Jahresgespräch mit Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr
„Dass wir hier zusammenhalten“

Kreis Coesfeld. Welche Lehren muss der Kreis Coesfeld aus der Corona-Pandemie ziehen? Worüber hat sich Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr (Darup) in 2020 am meisten geärgert? Welche Herausforderungen sieht er für dieses Jahr? Unser Redaktionsmitglied Florian Schütte sprach mit ihm.

Freitag, 08.01.2021, 16:36 Uhr
„Besonders gefreut habe ich mich, dass wir in dieser Krise alle enger zusammengerückt sind“: Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr. Foto: vth/Archiv

2020 war für alle das Jahr des Verzichts. Welche Absage hat Sie am meisten geschmerzt?

Schulze Pellengahr: In diesem Jahr mussten ja unzählig viele Veranstaltungen abgesagt werden. Besonders bedauert habe ich die notwendige Absage von Informationsveranstaltungen der Schulen zur Ausbildung, wie der Coesfelder Messe zur Bildungs- und Berufsorientierung im November. Das war wirklich besonders schade, da damit ein tolles Angebot für die jungen Nachwuchskräfte nicht zur Verfügung stand.

Worüber haben Sie sich in 2020 am meisten geärgert?

Schulze Pellengahr: Geärgert habe ich mich über so manche unsachliche und zum Teil überzogene Kritik im Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen im Unternehmen Westfleisch im Mai 2020. Zu glauben, dass bei uns in einem Rechtsstaat ein Landrat nach Gutsherrenart jeden Gewerbebetrieb sogleich beim Ausbruch eines Virus in der Belegschaft einfach so schließen kann und zu behaupten, ich hätte ja erst reagiert, als die Landesregierung in Düsseldorf entschieden hatte, das Unternehmen zu schließen, ist grob unwahr, falsch und widerspricht komplett den Tatsachen. Ich stimme mit unserem Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und unserem Ministerpräsidenten Armin Laschet völlig überein, dass auch im Vergleich zum späteren Ausbruchsgeschehen im Schlachthof Tönnies im Kreis Gütersloh bei uns im Kreis Coesfeld das Krisenmanagement dank vieler sehr engagierter Kollegen in der Kreisverwaltung sehr gut und schnell funktioniert hat.

Und was war Ihr persönliches Highlight?

Schulze Pellengahr: Besonders gefreut habe ich mich, dass wir in dieser Krise alle bildlich gesprochen „enger zusammengerückt“ sind und viele in den Nachbarschaften, Kirchengemeinden, Vereinen und Verbänden Hilfe für Ältere und Kranke organisiert haben, damit sie gut durch die Pandemie kommen können. Das war großartig und zeigt, dass wir hier im Kreis Coesfeld in Krisen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Mein persönliches Highlight war sicherlich meine Wiederwahl am 13. September mit einem wirklich erstklassigen Ergebnis, für das ich sehr dankbar bin und worüber ich mich riesig gefreut habe.

Welche Lehren muss der Kreis Coesfeld aus der Corona-Pandemie ziehen? Wie kann er sich für mögliche künftige Pandemien besser rüsten?

Schulze Pellengahr: Wir alle haben gelernt, dass unsere Gesellschaft nicht unverwundbar ist. Es wurde um so mehr deutlich, wie wichtig es ist, in die Vorsorge des Krisen- und Katastrophenschutzes, aber auch des öffentlichen Gesundheitsdienstes zu investieren. Für die zeitnahe umfassende Überarbeitung unseres Katastrophenschutzplanes hat der Kreisausschuss noch im Sommer auf meinen Vorschlag hin die nötigen Mittel bewilligt. Auch das umfangreiche Investitionsprogramm in den Neubau und die Erweiterung unserer Rettungswachen sowie den Neubau der Kreisleitstelle stellen wichtige Infrastrukturmaßnahmen dar, um künftig als untere Katastrophenschutzbehörde gut aufgestellt zu sein.

Gibt es auch etwas Positives, das Sie der Corona-Zeit abgewinnen können?

Schulze Pellengahr: Neben dem bereits erwähnten guten Zusammenhalt in der Bevölkerung während dieser Krise hat auch die Digitalisierung aller Lebensbereiche einen enormen Schub erfahren. Hier ist es gut, dass der Kreis Coesfeld in NRW aktuell den 1. Platz in der Verfügbarkeit von Glasfaser belegt, so dass Videokonferenzen, aber auch das Lernen auf Distanz schnell eingeübt werden konnten und inzwischen vielfach selbstverständlich geworden sind. Aber auch die Zusammenarbeit zwischen Kreis und den kreisangehörigen Kommunen ist in dieser Krise noch enger und reibungsloser geworden. Hier haben sich alle gut vernetzt und das gemeinsame Ziel gut verfolgt.

Zu Beginn dieses Jahres standen Planungen und Fertigstellungen von Rettungswachen im Kreis ganz oben auf der Agenda, damit auch verbunden das Thema 5G zur Vernetzung der Einsatzfahrzeuge. Wie ist der aktuelle Stand?

Schulze Pellengahr: Mit der Einweihung der neuen Rettungswache in Ascheberg im Sommer haben wir einen wichtigen Meilenstein im Bauprogramm der Rettungswachen erreicht. Auch beim Thema 5G im Rettungsdienst haben wir fristgerecht unsere Machbarkeitsstudie beim Bund in Berlin eingereicht. Inzwischen haben wir auch eine anerkennende Rückmeldung erhalten, allein eine Förderzusage gab es leider bisher noch nicht, da andere Projekte hauchdünn die „Nase vorn“ hatten und die Fördermittel erst einmal vergeben sind. Dennoch werden wir das Thema nicht einfach damit einstampfen, sondern uns weiterhin um eine Förderung bemühen.

Wie war Ihr Jahreswechsel?

Schulze Pellengahr: Es war ein ruhiger Jahreswechsel innerhalb unserer Familie. Das Feiern mit Freunden fiel in diesem Jahr aus.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für 2021 im Kreis Coesfeld?

Schulze Pellengahr: Neben den regulär anstehenden Themen ist es weiterhin die Bewältigung der Corona-Pandemie. Das Land hat den Kreis gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung mit dem Aufbau eines Impfzentrums und der Durchführung der Impfungen gegen das Corona-Virus beauftragt. Diese neue Aufgabe gilt es in den nächsten Monaten professionell durchzuführen. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag in der Bekämpfung dieses tückischen Virus.

Anfang des neuen Jahres könnte die Machbarkeitsstudie für eine Power-to-Gas-Anlage an den Start gehen. Warum hat es so lange gedauert? Der Förderbescheid dafür kam ja bereits Anfang August…

Schulze Pellengahr: Lange? Das sehe ich anders. Dafür, dass die vier Projektpartner (micro energy Viessmann, ein Aachener Ingenieurbüro, Erdgasnetzbetreiber und die GFC) in der Corona-geprägten Zeit fast ausschließlich über Videokonferenzen kommunizieren mussten - und vor allem angesichts der Komplexität der Planungen - ging das sehr zügig. Ein besonderes Augenmerk hat die Machbarkeitsstudie auf die wirtschaftliche Berechnung. Wir sind froh, dass der Bundestag am 17.12.2020 die EEG-Novelle verabschiedet hat, in der nun Strom für die Erzeugung von Wasserstoff in Power-to-Gas-Anlage von der EEG-Umlage befreit wird. Damit kann das Projekt wirtschaftlich werden. Ein zweiter Punkt betrifft die Anlage selbst. Durch spezielle – entsprechend Zeitaufwendige – Versuchsreihen wird der optimalste Herstellungsprozess für das herzustellende „grüne“ oder auch „synthetische“ Erdgas entwickelt das aus Wasserstoff und dem CO2 erzeugt werden soll.

Ihr persönlicher Wunsch für den Kreis Coesfeld und sich selbst fürs neue Jahr?

Schulze Pellengahr: Ich wünsche uns allen in dieser Zeit vor allem Gesundheit und die Verschonung vor einem schweren Verlauf durch die Viruserkrankung. Dabei wünsche ich mir sehr, dass wir durch die nun eingesetzte Impfung viele Menschenleben - auch bei uns im Kreis Coesfeld - retten können und wir bald wieder nach und nach zur Normalität zurückkehren können, wobei ich mir bewusst bin, dass dies noch einiges an Zeit, Geduld und Ausdauer erfordern wird.

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