Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr zur aktuellen Lage
„Noch keine Entspannung“

Kreis Coesfeld. Veranstaltungseröffnungen, Reden, politische Sitzungen, Ehrungen, Auszeichnungen - diese Termine fallen für Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr zurzeit flach. Dafür hat er unentwegt in Sachen Corona-Pandemie mit seinem Krisenstab, dem rund 30 Personen aus Kreisverwaltung, Hilfsorganisationen und weitere Experten angehören, zu tun. Als Chef von Kreisverwaltung und Polizei laufen bei ihm alle Drähte zusammen. Unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst erwischte ihn vor der Krisenstabssitzung für ein Interview und sprach mit ihm über die Lage.

Samstag, 28.03.2020, 07:00 Uhr
Viel zu tun für Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr – fast alles dreht sich um Corona, sein Schreibtisch ist voll. Foto: Viola ter Horst

Wir sieht Ihr Arbeitsalltag zurzeit aus?

Dr. Christian Schulze Pellengahr: Viele Telefonate, viele Videokonferenzen. Abstimmungen mit der Bezirksregierung und den Ministerien und natürlich mit den Kommunen, um all die Maßnahmen umzusetzen. Unser Krisenstab kommt nahezu jeden Tag zusammen. Als Behördenleiter der Polizei muss ich dafür sorgen, dass auch die gut aufgestellt ist.

Auf wie viele Stunden kommen Sie?

Schulze Pellengahr: Ach, ich weiß nicht, ich habe sie nicht gezählt.

Haben die verschärften Maßnahmen etwas gebracht? Kann aus den Zahlen ein Trend abgelesen werden?

Schulze Pellengahr: Auch wenn erfreulicherweise viele Personen gesund gemeldet sind, gibt es noch keine Entspannung. Innerhalb einer Woche hat sich die Zahl der Infizierten bei uns verdoppelt. Wir müssen die Entwicklung abwarten, die Inkubationszeit kann bis zu zwei Wochen dauern. Wir rechnen damit, dass die Zahlen auch nächste Woche noch steigen. Danach wird es spannend, weil sich zeigt, inwieweit die Maßnahmen greifen.

Wann werden die Regelungen wieder gelockert?

Schulze Pellengahr: Es kommt auf die Entwicklung an. Ich rechne damit, dass um Ostern herum neue Entscheidungen getroffen werden. Wenn die Lage gut ist, gibt es vielleicht einige Lockerungen.

Wie haben Sie die verschärften Regelungen Ihren Kindern beigebracht?

Schulze Pellengahr: Ich hab ja drei - zwei Mädchen und einen Jungen. Die Jüngste geht zur Kita, für die war das erstaunlicherweise am einfachsten, weil sie den ganzen Tag mit ihren Geschwistern zusammen sein kann. Die zwei Größeren fanden das anfangs nicht so lustig. Denn Treffen gibt es nicht mehr; nur noch per WhatsApp. Bei meiner Tochter wurde die Klassenfahrt nach Tecklenburg abgesagt, darauf hatte sie sich sehr gefreut. Es ist für alle eine Umstellung, aber inzwischen funktioniert es ganz gut. Es gibt kindgerechte Medien, die die Lage veranschaulichen und meine Kinder kriegen ja auch immer mit, wie es so bei Papa läuft.

Gesundheitsminister Spahn spricht von der „Ruhe vor dem Sturm“. Was bedeutet das für den Kreis Coesfeld?

Schulze Pellengahr: Das ist eine Metapher, die in diesen Tagen von vielen Fachleuten gebraucht wird. Sicher sind wir in Deutschland derzeit noch in der Anfangsphase der Krise. Wenn man nach Italien oder Spanien blickt, muss man eine Ausweitung der Pandemie fürchten. Deswegen treffen wir auf Hochtouren alle erforderlichen Vorkehrungen. Durch den Ausbau der Krankenhauskapazitäten und die Einrichtung unseres Hilfskrankenhaues stärken wir die medizinische Versorgung. Die Kassenärztliche Vereinigung wird kurzfristig ein Diagnosezentrum errichten, wo die Testungen konzentriert werden. Für die Corona-Maßnahmen habe ich in enger Abstimmung mit allen Fraktionen des Kreistags eine Dringlichkeitsentscheidung auf den Weg gebracht, wonach außerplanmäßig vier Millionen Euro bereitgestellt werden.

Wie sieht es mit Mundschutz aus?

Schulze Pellengahr: Wir haben aktuell eine Lieferung mit 3000 Masken bekommen, die wir an Krankenhaus- und Pflegepersonal verteilen. Wie überall, kommt der Nachschub schleppend.

Wie viele Beatmungsplätze gibt es im Kreis Coesfeld?

Schulze Pellengahr: Beatmungsplätze 17 und weitere 15 könnten die Krankenhäuser im Kreis bereit stellen. Und 24 Intensivbetten plus 25 mögliche.

Reicht das denn aus?

Schulze  Pellengahr: Wir tun im Moment alles, um den medizinischen Bereich zu stärken. Deswegen errichten wir ja das Hilfskrankenhaus, damit die Krankenhäuser im Kreis mehr Kapazitäten haben. Insgesamt muss man aber fragen, ob der Katastrophen- und Krisenschutz optimiert werden muss, auch wenn das natürlich Geld kostet.

Die Ängste vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch sind groß, was kann der Kreis tun?

Schulze Pellengahr: Wir als Kreis können über die Sozialleistungen, also Hartz IV helfen. Bislang sind im Zusammenhang mit der Corona-Krise 100 Anträge bei den Jobcentern eingegangen, Dreiviertel von Selbstständigen - von Schaustellern über selbständige Handelsvertreter bis zu Unternehmern aus Gastronomie und Kleinbetrieben. Wir rechnen mit einer Vielzahl weiterer Anträge. Helfen könne wir auch als Auftraggeber - wir setzen alles daran, dass unsere Baumaßnahmen auf den Weg gebracht werden. Vom Radwegebau bis zum Bau der neuen Rettungswachen. Von den Aufträgen profitieren die örtlichen Betriebe. Es müssen jetzt viele Rädchen ineinander greifen. Land und Bund haben Hilfspakete verabschiedet, die müssen schnell umgesetzt werden. Zusammen mit der wfc Wirtschaftsförderung loten wir gerade weitere Hilfen aus.

Wie ist Ihre Einschätzung - wie kommen Einzelhandel und örtliche Betriebe aus der Krise raus?

Schulze Pellengahr: Im Kreis Coesfeld ging es wirtschaftlich über zehn Jahre bergauf. Unsere Unternehmen sind erfinderisch. Ich hoffe, dass es gelingt, durch die Hilfsangebote die Krise abzufedern. Dass nicht so viele ihre Betriebe komplett aufgeben müsse. Es gibt auch positive Beispiele. Viele haben schnell umgestellt - und bieten etwa einen Lieferservice an. In Billerbeck haben wir zum Beispiel ein Unternehmen, das dabei ist, ein Verfahren zu entwickeln, Schutzmasken zu sterilisieren. Apotheker haben sich spontan bei uns gemeldet und Desinfektionsmittel angeboten, das sie selber angefertigt haben.

Kann der Bürger etwas tun?

Schulze Pellengahr: Ja, indem er schaut, was vor Ort möglich ist, bevor er bei großen Online-Unternehmen bestellt. Die Betriebe haben oft einen sehr guten und schnellen Lieferservice eingerichtet. Man ruft an und bekommt die Dinge per Bote.

Wie sehen Sie die Hilfsangebote, die Bürger auf die Beine stellen?

Schulze Pellengahr: Es sind unheimlich tolle Aktionen. Von Einkaufsdiensten bis Nachbarschaftshilfen. Für unser Hilfskrankenhaus meldeten sich spontan viele Freiwillige. Ich freue mich sehr darüber.

Gibt es Verstöße gegen die verschärften Auflagen?

Schulze Pellengahr: Laut Polizei und den Bürgermeistern nur sehr wenige. Toi toi toi. Ich appelliere an alle Bürger, sich weiterhin daran zu halten; es ist wirklich wichtig.

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