Rückblick auf das Jazzfest Gronau: 1990 hielt Premieren bereit
Freejazz und Hardbop in der Fabrik

Gronau -

Das zweite Jazzfest Gronau fand vom 26. bis 29. April statt.

Dienstag, 04.05.2021, 16:52 Uhr
Blick in die Jazzfabrik. Foto: Sammlung AK Jazzfest

Traditioneller Jazz prägte weite Teile des zweiten Jazzfests Gronau vom 26. bis 29. April 1990. Doch neben Dixie und Boogie Woogie versprach das Programm den Auftritt eines Giganten des modernen Jazz: des amerikanischen Schlagzeugers Tony Williams und seines Quintetts. Williams hatte mehrere Jahre in der Band von Miles Davis gespielt und als Schlagzeuger neue Akzente im Jazz gesetzt. Und der sollte nach Gronau kommen? Schlagartig wurde die Stadt für Modern-Jazz-Liebhaber aus der weiten Umgebung ein Begriff. Ursprünglich war der Jazzpianist Herbie Hancock als Top-Act vorgesehen; dieses Konzert kam aber nicht zustande, weil es Unstimmigkeiten mit dem Vertrag gab. So musste wenige Tage vor dem Festival noch umgeplant werden.

Tony Williams statt Herbie Hancock

Williams trat am ersten Abend des auf vier Tage erweiterten Festes auf. Er spielte mit Wallace Roney (Trompete), Ira Coleman am Bass, Mulgrew Miller am Klavier und Bill Pierce am Saxofon auf – allesamt begnadete Solisten, die in teils sperrigen Hardbopkompositionen brillierten.

Eigentlich frech, dass der Arbeitskreis Jazz einen anderen Schlagzeuger die Jazzgala in der alten Fabrikhalle an diesem Donnerstagabend eröffnen ließ. Und dann nicht nur irgendeinen, sondern einen Exponenten des Free Jazz, den Niederländer Han Bennink. Der traktierte sein Instrument mit allem, was er in die Finger kriegte und sorgte im Publikum für so manches Erweckungserlebnis.

Den „Rausschmeißer“ des Abends spielte Boogie-Woogie-Pianist Little Willie Littlefield, der mit stampfendem Fuß den Takt angab.

Little Willie Littlefield als „Rausschmeißer“

In der freitäglichen Kneipennacht bekam man kein Bein an die Erde. „Die Leute hängen unter der Decke, das gibt‘s gar nicht“, so der Kommentar eines Besuchers.

In der Bahnhofstraße – dem Schwerpunkt der Gronauer Kneipenszene – gab es zeitweise kein Durchkommen – auch nicht für die Marching Bands, die unter freiem Himmel für Stimmung sorgten. Erst um halb vier morgens verklangen die letzten Takte im Lambertihof an der Gildehauser Straße, damals eine der angesagten Gaststätten. Die Kneipennacht erwies sich als Magnet für viele ehemalige Gronauer, die nur zu gerne die positiven Schwingungen des Festes genießen und Kontakte wieder aufleben lassen wollten.

Mit Charly Antolini trat ein weiterer Schlagzeuger bei der Samstag-Jazzgala in der Fabrik auf. Auch Chris Barber und Oscar Klein spielten. Bob Long mit seiner California Band veranstaltete eine Wahnsinns-Show.

Am „Euregio-Tag“ unterhielten zahlreiche Bands in der Gronauer Innenstadt die Besucher – die Gronauer Geschäftswelt freute sich über zusätzliche Kundschaft. Damals gab es noch Geschäfte wie Karstadt und Groka . . . Die Barrelhouse Jazzband, die Uli Hanke Group und die famose Berliner Sängerin Pascal von Wroblewsky traten bei einer weiteren Gala auf.

120 Stunden Musik an vier Tagen

Max Collie‘s Rhythm Aces und die Hodge Podge Stompers, die Band von Theo Eimann, gestalteten den sonntäglichen Jazz-Frühschoppen, der auf Jahre zu einer Institution werden sollte – als musikalisches Fest für die ganze Familie.

An vier Tagen gab es somit 120 Stunden Musik – weil viele Konzerte während der Kneipennacht und in der City parallel liefen. 244 aktive Musiker zählte der Arbeitskreis Jazz. Zu den drei Jazzgalas kamen etwa 6000 Besucher. Einige Tausend Zuhörerinnen und Zuhörer in der Kneipennacht und bei den Freiluftkonzerten am „Euregio-Tag“ kamen dazu.

Nicht nur das Publikum war angetan – auch die Musikerinnen und Musiker zeigten sich von der Begeisterungsfähigkeit der Gronauer Fans völlig baff.

Und es machte sich ein lange nicht mehr wahrgenommenes Wir-Gefühl in der Bevölkerung breit, ein produktives, kreatives Gefühl.

Neben den vier Organisatoren Elmar Hoff, Manfred Haupt, Theo Eimann und Otto Lohle sorgten 70 unermüdliche Helfer dafür, dass hinter den Kulissen alles glatt lief.

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