Kreis Coesfeld
„Geheult wie ein Kind“

Kreis Coesfeld. Bereits einige Wochen vor der Maueröffnung am 9. November 1989 wurden in den Krankenhäusern in Leipzig die Blutkonserven aufgestockt, die Militärpräsenz in den Straßen aufgestockt und auch Scharfschützen an markanten Punkten positioniert. Diese Fakten schilderte Antje Leushacke-Berning als Zeitzeugin beim Festakt anlässlich des geschichsträchtigen Datums im Stift Tilbeck, zu dem die Kreis-CDU eingeladen hatte.

Dienstag, 12.11.2019, 11:00 Uhr
Zeitzeugen berichten beim CDU-Festakt über den Mauerfall, r. Alois Bosman, l. Antje Leushacke-Berning. Foto: Ulla Wolanewitz

„Wir lebten weder in Armut noch in Luxus. Angst war auch nicht das vorherrschende Lebensgefühl. Sie war eher diffus und wurde von Gerüchten ernährt“, berichtete die Choreografin und Tanzpädagogin. „Es waren vor allem die Schikane, Berufsverbote, Perspektivlosigkeit, gegen die wir uns auflehnten, denn in der DDR hatten verbohrte Idealisten das Sagen, die sich der Realität nicht stellen wollten.“

Gemeinsam mit ihrem Mann gehörte sie seinerzeit zu den 100 000 Menschen, die in Leipzig auf die Straße gingen, um eine Wende einzuläuten. Brandgefährlich seien die Demonstrationen gewesen, nie weit entfernt vor einer gewaltsamen Niederschlagung. „Wenn ich heute aus der rechten Szene Rufe höre wie ‚Wir sind das Volk’, dann macht mich das richtig wütend“, erklärte die Zeitzeugin. „Das beschmutzt den Mut und die Leistung dieser friedlichen Revolution.“

Alois Bosman hatte über das „Kuratorium Unteilbares Deutschland“, dem er berufsbedingt angehörte und welches das Ziel verfolgte, die Einheit der BRD wachzuhalten und eine Wiedervereinigung in Freiheit anzustreben, schon lange Zeit zuvor Kontakt mit Ostdeutschland. „Von Kollegen wurde diese Organisation gern scherzhaft mit ‚Sanatorium unheilbares Deutschland’ betitelt“, gab der ehemaliger Pressesprecher für den Kreis Coesfeld als Schmankerl in die Runde. Auch vor seiner Haustür hielt am 10. November ein Trabbi. An Bord sein Kuratoriumspartner aus Ostdeutschland. „Wir haben uns umarmt, Tränen flossen und es wurde eine lange Nacht“, schilderte Bosman, der seinen Gast anschließend zehn Tage beherbergte. Mit ihm Holland, Köln und auch den Bundestag besuchte. Er erinnerte sich, dass seinem Gast vor allem die Diskussionskultur – ohne Anschreierei – im Kreistag sehr verblüffte.

Beide Schilderungen sorgten für reichlich emotionale Bewegung im großen Publikum. Hier und da rollten Tränen, Taschentücher wurden gezückt. Die gut ausgewählten Musikbeiträge des Jugendorchesters Havixbeck taten ihr Übriges dazu. Schade allerdings, dass Technik und Akustik im Gertrud-Teigelkemper-Saal nur sehr schlecht miteinander harmonierten und einiges der interessanten Schilderungen verschluckten.

Auch kam nach 105 Minuten mit Werner Jostmeier erst der dritte Zeitzeuge zu Wort. Der Ex-Landtagsabgeordnete arbeitete seinerzeit als Referent der Deutschen Telekom in Bonn, Referat Notfallvorsorge und Katastrophenschutz, die sich in diesen Tagen auch entsprechend vorbereitete. Gemeinsam mit seinem damaligen Chef Willi Rawe, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Post und Telekommunikation, reiste er nach der Maueröffnung nach Berlin. „Ich war einer der Mauerspechte“, erklärte Jostmeier bewegt, der eine Original-Reliquie mitgebracht hatte. „Wir sind zusammen durch das Loch in der Mauer von Ost- nach Westberlin gegangen und auf der anderen Seite habe ich erstmal geheult wie Kind.“

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