Großschlachterei Westfleisch schließt vorübergehend
Keine Lockerungen nächste Woche

Kreis Coesfeld. Die Großschlachterei Westfleisch in Coesfeld muss vorübergehend schließen und die ab dem 11. Mai vorgesehenen Lockerungen werden im Kreis Coesfeld auf den 18. Mai verschoben. Das teilte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in einer Pressekonferenz mit. Das bedeutet: Keine Lockerungen bei der Gastronomie, keine Ausweitung bei den Kontakten, keine Öffnung von Fitnessstudios oder Tanzschulen und die Beschränkung des Einzelhandels auf Flächen von 800 Quadratmetern bleibt. Unberührt davon sind allerdings Schulen und Kitas. Und auch die Angehörigen in Seniorenheimen dürfen ab Sonntag besucht werden.

Freitag, 08.05.2020, 20:54 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 22:51 Uhr
Vorerst keine Produktion mehr: Westfleisch in Coesfeld muss vorübergehend schließen und die ab dem 11. Mai vorgesehenen Lockerungen werden im Kreis Coesfeld auf den 18. Mai verschoben. Foto: Archiv

„Der Kreis Coesfeld ist dabei, alle Mitarbeiter in dem Bertrieb zu testen“, so Laumann. Bei Westfleisch in Coesfeld arbeiten rund 1200 Menschen. Laumann geht davon aus, dass die Ergebnisse innerhalb der nächsten Woche vorliegen. Bis dahin soll es bei den aktuellen Regelungen für die Bevölkerung im Kreis Coesfeld bleiben.

Durch den Corona-Ausbruch bei Westfleisch sind die Zahlen der Infizierten so stark gestiegen, dass sie die Grenzwerte von 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner pro Woche überschritten haben.

Laumann warnte davor, die Schuld den oft aus Osteuropa stammenden Werkvertragsmitarbeitern zu geben. „Schuld sind vielmehr die Strukturen, in denen die Schlachtwirtschaft teilweise arbeitet“, sagte er. „Die Mitarbeiter sind Opfer des Systems.“

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie seien im Vorfeld staatliche Vorgaben gemacht worden, „die in der Branche bekannt gewesen sein mussten“, sagte er auf die Frage unserer Zeitung zur Unterbringung der Mitarbeiter in Corona-Zeiten.

„Das Meldesystem im Kreis Coesfeld hat funktioniert“, betonte Laumann. Die Behörden hätten nach einem Anfangsverdacht reagiert und in der Schlachterei getestet. Aus seiner Sicht hätte der Kreis Coesfeld den Betrieb in Coesfeld nicht eher schließen müssen. Dies sei auch aus Tierschutzgründen nicht ratsam gewesen.

Wie die Bezirksregierung gestern Abend mitteilte, hatte eine Kontrolle des Betriebs durch Arbeitsschützer ergeben, dass Infektionsschutzvorgaben sowohl im Zerlegebetrieb als auch in den Umkleiden nicht beachtet wurden.

Mehr als 650 Abstriche seien auf Veranlassung des Kreises bislang erfolgt. Direkte Kontaktpersonen von Infizierten werden den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts entsprechend unter Quarantäne gestellt. „Die Arbeitsschützer der Bezirksregierung werden das Kreisgesundheitsamt auch bei der Überprüfung in den Unterkünften unterstützen“, so Regierungspräsidentin Dorothee Feller. Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr betont: „Wir tun gemeinsam alles dafür, um das Infektionsgeschehen in Belegschaft und Bevölkerung einzudämmen.“ Die Analyse habe ergeben, dass es unumgänglich ist, neben der Überprüfung der Gemeinschaftsunterkünfte, den Betrieb zu schließen, um Infektionsquelle und -risiko auszuschließen.

NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser sagte, dass für die Landwirte genügend weitere Schlachtbetriebe gebe, zu denen sie die Tiere bringen können. Sie betonte noch einmal, dass es keine Hinweise gebe, dass das Virus über Lebensmittel übertragen werde.

151 Schlachthof-Mitarbeiter infiziert

Kreis Coesfeld. Abgesehen von dem größeren Ausbruch bei Westfleisch, weist das Coronavirus-Infektionsgeschehen im Kreis Coesfeld lediglich moderate Zunahmen auf. Insgesamt sind aktuell (Freitag)  704 nachgewiesene Ansteckungen registriert – gegenüber dem Stand von 676 Infektionen am Donnerstag, teilt der Kreis mit. Die Zahl der infizierten Schlachthof-Beschäftigten ist dabei auf 151 Personen gestiegen. Derzeit werden unverändert 13 Erkrankte im Krankenhaus behandelt, keiner davon auf der Intensivstation.

Westfleisch: „Tief betroffen“

Kreis Coesfeld (vth). „Tief betroffen“ zeigt sich der Schlachtbetrieb Westfleisch über die Entwicklung in den vergangenen Tagen. „Unserer Verantwortung sind wir uns vollkommen bewusst“, sagt Unternehmenssprecher Philipp Ley. „Das Hauptaugenmerk gehört jetzt unseren Mitarbeitern und den Landwirten – mit beiden Gruppen arbeiten wir teilweise seit Jahrzehnten eng und vertrauensvoll zusammen.“ Mit den Mitarbeitern stehe der Betrieb in engem Austausch, „wir beraten und helfen ihnen in der gerade für sie schwierigen Situation“. Sie befänden sich, ebenso wie ihre Kontaktpersonen, in häuslicher Quarantäne. „Im Umgang mit den Betroffenen und unseren weiteren Mitarbeitern befolgen wir die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Zudem stehen wir mit allen relevanten Behörden im ständigen engen Austausch, um gegebenenfalls weitere Schritte und Maßnahmen zu besprechen.“

Entsetzen und Empörung

Kreis Coesfeld (vth). Mächtig Druck gab es im Vorfeld der vorübergehenden Schließung der Großschlachterei in Coesfeld am Freitag. CDU-Bundestagsabgeordnete Marc Henrichmann aus Havixbeck forderte Westfleisch dazu auf, alle notwendigen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Mitarbeiter, aber auch der Bürger im Kreis Coesfeld zu ergreifen.

Er setzte sich ebenso für eine vorübergehende Schließung des Betriebs ein wie SPD-Landtagsabgeordneter André Stinka aus Dülmen. Stinka fragt, ob vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie keine schärferen Kontrollen gemacht worden seien.

Mit Bestürzung betrachten die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) und der Sozialpfarrer Peter Kossen die Situation. Kossen fordert schon seit Wochen eindringlich einen besseren Schutz von Arbeitsmigranten in Großbetrieben. „Der Vorfall in Coesfeld wird nur der Anfang sein“, warnt er.

FDP-Landtagsabgeordneter Hennin Höne (Coesfeld) erwartet vom Unternehmen Westfleisch Erklärungen, wie es zu dieser Situation kommen konnte. „Zudem dürfen wir eine Entschuldigung erwarten - das sind die Verantwortlichen sowohl den erkrankten Mitarbeitern, deren besorgten Familien, aber auch allen Bürgern im Kreis Coesfeld schuldig“, so Höne.

Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten im Münsterland teilt mit, dass sie als zuständige Gewerkschaft im ständigen Austausch mit dem Betriebsrat gewesen sei, um den Arbeits- und Gesundheitsschutz aller bei Westfleisch beschäftigten Kollegen aktiv mitzugestalten und sicherzustellen. Nach Darstellung der Gewerkschaft wurden bei Westfleisch umfangreiche Maßnahmen umgesetzt. „Leider besteht immer noch keine rechtliche Grundlage, dass Betriebe wie Westfleisch eine unmittelbaren Kontroll- und Einflussmöglichkeit auf die Wohn- und Lebensverhältnisse externer Beschäftigten in Sub-Unternehmen ausüben können“, schildert die NGG in der Mitteilung.

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