Corona-Krise in NRW
Die Rückkehr zur Normalität erfordert schwerwiegende Entscheidungen

Düsseldorf -

„Wir schaffen Unsicherheiten und vernichten auch Wohlstand und Existenzen.“ Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet ist sich der Folgen des Shutdowns im Land bewusst. Bei dem Weg aus der jetzigen Situation kommt es zum Gegeneinander der Kurven.

Donnerstag, 02.04.2020, 20:56 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 21:11 Uhr
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gestern im Landtag. Hinter ihm sein Chef der Staatskanzlei, Nathanael Liminski. Foto: imago

Die rheinische Frohnatur verlässt in diesen Wochen auch Ministerpräsident Armin Laschet. Weil mit dem Shutdown von den Kitas über Schulen und Unis bis zu Handel und Industrieanlagen ein düsteres Gespenst über NRW, Deutschland, Europa und der Welt schwebt: Dass eine Rezession kommt, ist für Ökonomen unabwendbar. Beeinflussen kann man nur noch, wie gewaltig sie sein wird. Die wirtschaftliche Notbremse in einer Zeit von ­rekordverdächtigen Tiefständen bei der Arbeitslosigkeit löst nun eine entgegen­gesetzte Entwicklung aus. „Mit dem, was wir entschieden haben, verhindern wir derzeit, dass Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten“, ruft Laschet im Landtag die Folgen ins Bewusstsein. „Wir schaffen Unsicherheiten und vernichten auch Wohlstand und Existenzen.“

Für ihn ist es darum höchste Zeit, über den Rückweg in die künftige Norma­lität zu finden. Die Wirtschaft drängt: Jede Woche Shutdown koste ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, hat das Ifo-Institut ausgerechnet – 35 Milliarden Euro Verlust pro Woche. „Eine solche tiefe Wirtschaftskrise hat Deutschland noch nie erlebt“, sagt Laschet.

Das Gegeneinander der Kurven

Es wird ein Gegeneinander der Kurven: Die Kurve der Neuinfektionen mit dem Coronavirus muss flach steigen, damit die Kliniken funktionsfähig bleiben und niemand unnötig daran stirbt. Zugleich darf die Konjunkturkurve nicht ins Bodenlose abstürzen. Dazu kommen weitere Kurven: Etwa eine imaginäre, die gesundheitliche Schäden infolge zurückgefahrener medizinischer Behandlungen misst. Oder die steigende Zahl von Fällen, bei denen das Kindeswohl durch Gewalt oder Verwahrlosung gefährdet ist. Oder die mit Existenzängsten erwachsenden Depressionen. Laschet erinnert an die Finanzkrise 2009, als die Zahl der Suizide stark stieg.

Zwölf Experten, mehrere Dilemmata

Dem Dilemma der Pandemie folgen viele weitere. Wie das Land da rausfindet, hierüber holt sich der Ministerpräsident Rat von zwölf Experten. Dazu gehört der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der gerade mit einer Feldstudie im Kreis Heinsberg die Wirksamkeit der Einschränkungen mit messbaren Fakten über die Infektionswege des Coronavirus abgleichen will. Distanz bleibe wichtig – Gedränge wie auf Partys sei zu meiden, sagt er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das Risiko in Geschäften oder Restaurants sei gering. „Wir brauchen nicht auf Dauer extreme Beschränkungen.“ Konkret drängt Professor Michael Hürther vom Institut der Deutschen Wirtschaft auf „klare Signale“ nach Ostern, dass die Wirtschaft ­spätestens im Mai wieder in Gang komme.

Ins Gremium hat Laschet mit den Professoren Christiane Woopen und Otfried Höfe auch zwei Ethik-Experten berufen, die der Landesregierung bei der Gewichtung der Dilemmata helfen sollen. Als Soziologe könne er Mittler sein zwischen den Interessengruppen, die für sich berechtigte Sichtweisen verträten, sagt der Münchener Professor Armin Nassehi, der seine Laufbahn in Münster begann. Auch die Kontakt­sperre sei sehr belastend. Deren Folgen abzuwägen, beschreibt er als „Entscheidungen unter Bedingungen der Unsicherheit“. Es geht um Existenzen und in vielfältiger Hinsicht um Menschenleben.

95 ECMO-Geräte in NRW

Wenn die konventionelle künstliche Beatmung versagt, sind sie derzeit die letzte Chance für Covid-19-Patienten: 95 sogenannte ECMO-Geräte gibt es in Nordrhein-Westfalen. Das hat das NRW-Gesundheitsministerium mitgeteilt. ECMO steht für Extrakorporale Membranoxygenierung. Bei dieser Methode wird das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert, wenn die Lunge dazu trotz konventioneller Beatmungs­maschine nicht mehr in der Lage ist. Die Methode kann über Tage und ­Wochen angewandt werden und gibt der Lunge die Chance zu heilen. Sie gilt wegen der Kosten, des Aufwands und der Häufigkeit von Komplikationen als letztes Mittel der Lebenserhaltung. Von den Covid-19-Patienten in NRW mussten am Mittwoch 424 künstlich beatmet werden. Am Dienstag waren es noch 355. Die Zahl der Intensivbetten mit Beatmung war Mitte März für NRW mit 4223 angegeben worden. Darin waren die ECMO-Geräte enthalten.

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