Sowohl auf als auch hinter der Bühne:
Improvisation war Trumpf

Gronau -

Die sechste Auflage des Jazzfests Gronau fand vom 24. April bis zum 1. Mai 1994 statt.

Dienstag, 04.05.2021, 16:52 Uhr
Philip Catherine und

In einer Serie blicken die WN auf die Geschichte des Jazzfests Gronau zurück. Heute die sechste Auflage, die vom 24. April bis 1. Mai 1994 stattfand.

Improvisieren gehört zur musikalischen Identität des Jazz – und Improvisationstalent lange Zeit auch zur notwendigen Eigenschaft der Jazzfest-Macher. Die Jazzfabrik war ein Provisorium, wo häufig improvisiert werden musste, um Konzerte reibungslos über die Bühne zu bringen. Das hatte seinen Charme, doch für akustisch anspruchsvolle Konzerte war der Ort nicht geeignet. Das Jazzzelt war zwar in mancher Hinsicht eine Verbesserung – aber noch längst nicht das Nonplusultra. Zumal dort Gastronomie und Konzertsaal nahtlos ineinander übergingen.

Beim Jazzfrühschoppen kein Problem, beim anspruchsvoll-filigranen Auftritt hochkarätiger Jazzmusiker schon. Unvergessen diese Szene: Der belgische Gitarrist Philip Catherine und der dänische Kontrabassist Niels-Henning Ørsted-Pedersen spielen gegen eine erhebliche Geräuschkulisse an. Besucherinnen und Besucherinnen und Besucher unterhalten sich, und zu allem Überfluss schiebt ein Angestellter des Gastronomiebetriebs einen Wagen mit Getränken rumpelnd durch die Reihen. Catherine nimmt‘s mit Humor: „Hast du auch Pommes?“, fragt er den verdatterten Mann von der Bühne aus.

Teile des Publikums machen keinen Unterschied zwischen Stimmungskonzerten, wo das lautstarke Mitgehen erlaubt, ja sogar erwünscht ist, und den Hörkonzerten, die erst durch Aufmerksamkeit und bei ruhigem Umfeld den eigentlichen Hörgenuss verschaffen. Das Problem durch störende Quatscherinnen und Quatscher soll auch in den Folgejahren auftreten.

Eine der schillerndsten weiblichen Figuren im Jazz macht bei der sechsten Ausgabe dem Jazzfest Gronau ihre Aufwartung: Pianistin Carla Bley, die mit ihrem Partner Steve Swallow am Bass und Andy Sheppard (Saxofon) ein grandioses Konzert ins Zelt zaubert.

Die Stars des modernen Jazz geben sich die Klinke in die Hand: Gitarrist John Abercrombie mit Adam Nussbaum (Drums) und Dan Wall (Orgel). Abercrombie, der Meister des Weglassens, spielt mit den Hörerwartungen des Publikums.

Auch Drummer Paul Motian mit Joe Lovano (Saxofon) und Bill Frisell (Gitarre) gehören zur ersten Sahne der damals aktuellen Jazzströmungen – während der gebürtige Eperaner Franz Holtmann als Mitglied der Band Triton den Jazzrock aufleben lässt.

Kneipennacht am Freitag, Marching Bands und Combos am Euregio-Samstag in der City unter freiem Himmel, Dixie aus Deutschland am Samstagabend im Zelt, das an der Hörster Straße aufgebaut ist, der Frühschoppen am Sonntag (erneut mit der Dutch Swing Collage Band und erstmalig mit dem großartigen New Yorker Saxofonisten Scott Hamilton) und das mitreißende Gospelkonzert mit Ron Ringwoods Gospel Messengers samt drei stimmgewaltigen Ladys in der Stadtkirche – das Jazzfest lässt erneut kaum Wünsche offen angesichts seiner enormen musikalischen Bandbreite. Es gab nicht nur Musik: Emil Mangelsdorff (Jahrgang 1925), einer der Väter des deutschen Jazz, erinnerte in einem Konzertvortag an die schwierigen Anfänge der Musikrichtung unter dem Nationalsozialismus. „Jazz hat durch seine Struktur mit den Improvisationen eine liberale, antiautoritäre Ausstrahlung“, begründete er, warum Jazz bei den Nazis nicht gut ankam. Und: „Es ist mir unbegreiflich, wie heute Jugendliche dem braunen Mob und Demagogen hinterherlaufen können und glauben, die würden ihnen ein besseres Leben bieten.“

Obwohl Organisatoren und Ehrenamtliche bei diesem Jazzfest auf ein gerüttelt Maß an Erfahrung zurückgreifen konnten, blieben Pannen nicht aus. Erstmals musste ein ärztlicher Dienst in Anspruch genommen werden. Ein amerikanischer Musiker litt an Verstopfung – doch durch einen Übersetzungsfehler wurde ihm ein Mittel gegen Durchfall verabreicht. Der Musiker trat dennoch auf – allerdings unter Schmerzen, erinnerte sich Jazzfest-Organisator Otto Lohle in einer Broschüre.

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