Notfallseelsorge stellt Strukturen vor
Helfer bei Todesnachrichten: „Plötzlich ist Stille“

Kreis Coesfeld. Ruth Bertmann erinnert sich an das laute Chaos. Plötzlich ist Stille. Sie steht mit anderen Personen im Kreis. In der Mitte flackert eine Kerze. Soeben ist ein Mensch ohne Vorwarnung verstorben – einfach so.

Freitag, 05.06.2020, 07:00 Uhr
Andreas Naumann-Hinz und Ruth Bertmann von der Notfallseelsorge im Kreis Coesfeld. Foto: Hartmut Levermann

Die Notfallseelsorgerin aus dem Kreis Coesfeld nennt eine solche Krise eine „verrückte Zeit“, weil plötzlich das ganze Leben für den Angehörigen aus der gewohnten Bahn springt und das gesamte Bild verrückt wird. „Unsere Aufgabe ist es in solchen Situationen den Menschen zum selbstständigen Handeln wieder zu befähigen“, umschreibt die Rosendahlerin ihre Arbeit. Für dieses Amt braucht es viel Empathie, um Hilfebedürftigen beizustehen. Wie alle 33 Teammitglieder der Notfallseelsorge im Kreis Coesfeld hat Bertmann beim Einsatz einen schwarzen Rucksack mit diversen Utensilien dabei. Statt Verbandspäckchen und Rettungsdecken sind psychische Notfallmittel enthalten. Die 41-Jährige greift zu einem Teddy, der mit der Notfallseelsorge-Weste gekleidet ist: „Der ist speziell für Kinder.“

Bei der Überbringung von Todesnachrichten gehen die Betroffenen sehr unterschiedlich damit um. Kinder verarbeiten solche Hiobsbotschaften auf ihre spezielle Weise, wie Notfallseelsorger Andreas Naumann-Hinz bei der Pressekonferenz im Pfarrheim der Kirchengemeinde St. Lamberti Coesfeld berichtet. Sie fragen nach, ob es sehr wehgetan hat, oder sie brauchen Stifte und Blätter, um das Erlebnis beim Malen zu verarbeiten.

Seit einem Jahr ist Bertmann mit an Bord und wurde bisher sieben Mal hinzugezogen. Davon hat sie fünf Einsätze alleine praktiziert. „Es kommt eine große Dankbarkeit und viel Respekt zurück“, reflektiert sie ihre Arbeit. Die Notfallseelsorge arbeitet dezent im Hintergrund und wird bei Bedarf von der Polizei zum Einsatzort hinzugerufen.

Eine Lesung in Rosendahl über Krisenbewältigung, Gespräche mit einer Notfallseelsorgerin aus dem Bekanntenkreis und persönliche Schicksalsschläge führten bei Bertmann zur Entscheidung sich als ehrenamtliche Notfallseelsorgerin zu engagieren. In einem zehnmonatigen Grundlagenkurs mit einem Umfang von rund 70 Stunden erhielt die Grundschullehrerin das psychologische Rüstzeug, um Betroffene seelisch bei der Krisenbewältigung zu unterstützen.

Das Mindestalter für einen Notfallseelsorger ist 27 Jahre. Eine ideale Teamgröße liegt für Coesfeld zwischen 30 bis 35 Personen. Es brauche regelmäßig neue Menschen, um personelle Lücken zu schließen, wirbt Andreas Naumann-Hinz für Nachwuchs. Der Pastoralreferent leitet gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Alexandra Hippchen die ökumenisch geführte Notfallseelsorge im Kreis Coesfeld. Sie ist als Organisation zur Gesundheitsprävention dem Kreis Coesfeld mit dem Landrat als Auftraggeber unterstellt. 150 Einsätze hatte das Team im Jahr 2019, im Schnitt ein bis zwei Mal pro Woche. Die häufigste Ursache ist Suizid.

Kontakt: www.notfallseelsorge-muensterland.de

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7436793?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F947662%2F
Nachrichten-Ticker