Schülerin Julia Aichele für ÖPNV-Arbeit ausgezeichnet
Zu wenig, zu unverlässlich, zu teuer

Kreis Coesfeld. Der öffentliche Personennahverkehr wird gerne kritisiert: zu wenig, zu unzuverlässig, zu teuer. Für viele Menschen sind Bus und Bahn dennoch Teil des Alltags – das steht auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Doch wie kann man mehr Menschen dazu bewegen, vom Auto auf andere Verkehrsmittel umzusteigen? Ein möglicher Vorschlag ist die Bereitstellung eines kostenlosen ÖPNV.

Samstag, 31.10.2020, 08:00 Uhr
„Besonders auf dem Land kann man nur schwer ganz auf das Auto verzichten“: Die Schülerin Julia Aichele aus Havixbeck beschäftigte sich mit dem Thema „Kostenloser ÖPNV“ und wurde dafür mit dem Dr.-Hans-Riegel-Fachpreis ausgezeichnet. Foto: Kerstin Adass

Um dieses Thema dreht sich auch die Facharbeit, mit der Julia Aichele aus Havixbeck bei den Dr.-Hans-Riegel-Fachpreisen den dritten Platz in der Kategorie „Geographie“ belegte.

Unter dem Titel „Kostenloser öffentlicher Personennahverkehr als tragfähiges Verkehrskonzept“ analysierte die 17-jährige Schülerin die estländische Hauptstadt Tallinn und die belgische Stadt Hasselt als Beispiele für Orte mit kostenlosem ÖPNV. Für die Fertigstellung der zwölfseitigen Arbeit hatten die Schülerinnen und Schüler des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster zwei Monate Zeit. Julia Aichele wurde danach von einer Lehrerin auf die Möglichkeit angesprochen, mit ihrer Facharbeit an dem Wettbewerb teilzunehmen, der in diesem Jahr zum elften Mal von der Westfälische Wilhelms-Universität Münster, dem Internationalen Centrum für Begabungsforschung und der Dr. Hans Riegel-Stiftung ausgeschrieben wurde. „Ich war relativ knapp dran, da habe ich nichts mehr verändert und die Arbeit einfach so eingeschickt“, erinnert Aichele sich grinsend.

Die Schülerin untersuchte den kostenlosen Personennahverkehr mithilfe des Dreiecks der Nachhaltigkeit, also unter den Gesichtspunkten „sozial“, „ökologisch“ und „ökonomisch“. Ihr Ergebnis: kostenloses Bus- und Bahnfahren kann aus sozialer Sicht als positiv bewertet werden, lohnt sich ökonomisch gesehen aber nur bedingt. Vor allem die Finanzierung kann Probleme bereiten.

Neben staatlichen Zuschüssen kann darauf gehofft werden, dass die Attraktivität einer Stadt durch kostenlosen ÖPNV steigt, viele Menschen in diese Stadt ziehen und es so zu mehr Steuereinnahmen an diesem Standort kommt. Diese Zugkraft, erklärt Julia Aichele, bestehe aber nur, wenn umliegende Städte keine ähnlichen Vorteile anbieten – für eine flächendeckende Einführung also eher ungeeignet. Die mögliche Finanzierung durch erhöhte Parkgebühren trifft vor allem bei Menschen mit ländlichen Wohnorten auf Unverständnis, weil das öffentliche Verkehrsnetz dort meist weniger ausgebaut ist als in der Stadt. Zudem stellt sich die Frage, wer den kostenlosen ÖPNV nutzen darf. Erlaubt man dies nicht nur Bewohnern, sondern auch Touristen, steigen automatisch die Kosten – andererseits kurbelt Tourismus die städtische Wirtschaft an.

„Es reicht nicht, den ÖPNV kostenlos zu machen. Die Buslinien müssten zusätzlich enger getaktet werden und zuverlässiger sein“, fasst Julia Aichele ihre Analyse zusammen. Dies bestätigt neben mehreren Statistiken auch eine Umfrage, die sie selbst in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis durchgeführt hat. „Besonders auf dem Land kann man nur schwer ganz auf das Auto verzichten“, berichtet die Havixbeckerin, die jeden Tag mit Bus und Zug zur Schule nach Münster fährt.

Ein Senken oder Abschaffen der Preise wäre zweifelsohne eine Verbesserung bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, doch die finanzbedingte Einstellung dieses Projektes im belgischen Hasselt nach 16 Jahren zeigt, dass dies auch langfristig eine Herausforderung für Städte sein kann. Julia Aichele ist überzeugt: „Es gibt noch bessere Maßnahmen.“

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