerfurchen zu bringen. Die Zeiten, in denen die Tierexkremente Pi mal Daumen in hohem Bogen aufs Feld gespritzt wurden, sind lange vorbei. „Heute geht das nur noch über Schläuche, die die Gülle ganz nah an die Pflanze bringen“, erläutert Stefan Drerup. An den Schläuchen sind kleine Metallhaken, die eine möglichst enge Verbindung zum Boden herstellen sollen. Breitet der Schlauchhalter an Drerups Güllefass seine Arme aus, sorgt auf einer Länge von 21 Metern alle 25 Zentimeter eine Plastikröhre für Nahrung für die hungrige Pflanze.

Dass es aus den Schläuchen nicht sprudelt, sondern nur tröpfelt, dafür sorgt Kollege Computer. Erst im „Bauernbüro“, wie Drerup seinen Kellerraum für die Schreibtischarbeit nennt. Und dann später auch in der Fahrerkanzel des Schleppers.

Wann Gülle auf die Äcker darf

„Schon im Januar sind wir dazu verpflichtet, für jeden Acker eine Nährstoffbedarfsermittlung zu machen“, erläutert Christian Große Brinkhaus. Dabei wird anhand zahlreicher Daten festgestellt, welche Mengen an Gülle „nachgefüllt“ werden müssen, um den Pflanzen beste Lebensbedingungen zu liefern. Zu dieser Bestandsaufnahme zählt zum Beispiel auch eine Analyse des Bodens. Kurz bevor die Güllefässer angespannt werden, wird dann noch die Qualität des flüssigen Düngers bestimmt. Erst dann ist klar, wie viel Gülle jeder Acker bekommen darf. Das ganze Verfahren ist mittlerweile größtenteils rechtlich verbindlich und wird regelmäßig kontrolliert, betonen die Landwirte.

Ein Güllefass kommt selten allein. Und das hat gleich mehrere Gründe: Der Dünger macht nur dann Sinn, wenn Gerste, Mais, Weizen oder welches Getreide auch immer Bedarf hat. Christian Große Brinkhaus: „Das ist in der Regel zum ersten Mal im März der Fall. Im April, wenn die Pflanzen in die Höhe schießen, und im Spätsommer dann noch einmal.“ Außerdem haben die Landwirte nur zwei Zeitfenster, in denen sie ausbringen dürfen. Und schließlich muss das Wetter mitspielen.

„Bei Regen fahren wir in der Regel nicht, um unsere Böden zu schonen“, erläutert Stefan Drerup. Darum sind oftmals Gülle- und Radfahrer gleichzeitig auf dem Bauerschaftspatt: wenn es trocken ist und die Sonne scheint.

An einem Tag in der Woche können die Ausflügler ziemlich sicher sein, keinem dieser rollenden Gülle-Dinos zu begegnen. Christoph Uhlenbrock: „Sonntags fährt keiner von uns.“

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