Kriminalität
Therapeut unter Kinderporno-Verdacht: «Polizeifehler»

Während er Kinder behandelte, soll ein Krankengymnast in Ostwestfalen Porno-Fotos von ihnen gemacht haben. Die Ermittlungen zogen sich über ein Jahr hin. Drei Mal kam die Polizei mit Durchsuchungsbeschluss. Da der Verdächtige nicht zu Hause war, gingen die Ermittler wieder.

Donnerstag, 04.04.2019, 16:37 Uhr aktualisiert: 04.04.2019, 16:42 Uhr

Düsseldorf (dpa/lnw) - Gut zwei Monate nach Bekanntwerden des Missbrauchfalls von Lüdge ermittelt die Polizei in einem weiteren Fall sexuellen Missbrauchs: Ein Physiotherapeut aus dem westfälischen Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis bei Behandlungen pornografische Fotos von Kinder-Patienten gemacht haben. Laut Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) gibt es eine «mittlere einstellige Zahl von Opfern. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es noch weitere Opfer gibt, möglicherweise sogar viele», sagte Reul am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags.

Der 60-Jährige Krankengymnast und Heilpraktiker sitzt seit vergangener Woche in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von Kinderpornografie.

In den Ermittlungen hat es laut Reul in puncto Ermittlungstempo einen «klaren Fehler» der Polizei gegeben. Der Fall hätte «höher priorisiert» werden müssen, da der Verdächtige als Kinder- und Jugendtherapeut «freien Zugang zu Kindern und Jugendlichen» gehabt habe. Polizeilich sei er zuvor nicht in Erscheinung getreten.

Der Fall lag laut Reul bereits seit November 2017 bei der Kripo Minden-Lübbecke. Erst am 8. März diesen Jahres sei es zu einer Durchsuchung gekommen, seit dem 29. März sitze der Mann in Untersuchungshaft. Die «BILD»-Zeitung hatte online zuerst über die Verzögerungen berichtet. In der Ausschusssitzung bezeichnete der innenpolitische Sprecher der SPD, Hartmut Ganzke, die Verzögerungen als «ein verheerendes Signal an die staatstreuen Bürger in NRW».

Laut «BILD» bekam die Polizei den ersten Hinweis auf den Mann schon im Oktober 2017. Hinweisgeber sei ein Computerfachmann gewesen, der bei einer Reparatur kinderpornografische Bilder auf dem Rechner des Physiotherapeuten gefunden hatte, berichtete die Zeitung.

Reul berichtete, dass die Polizei in der Folge drei erfolglose Versuche unternommen hatte, die Wohnung des Beschuldigten zu durchsuchen - im Mai und im Juli 2018 sowie im Januar 2019. «Da man den Beschuldigten aber nicht zu Hause antraf, hat man den Versuch dann aus taktischen Gründen abgebrochen», sagte Reul. «Es gibt nämlich die kriminalistische Erfahrung, dass die Konsumenten von Kinderpornografie die (...) Daten - also: diese furchtbaren Bilder und Videos - häufig mit sich herumtragen.» Das Vorgehen der Ermittler sei daher nach Einschätzung der kriminalpolizeilichen Fachaufsicht im Landeskriminalamt «grundsätzlich durchaus nachvollziehbar», so Reul weiter.

Erst am 8. März habe umfangreiches Datenmaterial sichergestellt werden können, darunter Mobiltelefone, Computer und andere Datenträger. Bei einer weiteren Durchsuchung am 14. März seien weitere Datenträger beschlagnahmt worden. Eine Auswertung habe ergeben, dass es sich bei vielen Bildern um kinderpornografisches Material handele. Außerdem habe es Hinweise gegeben, dass der Tatverdächtige solches Material «auch selbst angefertigt haben könnte». «Ob der Beschuldigte seine Tätigkeit als Therapeut zu weiteren strafbaren Handlungen ausgenutzt habe, wird derzeit ermittelt.»

Wegen «Umfang und Bedeutung» habe die Polizei Dortmund die Ermittlungen am 29. März übernommen, inzwischen seien mit dem Fall etwa 80 Ermittler befasst.

Um weitere Opfer ausfindig zu machen, richtete die Polizei am Donnerstag mobile Anlaufstellen in Bad Oeynhausen und im benachbarten Minden ein. Bis einschließlich Samstag wollen Ermittler und Opferschutzbeauftragte der Polizei dort Hinweise entgegen nehmen.

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