Das Projekt „Kompass“ des „Bunten Kreises“ läuft weiter – finanziert ist es aber bislang nur für ein Jahr
Mit Herz aus Plüsch und Funke Hoffnung

kreis Coesfeld. „Erwin“ ist ein kleiner Patient. Die Puppe, die Heidi Mensing, Diplom-Psychologin vom „Bunten Kreis Münsterland“, im Arm hält, trägt ein weißes Operationshemd. Als sie am Reißverschluss über dem Bauch zieht, offenbart sich sein Innenleben: Herz, Lunge, Magen, Darm – alles aus kuschligem Plüsch. Stück für Stück holt Mensings Kollegin Annerieke Diepholz es heraus. „Wenn Kinder schwer krank sind, ist es nicht einfach, mit ihnen darüber zu sprechen“, erklärt sie, während sie das knallrote Herz glatt streicht. Das Spiel sei die Sprache des Kindes – und so setzten sie die Puppe gern ein, um auch ganz kleinen Kindern ab zwei Jahren zu erklären, wie es in ihrem Innern aussieht. „Das bringt eine Leichtigkeit in das Thema“, ergänzt Mensing.

Dienstag, 13.06.2017, 18:39 Uhr

Den kleinen Patienten „Erwin“ mit herausnehmbaren Plüsch-Organen setzen die Diplom-Psychologinnen Annerieke Diepholz (l.) und Heidi Mensing bei der Arbeit in Familien mit schwer oder chronisch kranken kleinen Kindern ein. Foto: Detlef Scherle

Die beiden Psychologinnen arbeiten im Projekt „Kompass“, der psychosozialen Beratung für Eltern mit schwer und chronisch kranken Kindern. Nachdem das zunächst über Stiftungen finanzierte dreijährige Pilotprojekt mit bis dahin kreisweit 50 betreuten Familien Ende März ausgelaufen war, wird es nun vom Kreis Coesfeld und den Städten Coesfeld und Dülmen weiterfinanziert.

Allerdings nur für ein Jahr. Denn die Politik sieht eigentlich die Krankenkassen am Zuge, diese allseits anerkannte wichtige Arbeit zu finanzieren. „Wir haben da auch neue Anträge gestellt“, berichtet Elisabeth Böke, Geschäftsführerin des „Bunten Kreises“. Gespräche mit dem Verband der Ersatzkassen und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen liefen. Auch das eigene Konzept sei nochmal überprüft worden, ob es umgeschrieben werden kann, um eine Förderfähigkeit zu erreichen.

Die Mitarbeiterinnen hoffen auf ein gutes Ende – allerdings waren die Anträge früher schon einmal von den Kassen knallhart abgelehnt worden. Knackpunkt ist, dass die psychosoziale Beratung des „Bunten Kreises“ dazu da ist, das Familiensystem zu stabilisieren. Krankenkassengelder fließen aber eigentlich nur für das betroffene Kind selbst.

„Es geht darum, dass Familien, die durch die Erkrankung ihres Kindes plötzlich in eine Lage geraten, auf die sie nicht vorbereitet waren, geholfen wird“, erklärt Mensing, während sie „Erwins“ Plüsch-Organe wieder Stück für Stück in den Bauch zurücksteckt. Jedes wird mit Klettverschlüssen festgemacht. Fertig.

So einfach ist es in der Arbeit mit den Eltern nicht. „Da herrscht oft eine große Verunsicherung“, berichtet Diepholz. Der Alltag werde auf den Kopf gestellt. Die Belastungen für alle Beteiligten, wozu auch Geschwister gehören, seien immens. „Ein krankes Kind kann auf Dauer eine ganze Familie krank machen“, bringt sie es auf den Punkt. Studien zufolge seien von 100 Müttern schwer kranker Kinder 50 schon bald selbst gesundheitlich angeschlagen. Partnerschaften scheiterten. Um das zu verhindern, arbeiten sie in den Beratungsgesprächen mit den Eltern an individuellen Lösungen. „Es geht darum, die eigenen Ressourcen zu stärken,“ erklärt Mensing. Denn die seien fast immer vorhanden. Diepholz: „Wir sehen sehr engagierte Familien, die mit enormem Kraftaufwand, Zusammenhalt und großer Liebe zu ihren Kindern ihren Alltag meistern.“

Solche Familiensysteme zu stützen, ist aller Mühen wert. Denn die Folgen kämen die Gesellschaft sonst viel teurer zu stehen. Der Gesetzgeber sieht das leider noch anders. Für die Arbeit fehlt eine Rechtsgrundlage. Und so wird der „schwarze Peter“ zwischen Kommunen und Krankenkassen weiter hin und hergeschoben. Auch derzeit reichen die kommunalen Mittel nicht aus. Die Lücke wird mit Spenden geschlossen. Böke: „Aber das kann kein Dauerzustand sein.“ Fair fänden es die Mitarbeiterinnen, wenn sich Kassen und Jugendhilfe die Kosten teilen. Mensing: „Wir arbeiten nämlich genau an dieser Schnittstelle.“

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