Das 14. Jazzfest im April 2002
Abschied vom Dauer-Provisorium

Dienstag, 04.05.2021, 16:52 Uhr
Jan Garbarek und seine Mitstreiter entführten das andächtig lauschende Publikum auf eine akustische Reise. Foto: Arbeitskreis Jazz

Zum letzten Mal im Zelt

Zum letzten Mal diente 2002 ein Zelt als Veranstaltungsort für das Jazzfest. Es war auch Zeit, dass das Dauer-Provisorium beendet wurde: Einer der Konzertabende ging nur so gerade eben über die Bühne: Ein heftiger Sturm peitschte immer wieder Feuchtigkeit durch die Zeltplanen auf die technische Bühnenanlage. Zum Glück waren Candy Dulfer und ihr „Funky Stuff“ sowie Nils Landgrens „Funk Unit“ mit allen Wassern gewaschen. Candy, die ihr Konzert im Jahr zuvor wegen eines eingeklemmten Nervs hatte absagen müssen, entschädigte ihre Fans mit einem furiosen Funk-Feuerwerk. Groovende Rhythmen, knackige Bässe auf voller Lautstärke und Pustefixe, die sich die Seele aus dem Leib spielten. In Nils Landgrens Funk Unit spielte Wolfgang Haffner am Schlagzeug – am heutigen Dienstag sind beide erneut in Gronau.

Ein Höhepunkt des Abends war erreicht, als Nils Landgren unvermittelt beim Konzert von Candy Dulfer auftauchte, die das Zelt sowieso schon zum Toben gebracht hatte. Der Sturm draußen konnte gegen die musikalische Power drinnen einpacken . . .

Der Sturm draußen konnte gegen die Power drinnen einpacken

Das 14. Jazzfest war eines mit einer enormen Bandbreite: Für traditionelle Spielarten sorgte Paul Kuhn („Der Mann am Klavier“) mit seiner Band, ein Urgestein des deutschen Unterhaltungsjazz. „Jump‘n‘Jive“ hieß die Formation, die für Musik im 40er-Jahre-Stil stand. Die drei Sängerinnen agierten wie weiland die Andrew Sisters.

Schon bei Duke Ellington gespielt

Für den Spaß sorgte Helge Schneider. Der Multiinstrumentalist, für seinen schräg-abstrusen Humor bekannt, brachte Jimmy Woode mit, einen alten Kämpen am Bass, der schon im Orchester von Duke Ellington gespielt hatte. Am Schlagzeug Pete York, der bereits in den 60er-Jahren seine Sporen in Pop-, Rock- und Soulmusik verdient hatte – und einfach überall eingesetzt werden kann, wo man ihn braucht.

In der Aula des Gronauer Gymnasiums unternahm das Vienna Art Orchestra einen Streifzug durch die Geschichte des Jazz vom Ragtime bis zu den aktuellen Entwicklungen.

Die Pianistin Aziza Mustafa Zadeh wirkte am Tag darauf zart und zerbrechlich – doch ihr Solo-Auftritt als Vorprogramm zum Konzert von Abdullah Ibrahim und der NDR-Big-Band zeigte, dass sie auch energisch und eruptiv sein kann. Sie verwob in ihrem Spiel Melodien aus ihrer aserbaidschanischen Heimat, die angenehm exotisch wirkten.

Kompositionen atmeten Afrika

Abdullah Ibrahim legte, was das angeht, noch eine Schippe drauf: Seine Kompositionen atmeten Afrika, schilderten das schillernde, farbenfrohe Leben eines Marktplatzes – und das in einer betörenden musikalischen Sprache. Faszinierend, wie die „Nordlichter“ der NDR-Bigband diesen Charakter ‘rüberbrachten.

In ganz andere Gefilde entführten Jan Garbarek, Eberhard Weber, Rainer Brüninghaus und Marilyn Mazur ihr Publikum: Die Bühne in der Aula des Gymnasiums war wie ein Segelschiff ausstaffiert – und los ging die Reise auf eine einerseits entspannende, andererseits spannende musikalische Reise, mit Tiefgang und großen Klangerlebnissen . . .

Publikums- und Programmstruktur änderten sich

Die Publikumsstruktur beim Jazzfest änderte sich mittlerweile spürbar – wie sich auch die Programmstruktur änderte. Der Anteil auswärtiger Gäste nahm zu, während bei den Einheimischen der Reiz des Neuen etwas verflogen zu sein schien – auch wenn die Open-Air-Konzerte, der Frühschoppen und das finale Gospelkonzert sich als Dauermagneten erwiesen – nicht zuletzt wegen der Frische, die die Soulful Swinging Singers, der Gronauer Gospelchor, vermitteln.

Überschattet wurde das Jazzfest übrigens von einem Ereignis in Erfurt: Dort waren bei einem Amoklauf an einem Gymnasium 17 Menschen getötet worden.

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