Kriminalität
Hochzeits-Korsos: Duisburg mit den meisten Einsätzen

Bisher unauffällig, wurden Hochzeits-Korsos 2019 zu einem neuen Phänomen für die NRW-Polizei. Das Innenministerium legt nun die Jahresbilanz vor: Insgesamt rückte die Polizei seit 1. April 459 mal wegen Hochzeitsgesellschaften aus. Schwerpunkte: Duisburg und Köln.

Mittwoch, 01.01.2020, 13:24 Uhr aktualisiert: 01.01.2020, 13:32 Uhr

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die NRW-Polizei ist im vergangenen Jahr mehrere hundert Mal zu Einsätzen wegen auf der Straße auffallenden Hochzeits-Gesellschaften oder Korsos ausgerückt. Nach einer Statistik des Innenministeriums - die seit dem 1. April geführt wird - gab es bis einschließlich dem 29. Dezember genau 459 Einsätze. Die meisten davon mit 58 in Duisburg, gefolgt von Köln (48 Einsätze) und Essen (40).

Wie das Innenministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte, fand jeder zehnte Einsatz - insgesamt 45 - auf Autobahnen statt. Mit der Blockade durch eine hochmotorisierte Fest-Gesellschaft auf der Autobahn 3 bei Ratingen war das Phänomen Hochzeits-Korsos Mitte März in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit geraten. Das Innenministerium initiierte wenige Tage später ein Lagebild, das seitdem stetig aktualisiert wird. Die Polizeibehörden sind angewiesen, dafür jeden Einsatz mit dem Anlass «Hochzeit» zu melden.

Aus dem Lagebild geht jetzt zum Ende des Jahres unter anderem hervor, dass die meisten dieser Polizeieinsätze samstags (261) und sonntags (128) . In 108 Fällen wurden von Zeugen Schüsse gemeldet - wobei die Polizei 58 Mal Schützen ausfindig machen konnten. In der Regel waren es unerlaubte Schreckschusspistolen. 49 Mal wurde der Einsatz von Pyrotechnik - zum Beispiel Bengalos - gemeldet.

Im Sommer hatte die Polizei noch bis zu 40 Einsätze an einem Wochenende. Mit dem schlechteren Wetter gingen die Fälle zurück. In der Woche vom 23. bis zum 29. Dezember gab es landesweit noch acht Einsätze. Davon drei Korsos, drei Verkehrsbehinderungen und zwei Schussabgaben - von denen eine nachgewiesen werden konnte.

Die Ermittlungen um den Hochzeits-Korso auf der A3, der im März sämtliche Spuren in eine Richtung blockierte, um Filme und Fotos zu machen, laufen noch immer. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, haben die Anwälte der Beschuldigten Akteneinsicht beantragt, die noch immer läuft. Der Aktion auf der Autobahn bei Ratingen war damals eine Razzia gefolgt, bei der auch ein Spezialeinsatzkommando beteiligt war. Mehrere Handys wurden beschlagnahmt, um sie auf Fotos oder Videos der Blockade zu überprüfen.

Das Landeskriminalamt (LKA) analysierte das Phänomen Hochzeits-Korsos im August in einem mehrseitigen Bericht für den Landtag. Darin wurde dargelegt, dass es eskalierende Hochzeits-Korsos auch in anderen Bundesländern gab - und die Teilnehmer «sich nicht nur auf bestimmte Ethnien beziehen». So habe man auch Anzeigen beim Hochzeitskorso des deutschen Präsidenten eines Rockerclubs in Hagen gefertigt. Bei der besagten Blockade auf der A3 habe nur einer der Tatverdächtigen die türkische Staatsangehörigkeit gehabt.

Der Autor des damaligen Berichts, der Leitende Kriminaldirektor Thomas Jungbluth, hinterfragte die Motive für die wilden Feiern auf der Straße - und kam zu überraschenden Ergebnissen. So lasse sich «nicht eindeutig belegen, ob die Gründe zu überzogenen Freudenausbrüchen nur in dem eigentlichen Anlass der Hochzeit liegen oder andere Motive handlungsbestimmend sind». Vielmehr könnte es sich auch um eine «übersteigerte Männlichkeitsinszenierung», das «Bekunden von Patriotismus», oder auch «das Demonstrieren von Macht und Einfluss im öffentlichen Raum» handeln. Verstärkt werden könnte dies noch durch das Internet. Über Soziale Medien verbreitete Bilder einer Straßenblockade wirkten wie «ein Beweis der Einzigartigkeit und des Selbstbewusstseins der Blockierer», schreibt Jungbluth. Er warnt: «Dies kann Nachahmungs- oder Steigerungseffekte auslösen.»

Innenminister Herbert Reul (CDU) gab bereits früh im Jahr die Devise aus: «Null Toleranz». Autobahnen und Innenstädte seien «keine privaten Festsäle», so Reul. Im Juni ließ er 5000 Flyer verteilen, in denen Hochzeitsgesellschaften vor allzu wilden Eskapaden gewarnt werden: «Halten Sie sich an die Verkehrsregeln», «Provozieren Sie keine Staus», «Zünden Sie keine Feuerwerkskörper», «Führen Sie keine Waffen mit».

Das LKA betonte aber auch: «Das Fahren im Konvoi ohne Überschreiten von Verkehrsregeln oder das gelegentliche Hupen als Ausdruck überschwänglicher Freude» lösten «in der Regel keine polizeilichen Maßnahmen aus».

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