Trauer im Kreis Coesfeld um den verstorbenen Sozialpolitiker Karl Schiewerling aus Nottuln
„Ein Freund der Menschen, ein toller Politiker“

Kreis Coesfeld (vth). Karl Schiewerling mochte die Menschen. Seine Frage „Wie geht es denn?“ war nie so daher gesagt, er interessierte sich für das Befinden von anderen Menschen, besonders von denen, die es nicht so gut haben. Der Tod des Sozialpolitikers und früheren Bundestagsabgeordneten aus Nottuln berührt im Kreis Coesfeld die Menschen tief. Er starb, wie berichtet, im Alter von 69 Jahren in der Nacht zu Sonntag an seinem Krebsleiden.

Samstag, 06.03.2021, 07:00 Uhr
Engagierter Redner, dem alle gerne zuhörten: Karl Schiewerling am 26. März 2018 bei einem Symposium zur Arbeitsmarktpolitik im Kreishaus. Foto: az

Schiewerling, der heute (Samstag) beerdigt wird, war das soziale Gesicht in der CDU. Als arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Experte machte er sich im Bundestag, dem der gebürtige Essener von 2005 bis 2017 angehörte, einen Namen und erwarb sich Respekt und Anerkennung über alle Parteigrenzen hinweg. Schiewerling stellte zahlreiche Projekte auf die Beine. Oft bewirkte er im Hintergrund Verbesserungen.

„Unvergessen sind die zahlreichen Begegnungen mit ihm, in denen er sich leidenschaftlich vor allem für die sozialen Belange der Bürgerinnen und Bürger einsetzte“, sagt Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr. „Dabei war ihm sein christlicher Glaube und das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit stets Grundlage und authentische Richtschnur seines Handelns.“

2005 wurde Karl Schiewerling direkt in den Bundestag gewählt, damals als Nachfolger von Werner Lensing (Coesfeld). In seinem Wahlkreis Coesfeld-Steinfurt II waren seine Wurzeln – die Bodenhaftung hat er nie verloren. Hier war er unterwegs, besuchte Vereine, Verbände, Hilfsorganisationen. „Oftmals hat er angerufen und gefragt: Wie macht Ihr das vor Ort?“, berichtet Detlef Schütt, der als Sozialdezernent des Kreises Coesfeld viel mit ihm zu tun hatte. „Er wollte wissen, wie das Leben im Land ist und nicht losgelöst im fernen Berlin praxisferne Entscheidungen treffen.“

Verbunden mit dem Namen Schiewerling sind Modellprojekte wie „Respekt“, mit dem Jugendlichen unkompliziert in schwierigen Lebenssituationen geholfen werden sollte. Über das in Coesfeld angesiedelte Projekt erzählte er sogar Papst Franziskus, dem er 2017 im Vatikan begegnete.

Kurz vor Ende seines Bundestagsmandates 2017 setzte Schiewerling bessere Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie durch. Er hing seinen Einsatz nicht an die große Glocke.

Schiewerling war seit Juni 2007 im CDA-Bundesvorstand aktiv, dem sozialpolitischen Flügel der CDU. „Der Tod von Karl Schiewerling macht mich sehr traurig“, sagt NRW-Gesundheitsminister und CDA-Bundesvorsitzender Karl-Josef Laumann. „Denn er war für mich sehr viel mehr als ein politischer Weggefährte. Ihn zu treffen hat mich jedes Mal gefreut, die Zusammenarbeit mit ihm habe ich immer sehr geschätzt. Karl lebte und verkörperte die christliche Soziallehre wie kaum ein anderer. Reden und Handeln stimmten bei ihm immer genau überein. Er war ein Freund der Menschen und deshalb ein toller Politiker.“

Der frühere Landtagsabgeordnete Werner Jostmeier aus Dülmen erinnert sich noch daran, dass Schiewerling zu ihm sagte: „Du hast mich in die Politik gebracht.“ Denn er übernahm zu Anfang den CDA-Vorsitz der Baumberge-Gemeinden und wirkte von da an in mehreren CDA- und CDU-Gremien auf Kreis-, Bezirks- und Landesebene mit. „Wie eng wir politisch und menschlich zusammengearbeitet haben, zeigt sich daran, dass wir nach seiner Wahl in den Bundestag 2005 fast zehn Jahre mit dem ,Politikom‘ in Dülmen ein gemeinsames Bürger- und Abgeordnetenbüro betrieben hatten“, so Jostmeier. „Mit seinem menschlichen Umgangsstil, stets frisch, fromm, fröhlich, frei, konnte er auch politische Gegner für gemeinsame Projekte gewinnen.“

Schon als Kolping-Diözesansekretär setzte Karl Schiewerling ab Mitte der 80er Jahre beachtliche Akzente. Frühzeitig engagierte er sich als einer der Initiatoren des Diözesanforums Münster für grundlegende Reformen in der katholischen Kirche. „Er hat Maßstäbe gesetzt, die sehr schwer von anderen zu erreichen sind. Wir alle verlieren ein menschliches und politisches Vorbild“, sagt Norbert Hagemann aus Coesfeld, der als damaliger Geschäftsführer des Kreisdekanates Coesfeld und als CDA-Kollege auf Kreis- und Stadtebebe sowie als Kommunalpolitiker die kirchliche und soziale Arbeit Schiewerlings unterstützte.

„Der liebe Gott tut nix als wie fügen!“ Das war eine Lebensmaxime von Karl Schiewerling in seinem langjährigen Wirken beim Kolpingwerk Diözesanverband Münster. „Er hatte eine große Herzlichkeit und konnte Menschen begeistern“, sagt Carolin Olbrich, Verbandsreferentin beim Kolpingwerk. „Ich vermisse sein Lachen.“

Von 1986 bis 2002 prägte Schiewerling als stellvertretender Vorsitzender des Diözesankomitees der Katholiken die Arbeit der obersten Laien-Organisation. „In seiner zugewandten Art begegnete er den Menschen mit Wertschätzung und auf Augenhöhe, egal wer man war, was man machte oder wie alt man war“, so Vorsitzende Kerstin Stegemann.

Der Mensch, immer wieder der Mensch stand im Mittelpunkt: Tief beeindruckt kehrte Karl Schiewerling von einem Besuch im Nordirak in 2015 mit einer Delegation der Sendener Hilfsinitiative „Hoffnungsschimmer“ zurück. Der Krieg, der Terror, der Islamische Staat – und Flüchtlingscamps so groß wie ganze Städte. Da wollte er nicht zusehen, sondern vor Ort helfen. Ein Grund, warum er sich „Hoffnungsschimmer“ anschloss.

Schiewerlings Nachfolger im Bundestag – Kreis-CDU-Vorsitzender Marc Henrichmann aus Havixbeck – erinnert sich noch gut an die erste Sitzung in Berlin. „Mir hat er im Reichstagsgebäude ,seinen‘ Platz gezeigt, ihn gegen alle anderen verteidigt und gesagt: „Diesen Platz habe ich von Werner Lensing übernommen und jetzt sitzt du hier. Da können sich die Anderen auf den Kopp stellen und mit den Füßen hurra rufen!“ Auch so ein Satz, der ein Markenzeichen von ihm war. Karl Schiewerling sei immer ansprechbar und hilfsbereit gewesen, so Henrichmann: „Nicht nur für Kollegen, sondern für jedermann, der Rat und Hilfe brauchte. Und das mit einem positiven Ehrgeiz, der zu guten Ergebnissen führen musste.“

Das weiß auch Rita Kleinschneider aus Coesfeld-Lette von der Pressestelle des Kolpingwerks im Bistum Münster zu schätzen. Von 2003 bis zu seiner Wahl in den Bundestag 2005 saßen sie Raum an Raum. Die Türen standen fast immer offen. „Er hat mit seinem Enthusiasmus mein Interesse an Politik gesteigert und mir vermittelt, dass es als Bürger möglich ist, die Demokratie mitzugestalten.“

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