Motiv gibt noch Fragen auf
Dreijähriger in Detmold kam durch mehrere Messerstiche ums Leben

Detmold -

Dimitri L. stehen Tränen in den Augen, als er ein Grablicht anzündet und es zusammen mit einem Topf Heidekraut neben dem Hauseingang  stellt. Detmold, Neulandstraße 3, ein Sechsfamilienhaus.  An der Tür zu einer der Erdgeschosswohnungen hat die Mordkommission ihr Siegel hinterlassen. In der Nacht hatte die Kripo hier erste Spuren gesichert und den Leichnam des Kindes wegbringen lassen. Gleich wollen die Beamten wiederkommen.

Donnerstag, 07.11.2019, 20:52 Uhr
In diesem Sechsfamilienhaus in Detmold kam es zu der familiären Tragödie. Foto: Christian Althoff

Hinter der Wohnungstür müssen sich am Tag zuvor dramatische Szenen abgespielt haben, als der  dreijährige Niklas von seiner 15 Jahre alten Halbschwester niedergestochen  wurde.

Dass das so war  – davon sind die Ermittler überzeugt.  „Offenbar hat niemand im Haus den Jungen schreien hören“, sagt Oberstaatsanwalt Christopher Imig. Er war noch in der Nacht am Tatort, um sich ein Bild zu machen. „Was man dabei fühlt, brauche ich ja wohl nicht zu beschreiben“, sagt er.

Leichen-Obduktion in der Rechtsmedizin in Münster

Dimitri L. zieht ein Handy aus der Tasche und zeigt das Foto eines kleinen blonden Jungen. „Das war Niklas“, sagt er mit tränenerstickter Stimme.  Der Mann erzählt, er sei etwa ein Jahr mit der Mutter der Kinder zusammen gewesen: „Wir haben uns im August getrennt.“ Das Mädchen sei eigentlich ein nettes Kind, sagt er. „Wir waren alle zusammen in Frankreich im Urlaub. Sie war in Ordnung.“ Und das Motiv? Dimitri L. zuckt mit den Schultern. „Vielleicht war sie  eifersüchtig,  weil sich viel um den kleinen Bruder drehte.“

Ermittler halten das für eine gewagte Theorie, und auch Rechtsanwalt Helmut Wöhler aus Bad Salzuflen, der die Schülerin vertritt,  ist skeptisch: „Können Sie sich vorstellen, dass ein Mädchen seinen kleinen Bruder aus Eifersucht ersticht?“ Während Polizisten der Mordkommission die 15-jährige Halbschwester in Detmold befragen, obduzieren Rechtsmediziner der Universität Münster das kleine Opfer in Bielefeld. „Der Junge kam durch mehrere Messerstiche ums Leben“, sagt Oberstaatsanwalt Imig anschließend. Ob die Mordkommission die Tatwaffe schon gefunden hat, weiß sie noch nicht. Die Spurensicherer haben mehrere Messer in der Wohnung sichergestellt, die noch untersucht werden müssen.

Die Suche nach dem Motiv

Staatsanwaltschaft und Polizei hoffen, bei der Haftvorführung am Freitagvormittag etwas Konkretes zum Motiv zu erfahren. Von dem Eindruck, den das Mädchen beim Haftrichter hinterlässt, wird es abhängen, ob es zur Untersuchungshaft in die einzige Haftanstalt für Mädchen nach Köln gebracht oder in einer Gerichts­psychia­trie untergebracht wird. „Auf jeden Fall muss meine Mandantin vor einem Prozess psychiatrisch untersucht werden“, sagt Rechtsanwalt Wöhler.

Geschwister-Morde kommen sehr selten vor. 2009 hatte ein 16-Jähriger in Hessen seinen sechsjährigen Bruder umgebracht.  Als Motiv gab er Hass auf seinen jüngeren Bruder an und wurde zu fünf Jahren  Gefängnis verurteilt.  2001 erschoss ein 14-Jähriger in Mecklenburg-Vorpommern seine Mutter und seine siebenjährige Halbschwester. Er  wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Und 2005 ­tötete eine Sechsjährige in Thüringen  ihre erst zehn Tage alte Schwester.

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