Kreis Coesfeld
Weniger arbeiten – bei gleichem Lohn

HERBERN. In den letzten Jahren vor der Rente weniger arbeiten, eine mehrmonatige Auszeit vom Job nehmen oder Stunden reduzieren, um einen Angehörigen zu pflegen – und das bei unverändertem Lohn: Lebensarbeitszeitkonten machen dies möglich. Als erstes Handwerksunternehmen aus dem Bauhauptgewerbe im Kammerbezirk Münster und eines von ganz wenigen in Deutschland bietet die Fliesen K. Nägeler GmbH & Co. KG aus Ascheberg-Herbern ihren Mitarbeitern diese Chance.

Dienstag, 16.07.2019, 11:00 Uhr
Karsten Nägeler (r.) und André Gesenhoff sind Geschäftsführer der Fliesen K. Nägeler GmbH & Co. KG. Über das Lebensarbeitszeitkonto geben sie ihren Mitarbeitern die Chance, bei Bedarf weniger zu arbeiten und trotzdem den gleichen Lohn zu erhalten. Foto: Kreativshooting Isabel Schütte

„Meine Mitarbeiter können freiwillig einen monatlichen Betrag ihrer Wahl auf das Konto einzahlen, Überstunden oder nicht verbrauchten Urlaub hineingeben. In der Industrie ist dieses Modell weit verbreitet, in anderen Branchen allerdings noch nicht“, erklärt Geschäftsführer Karsten Nägeler. Mit den Jahren sammeln die Beschäftigten ein Guthaben an, das eine Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohnverlust ermöglicht. Geld bzw. Stunden, die bis zum Renteneintritt nicht verbraucht sind, werden ausgezahlt. Rund ein Drittel der Gesellen nutzt das Lebensarbeitszeitkonto, das der Betrieb vor fünf Jahren eingeführt hat.

Die Idee dazu nahm Nägeler von einer Fortbildungsveranstaltung der Handwerkskammer zu Arbeitszeitmodellen mit. Er rief den Referenten an und informierte sich über die Möglichkeiten der Umsetzung. Dieser schlug ihm eine Förderung über die Potenzialberatung vor. „Das Landesprogramm hilft Betrieben dabei, vorhandene Potenziale besser zu nutzen, betriebliche Abläufe zu optimieren oder zu modernisieren. Dafür übernimmt das Land die Hälfte der Kosten für bis zu zehn Beratertage. Die Förderung pro Tag ist allerdings auf 500 Euro gedeckelt“, erklärt wfc-Berater Thomas Brühmann im Pressebericht. Er unterstützte Karsten Nägeler bei der Antragsstellung für die Förderung – bereits zum zweiten Mal. „Ich hatte zuvor über die Potenzialberatung die Umsatzbeteiligung unserer Führungskräfte auf Gewinnbeteiligung umgestellt. Das hat gut geklappt, deshalb habe ich das Instrument gerne wieder genutzt“, sagt Nägeler.

Mit dem externen Berater erarbeitete er die konkreten Anforderungen, dann begann dieser mit den Vorbereitungen für die Umsetzung und suchte unter anderem passende Anbieter. „Für uns hielt sich der Aufwand auf diese Weise in Grenzen. Nur der Steuerberater und unsere kaufmännische Bürokraft hatten bei der Einführung einiges zu tun, aber jetzt läuft alles unproblematisch und ohne Aufwand“, sagt Nägeler.

Auszahlungen gab es im Herberner Fliesenlegerbetrieb und seinen 30 Mitarbeitern bisher noch nicht. „Aber ich verspreche mir für die Zukunft eine ganze Menge davon“, sagt Nägeler. „Wenn unsere Mitarbeiter älter werden, können sie sich mehr schonen und weniger arbeiten, ohne auf Lohn zu verzichten. Das ist gut für ihre Gesundheit und damit auch für den Betrieb, weil sie sich ihre Arbeitskraft erhalten. Perspektivisch werden wir so wahrscheinlich mehr Mitarbeiter beschäftigen, die aber keine vollen Stellen haben. Das hilft uns auch dabei, Zeiten auszugleichen, in denen mal mehr und mal weniger zu tun ist.“ Letztlich sei es auch ein gutes Mittel, um Mitarbeiter von der Firma zu überzeugen und sie langfristig zu halten. „Das ist uns sehr wichtig“, sagt Nägeler.

Bei Auszahlungen aus dem Lebensarbeitszeitkonto fallen die üblichen Steuern und Sozialausgaben an. Allerdings bringt der Arbeitgeber bei den monatlichen Einzahlungen seine Sozialkosten, die für die Summe normalerweise gezahlt hätte, in den Topf ein. „Wenn ein Mitarbeiter beispielsweise monatlich 100 Euro auf das Lebensarbeitszeitkonto überweist, kommen vom Arbeitgeber rund 30 Euro an Sozialkosten hinzu. Zudem wird das Geld aufgrund des fünf Jahre alten Rahmenvertrags mit dem Rückversicherer gut verzinst. So sind die späteren Sozialabgaben der Beschäftigten mindestens neutralisiert, üblicherweise bleibt sogar ein nicht unerheblicher Überschuss.“

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