Mordanklage gegen 15-Jährige nach Bluttat von Detmold
Das Opfer starb im Schlaf

Detmold -

Der drei Jahre alte Niklas aus Detmold ist am Mittwoch mit 28 Messerstichen umgebracht worden. „Das ist das vorläufige Ergebnis der Obduktion“, sagte Oberstaatsanwalt Christopher Imig am Freitag.

Samstag, 09.11.2019, 10:15 Uhr aktualisiert: 09.11.2019, 11:49 Uhr
Christopher Imig, Sprecher der Detmolder Staatsanwaltschaft, steht am Freitag Rede und Antwort. In dem Mehrfamilienhaus hinter ihm ereignete sich die Bluttat. Eine 15-Jährige soll ihren dreijährigen Halbbruder getötet haben. Foto: dpa

Der Junge wurde nach Überzeugung der Ermittler von seiner 15 Jahre alten Halbschwester umgebracht, während die alleinerziehenden Mutter arbeiten war. Sie hatte ihren Sohn am Mittwochabend gegen 21 Uhr in seinem Blut gefunden, von ihrer Tochter fehlte da noch jede Spur.

Das Mädchen war geflohen und am Donnerstag in Lemgo nach einem Zeugenhinweis festgenommen worden. Freitagvormittag wurde die Schülerin dem Haftrichter Christian von Borries vorgeführt. Der Termin dauerte etwa eine Stunde. Verteidiger Helmut Wöhler sagte anschließend: „Ich war erst davon ausgegangen, dass es um Totschlag gehen würde, aber dann lautete der Vorwurf Mord.“

Denn die Ermittlungen hatten ergeben, dass die Halbschwester Niklas angegriffen haben soll, als er im Bett seiner Mutter lag und schlief. Einen Schlafenden anzugreifen gilt generell als heimtückisch – und damit als Mord. Möglicherweise ist der Angriff im Schlaf auch der Grund dafür, dass offenbar niemand im Haus Schreie gehört hatte. Rechtsanwalt Wöhler: „Der Richter hat sich viel Mühe mit der Befragung gemacht. Meine Mandantin hat die Tat nicht bestritten. Sie hält sich für die Täterin, gibt aber an, Erinnerungslücken zu haben.“

Hinsichtlich des Motivs gibt es aber noch immer keine Klarheit. Aus diffusen Äußerungen der Jugendlichen leiten Mordkommission und Staatsanwaltschaft allerdings ab, dass die 15-Jährige „eine tiefe Abneigung“ gegen ihren Halbbruder gehabt habe, wie Oberstaatsanwalt Imig sagte. Eine Rolle könnte dabei spielen, dass die Jugendliche regelmäßig auf den Dreijährigen aufpassen musste, wenn die Mutter zur Arbeit war. Für Hass als Auslöser der Tat könnte auch die große Zahl an Messerstichen sprechen. 28 Stiche wären nicht erforderlich gewesen, um das wehrlose Kind zu töten. Gerichtspsychologen sprechen von „Übertötung“, die vor allem in Fällen beobachtet wird, in denen Täter und Opfer in einem engen Verhältnis stehen und bei denen starke Gefühle im Spiel sind.

15-Jährige sitzt in JVA Iserlohn

Nach Verkündung des Haftbefehls wegen Mordes wurde die Schülerin in die Justizvollzugsanstalt Iserlohn gebracht – die einzige in NRW die Untersuchungshaftplätze für Mädchen bereithält. „Ich möchte, dass sie dort so schnell wie möglich psychiatrisch untersucht wird“, sagte Verteidiger Wöhler. Die Frage, ob seine Mandantin realisiert habe, was sie getan hat und wie sie dazu steht, konnte der Anwalt nicht beantworten. „Es gibt Menschen, die sich ihre Gefühle nicht anmerken lassen, und so ein Mensch ist die 15-Jährige offenbar auch. Ich weiß nicht, wie es in ihr aussieht.“ Man habe bei ihr den Eindruck, einem sehr schüchternen Menschen gegenüberzusitzen. „Man kommt schlecht an sie heran. Ich werde sie aber noch diesen Monat in der Untersuchungshaft besuchen. Vielleicht gewinne ich dann etwas mehr Klarheit.“

Vor dem Mehrfamilienhaus im Detmolder Ortsteil Klüt, in dem Niklas gestorben war, haben Menschen inzwischen ein Kreuz aus Moos, eine Engelsfigur und Grablichter abgestellt. Auf einem steht: „Friede sei mit Dir.“

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