Neues Buch von Ulla Wolanewitz: Muckefuck und Möppkenbraut
„Wir wollten endlich den Neuanfang“

Kreis Coesfeld. Die ersten Perlonstrümpfe, der erste Urlaub – am Timmendorfer Strand – , die ersten Tapeten und 12 Fahrstunden bis zum Führerschein: Die 1950er Jahren waren Aufbruch und Aufschwung, Entbehrung und harte Zeiten zugleich.

Samstag, 07.11.2020, 09:00 Uhr
Autorin Ulla Wolanewitz aus Nottuln interviewte 12 Zeitzeugen. Foto: az

In ihrem neuen Buch „Muckefuck und Möppkenbraut“ lässt die Nottulner Autorin Ulla Wolanewitz diese Zeiten wieder lebendig werden. 12 Zeitzeugen aus dem Kreis Coesfeld schildern ihre Erinnerungen an die 50er Jahre. Eine Zeit, in der es statt teuren Bohnenkaffee Muckefuck gab, den billigeren Ersatzkaffee. Und Wurstsuppe. Plattdeutsch war damals noch Alltagssprache – und deswegen erzählen die 12 Zeitzeugen ihre Geschichten auch „up platt“. „Nach ein paar Seiten ist man aber schnell drin“, sagt Autorin Ulla Wolanewitz.

Zugrunde liegt dem 110 Seiten starken Büchlein ein DVD-Projekt, das vor acht Jahren entstand. „Ich finde, dass die Geschichten nicht verloren gehen sollten“, sagt Ulla Wolanewitz. So gestaltete sie nun aus den Manuskripten ein Buch. Vier Monate war Wolnewitz damals auf Recherchetour, interviewte Zeitzeugen und Originale aus dem Kreis Coesfeld. Fünf der 12 Protagonisten sind inzwischen verstorben, „umso wichtiger ist es, dass ihre Geschichten festgehalten werden“, findet Wolanewitz. Eine ihrer Zeitzeuginnen, Clara Berning aus Billerbeck, feierte im März ihren 100. Geburtstag, noch vor dem Corona-Lockdown. Sie erinnert sich noch gut daran, dass die ersten Gardinen nach dem Krieg aus Leinen waren, die sie mit Kartoffeldruck bunt gestaltete. Und an die Teppiche, die sie aus Stoffresten häkelte.

Da ist Josef Jakob aus Coesfeld, der über seine Zeit als Anstreicher erzählt. Einen Firmenwagen gab es nicht, die Utensilien verstaue er in einen Handkarren und zog damit los. Tapeten waren noch nicht modern, dafür sorgte aber eine Gummiwalze mit Mustern für Extravaganz an den Wänden. Inge Barth aus Coesfeld, die in den 50er Jahren in einem Warenhaus angestellt war, schwärmt von den „schönen Sachen“, die sie verkauft hat. Sie kann sich noch an den tollen Badeanzug erinnern, sogar im Detail: Marke Heinzelmann, Modell Orchidee. Der natürlich mit musste, als sie vom ersparten Geld nach Nizza reiste. Die Fotos von der Reise sind nicht nur wegen der Motive heute ein Dokument: Auch die realistisch anmutenden, wenig knalligen Farben der Fotos sind typisch 50er.

„In den 50ern war das Schlimmste vorbei“, sagt Inge Barth. Aber es war auch die Zeit, als mit Kohle geheizt wurde und es überall kalt im Haus war außer in der Küche. Die Zeit der Plumpsklos, der dicken Federbetten, die Zeit ohne Fernseher und Auto. Als vom ersten Lehrlingsgeld voller Stolz eine Armbanduhr gekauft wurde.

Wer kann das alles besser erzählen als die, die diese Zeit erlebt haben? „Muckefuck und Möppkenbraut“ dokumentiert diese Zeit und zeigt, dass sie längst nicht nur Wirtschaftswunder, Nierentisch und Petticoat war. Sondern auch geprägt von der Kriegszeit, „von Wohnungsnot und Verlust von Heimatangehörigen“, schreibt Christiane Cantauw von der volkskundlichen Kommission für Westfalen im Vorwort.

0 Ulla Wolanewitz, „Muckefuck und Möppkenbraut“, 110 Seiten, erhältlich u.a.: Nottuln: Polstermöbelwerkstätten Ahlers; Billerbeck: Bücherschmiede Gessmann; Gerleve: Buchhandlung der Abtei; Coesfeld: AZ-Pressevertrieb; Havixbeck: Bücher Janning; Senden: Bücher Schwalbe; Dülmen: Horstmannsche Buchhandlung; oder bei der Autorin uwolanewitz@web.de, Tel. 02502/8344

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