Prozesse
Debatte um Geldstrafe nach Hungertod eines Kleinkindes

Arnsberg (dpa/lnw) - Die Geldstrafe für eine Jugendamtsmitarbeiterin nach dem Hungertod eines Zweijährigen hat eine Debatte um das Strafmaß und Grundprobleme der Jugendamtsarbeit ausgelöst. Nach dem Tod des Jungen im Sauerland hatte das Landgericht Arnsberg am Dienstag eine deutlich mildere Strafe verhängt als die erste Instanz. Die heute 31-jährige Mitarbeiterin des zuständigen Jugendamts soll wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen 50 Tagessätze à 70 Euro zahlen. Das Amtsgericht Medebach hatte sie zunächst zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, weil sie den Tod des Jungen hätte «verhindern müssen und verhindern können». Die Mutter des Kleinkindes hatte drei Jahre und sechs Monate Gefängnis erhalten.

Mittwoch, 08.01.2020, 14:14 Uhr aktualisiert: 08.01.2020, 14:22 Uhr

Mit dem Urteil im Berufungsverfahren habe das Landgericht trotz des milde anmutenden Strafmaßes ein wichtiges Zeichen gesetzt, betonte die Deutsche Kinderhilfe. Es dokumentiere, dass die Mitarbeiterin falsch gehandelt und Schuld auf sich geladen habe, sagte der Vorsitzende Rainer Becker am Mittwoch auf Anfrage. Angesichts der strukturellen Defizite in den Jugendämtern - zu wenig Personal, geringes Gehalt und hohe Verantwortung schon für junge Mitarbeiter - habe er Verständnis dafür, dass «nur» eine Geldstrafe verhängt worden sei. Die Frau wurde vom Gericht nicht wegen «grober», sondern «einfacher» Fahrlässigkeit verurteilt.

Die Verteidigung will Freispruch und kündigte Revision an. Karl Materla von der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) sagte der dpa: «Der Kollegin ist fachlich kein Vorwurf zu machen.» Die Mutter habe den Jungen stets so präsentiert, dass es keinen Grund zu der Annahme gegeben habe, er könne unterernährt sein. Die Kollegin habe die Familie «zweimal oder dreimal» aufgesucht. Der ASD-Vorsitzende bemängelte: Es gebe keine höchstrichterliche Rechtsprechung dazu, ab wann genau Mitarbeiter eingreifen müssten, etwa die Polizei oder das Familiengericht einschalten sollten.

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