Bundesgesundheitsminister besuchte Selbsthilfegruppe Lipödem
Stützstrümpfe für Jens Spahn

Kreis Coesfeld. Als Geschenk erhielt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Stützstrümpfe – nicht die teuren für Lipödem-Patienten, aber die, die bei langen Flug- oder Autoreisen helfen. Zur Erinnerung.

Mittwoch, 19.02.2020, 10:26 Uhr
Im Gespräch über Neuerungen für die Lipödem-Behandlungen: v.l. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Anika Sievers, Nina Uhlenbrock und Dr. Katrin Lossagk. Foto: Viola ter Horst

Fettabsaugen auf Kassenkosten – Spahn hatte sich voriges Jahr nicht nur Beifall eingeholt, als er sich für Menschen, die unter einer krankhaften Fettverteilungsstörung leiden, einsetzte. Gestern besuchte er in Coesfeld Vertreter der Selbsthilfegruppe LipLife aus dem Kreis und Fachleute – die ihn schon vor über einem Jahr zum Thema eingeladen hatten. „Dass er wirklich kommt, hätten wir nicht gedacht“, freut sich Nina Uhlenbrock von der Selbsthilfegruppe. Fast unbemerkt fuhr der Minister in Coesfeld ein.

2015 erhielt Nina Uhlenbrock die Diagnose, dass sie unter einem Lipödem leidet. Keine Fettsucht, kein normales Übergewicht, keine Adipositas. Statt dessen eine Krankheit, die überwiegend Frauen betrifft und deren Ursache man nicht so genau kennt und auf die Uhlenbrock und ihre Kollegin Anika Sievers seit 2018 mit Engagement aufmerksam machen. „Unsere Selbsthilfegruppe nutzen im Internet inzwischen über 1000 Frauen, im Münsterland sind es etwa 500 Betroffene, und regelmäßig treffen sich 15 bis 20“, berichtet Sievers.

Seit Anfang des Jahres können sich nach dem Vorstoß von Spahn Patienten mit Lipödem auf Krankenkassenkosten einer Operation unterziehen. „Ich habe von den Gremien einen ganz schönen Shitstorm bekommen“, meinte der Gesundheitsminister. Allerdings ist längst nicht Friede, Freude, Eierkuchen, wie gestern im Gespräch deutlich wurde. Spahn will jetzt noch einmal an die Gremien herantreten, wie er zusicherte.

Denn sein damaliges Versprechen, den Frauen schnell und unbürokratisch helfen zu wollen, ist in der Praxis mit Unsicherheiten verbunden. „Nur Betroffene in einem fortgeschrittenen Stadium III, aber mit einem BMI von unter 35 haben die Möglichkeit, sich auf Kassenkosten operieren zu lassen“, wie die Spezialistin Dr. Katrin Lossagk berichtet. Im Klartext bedeute das, dass die Krankenkassen vielen Betroffenen die Leistung nicht bezahle. Denn ein fortgeschrittenes Stadium bedeute, dass die Patientin oft auch fülliger ist – also einen höheren BMI hat.

„Ich bin kein Arzt“, betonte Spahn. Deswegen sei es richtig, dass eine Studie mit den jetzigen Regelungen einhergehen soll. „An sich völlig in Ordnung“, stimmte ihm Lossagk zu. „Aber die relativ wenigen Spezialisten, die es gibt, sind nicht eingebunden worden. Wir haben bereits viele Daten in der Schublade, sind aber nicht einmal gefragt worden.“ Für sie unverständlich. Viele Kassenärzte würden solche Operationen zudem erst gar nicht durchführen.

Kritik von den Betroffenen aber auch, die sich konventionell behandeln lassen und keine OP wollen. Nina Uhlenbrock muss sich Tag und Nacht in Spezialstrümpfe zwängen. Rund 1000 Euro kostet eine Garnitur, „die Krankenkassen zahlen den Patienten aber nur bis zu vier im Jahr“, berichtet Uhlenbrock. Das sei zu wenig, schließlich müsse man die Strümpfe täglich wechseln und waschen. Zudem hänge es von der Krankenkasse ab, wie viel sie genehmige. Die eine so, die andere so. „Wir wünschen uns einheitliche Regelungen“, fordert Anika Sievers. Das gelte auch für weitere Therapien wie Lymphentstauungen und -massagen. „Viele Betroffene haben jahrelange Arztbesuche hinter sich, bis sie endlich die richtige Diagnose bekommen haben“, erklärt Sievers. Bei ihr war das auch so. Immer wieder schickten die Ärzte sie weg. Sie solle sich anders ernähren und mehr Sport treiben. Das half aber nie wirklich. Froh, endlich zu wissen, was nicht stimmt, türmen sich nun die Hürden auf. Wer hilft, wer zahlt?

„Die Krankheit interessiert kaum jemanden“, meint Lossagk. Für Kassenärzte lohne sich die Behandlung wegen des Abrechnungssystems nicht, für Forschungen gebe es kein Geld, zumal ein Medikament gegen Lipödem nicht wahrscheinlich sei.

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